
Katholiken haben in Deutschland ein schweres Los: Kirchenaustritte, Missbrauch, Reformstreit und Priestermangel. Aber über eines können sie sich derzeit nicht beklagen: dass ihnen öffentlich zu wenig Wertschätzung durch die Politik zuteilwürde. Geradezu flehentlich klingen manche Appelle: Macht endlich Schluss mit dem internen Hickhack um den „Synodalen Weg“, engagiert euch wieder mit voller Kraft für den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht. Dass der Katholikentag in Würzburg als katholische Vitaminspritze für die Demokratie konzipiert wurde, ist daher zunächst ein positives Signal: Der deutsche Katholizismus beendet seine kirchliche Nabelschau.
Eine gute Nachricht ist auch, dass Katholiken in diesen Tagen in Würzburg gegen Polarisierung, Hass und Hetze eintreten. Das gemeinsame religiöse Bekenntnis, das über Parteigrenzen hinausgeht, prädestiniert sie zu Brückenbauern. Christliche Gelassenheit tut dem politischen Klima gut.
Dennoch stellt sich ein Störgefühl ein. Viele Repräsentanten des deutschen Katholizismus drücken sich um ein unangenehmes Eingeständnis herum: Auch Katholiken sind mitverantwortlich für jene Entwicklung, der sie mit ihrer Großveranstaltung in Würzburg gegensteuern wollen. Was sie bei anderen Gelegenheiten gerne hervorheben, kehren sie in diesem Fall gerne unter den Tisch: dass sie Teil der Gesellschaft sind, im Guten, aber eben auch im Schlechten.
Das katholische Bollwerk gibt es nicht mehr
Das gilt mittlerweile auch, wenn es um die AfD geht. Der Mythos von dem katholischen Bollwerk, das gegenüber Populismus und Extremismus aller Art immun sei, ist gründlich entzaubert worden. Seit Bestehen der Bundesrepublik war es fast so sicher wie das Amen in der Kirche, dass populistische und extremistische Parteien unter praktizierenden Katholiken deutlich weniger Zuspruch als im Bevölkerungsdurchschnitt erhalten.
Das ist Vergangenheit. Der Stimmenanteil der AfD ist laut Umfragen selbst unter treuen Kirchengängern oft allenfalls geringfügig niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt, obwohl deren extremistische Positionen offenkundig im Widerspruch zur christlichen Botschaft stehen.
Das lässt sich zum Teil mit langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen erklären. Die katholische Immunität beruhte im Wesentlichen auf drei Voraussetzungen, die heute nicht mehr oder nur noch in Ansätzen vorhanden sind: einem intakten katholischen Milieu, einem geschlossenen katholischen Weltbild und dem Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie.
Aber diese Erklärungsansätze taugen nicht als Ausrede für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und die deutschen Bischöfe. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie die Nöte, Sorgen und Ängste jener Gläubigen, die heute AfD wählen, ernst genug genommen haben; ob deren Abdriften an den rechten politischen Rand hätte verhindert werden können. Für die Politik ist dies ein Gebot der Klugheit, für die Kirche ist es auch Teil ihres Auftrages.
Kein Unvereinbarkeitsbeschluss verhindert ein Kreuz bei der AfD
Die Gründe für den Zuspruch der in weiten Teilen kirchenfeindlichen AfD unter Katholiken sind nicht so leicht zu bestimmen, wie es manche Kritiker der Kirchen suggerieren. Der Vorwurf, die Kirchen navigierten zu sehr im rot-grünen Fahrwasser, trifft für die katholische Kirche weniger zu als für die evangelische. Er ist aber auch in ihrem Fall nicht von der Hand zu weisen. Der Hauptgrund für den Erfolg der Partei unter Katholiken dürfte dies jedoch kaum sein.
Die bisher umfangreichste Befragung von Katholiken, die sogenannte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, belegt diese These jedenfalls nicht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass politische Äußerungen von kirchlichen Repräsentanten ein Kritikpunkt sind, aber keineswegs der alles dominierende.
Der Versuch, mit katholischen AfD-Anhängern ins Gespräch zu kommen, ist umso nötiger, als sich zwischen Kirchenbänken keine Brandmauern errichten lassen. Es war zwar eine richtige Entscheidung der Bistümer, Mandatsträger der AfD von kirchlichen Ehrenämtern auszuschließen. Aber niemand kann exkommuniziert werden, weil er die AfD wählt. Kein Unvereinbarkeitsbeschluss kann verhindern, dass ein Katholik zugleich AfD-Anhänger ist.
Dass kein AfD-Politiker zum Katholikentag eingeladen wurde, ist ebenfalls nachvollziehbar. Der vage Hinweis von ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp, es gebe Gesprächsmöglichkeiten für AfD-Anhänger, zeigte jedoch aufs Neue, wie ratlos man ist im Umgang mit AfD-Wählern.
Es ist nicht damit getan, sich von dieser Partei zu distanzieren oder sie für unwählbar zu erklären, wie dies die Bischöfe in einer Erklärung getan haben. Ob Gespräche mit katholischen AfD-Wählern im großen Stil möglich sind und was sie bringen, ist ungewiss. Aber von einem Katholikentag mit dem Motto „Hab Mut, steh auf“ hätte man sich mehr Mut gewünscht. Einen Versuch wäre es wert gewesen.
