Vor fast 40 Jahren war es für Wilhelm Weil keine Option, mit der Tradition der drei vorangegangenen Generationen zu brechen. Wegen der schweren Erkrankung seines Vaters übernahm er mit erst 24 Jahren die Verantwortung für das 1875 von seinem Urgroßvater Robert Weil gegründete Kiedricher Weingut. „Mein Weg war ein vorbestimmter, aber das habe ich nicht als Zwang empfunden“, sagt Weil heute.
Die familiäre Kontinuität fiel mit einer Zäsur zusammen: Um den Fortbestand des Weinguts zu sichern, wurde das Gut 1988 – bis auf eine eher symbolische Minderheitsbeteiligung der Familie – an den japanischen Getränkekonzern Suntory veräußert. Der Verkauf ermöglichte nicht nur, das renommierte Weingut ungeschmälert zu erhalten, sondern auch, es zu erweitern und zu modernisieren.
Weil-Kinder in die Geschäftsführung aufgerückt
Operativ in die Geschäfte eingegriffen haben die Japaner seit der Übernahme nie, sagt Weil. Solange die Zahlen stimmen, die monatlich an die europäische Suntory-Weinzentrale nach Paris übermittelt werden, kann das Unternehmen „Robert Weil“ die Identität eines Familienweinguts wahren.
Dessen Geschichte soll nun die nächste Generation fortschreiben. Die Weil-Kinder Marie-Charlotte und Robert sind seit einiger Zeit im Weingut engagiert und in diesem Jahr in die Geschäftsführung aufgerückt. „Vorbestimmt“, wie bei Vater Wilhelm, war dieser Schritt nicht. Die 33 Jahre alte Marie-Charlotte hat an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht sowie an der Universität Sorbonne Betriebswirtschaft studiert und sich im Verlagswesen und im Weinhandel umgesehen, ehe sie vor drei Jahren in das Weingut eintrat.

Dort ist sie nun vornehmlich für die kaufmännische Steuerung des Weinguts mitverantwortlich. Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Robert kümmert sich vorrangig um Weinbau und Vertrieb sowie die Kundenbetreuung. Auch er nahm sich die Zeit, „für mich zu prüfen, ob es das Richtige ist“. Er habe nie den Druck gefühlt, „diesen Weg gehen zu müssen“ – und es nach mehreren Auslandsaufenthalten doch getan, „weil die Freude am Wein immer größer wurde“. Seinen berufsbegleitenden Master an der EBS will er in Kürze abschließen.
„Wir werden massiv expandieren“
Sorge um die Zukunft der Weinbranche und das Weingut haben die beiden nicht. „Wir sind ein starkes Team“, sagt Marie-Charlotte. Zwar verändere sich die Welt derzeit in hohem Tempo, doch die Leitplanken bei der weiteren Entwicklung des Weinguts seien gesteckt. Auch ihr Bruder sieht ein gutes Fundament gelegt und kündigt mit Blick auf das Weinhaus an: „Wir werden massiv expandieren.“
Gemeint ist das vor mehr als zehn Jahren gegründete Weinhaus „Robert Weil“, das vornehmlich rheinhessische Burgunderweine auf den nationalen und internationalen Markt bringt. Die Marke war und ist auf die Kooperation mit großen Lebensmittel-Einzelhändlern im In- und Ausland ausgelegt. Robert Weil sieht langfristig ein großes Potential und ist überzeugt, dass sich in der Krise gerade große Marken durchsetzen werden.
Der Umsatzanteil des Weinhauses soll in den kommenden Jahren deshalb deutlich steigen. Das Rheingauer Weingut dagegen soll über eine „höhere Wertigkeit“ des Sortiments und damit höhere Durchschnittspreise sukzessiv wachsen. Mehr als die knapp 90 Hektar Rebfläche im engeren Radius um Kiedrich sollen es nicht werden. Das bedeutet eine jährliche Produktionsmenge von rund 650.000 Flaschen.
70 Länder werden bereits beliefert
„Wir halten unseren Umsatz mit großem Engagement in einem schrumpfenden Markt“, beschreibt Weil die aktuelle Lage. Für das Weingut bedeutet das vor allem, den Export weiter zu forcieren, obwohl schon jetzt 70 Länder direkt oder indirekt beliefert werden. Das Weinhaus setzt neben der ebenfalls angestrebten Globalisierung zudem auf eine Diversifizierung des Portfolios. So bietet es inzwischen auf einigen Märkten auch alkoholfreie Weine an, was für das ausschließlich Riesling produzierende Weingut Robert Weil absehbar ein Tabu bleiben wird.
Wilhelm Weil rechnet damit, dass die gegenwärtige Durststrecke der Weinbranche bis zu zehn Jahre dauern könnte. Er kennt die Prognosen unter anderem der Marktforscher der Hochschule Geisenheim, wonach der Weinkonsum in 20 Jahren vor allem aus demographischen Gründen auf zwei Drittel der heutigen Menge zurückgehen könnte.
Doch für das schuldenfreie Weingut mit seinen rund 40 Mitarbeitern sieht er die Weichen für weiteres Wachstum gestellt. Der Dreiundsechzigjährige wird diese Entwicklung trotz des eingeleiteten Generationswechsels und des neuen Teams junger Führungskräfte weiter begleiten: „Ich werde mit 67 Jahren das Handtuch nicht einfach fallen lassen“, sagt Weil. Er will sich aber nach und nach im operativen Geschäft weiter zurücknehmen und in die Rolle einer Art Aufsichtsratschef wechseln. Das Weingut Robert Weil bleibe organisiert und geführt wie ein Familienbetrieb und habe genügend „innere Stabilität“ für die Zukunft. Ein Weingut wie vor 40 Jahren allein auf eine Person zuzuschneiden, sei heute nicht mehr zeitgemäß.
