Die Mörderballade ist ein Testfall für die Kunstfreiheit: Die ist ein hohes Gut, aber manchmal schwer auszuhalten, besonders wenn den Mördern selbst eine Stimme gegeben wird, mit der sie ihre Macht verlautbaren oder gar ihre Opfer noch verhöhnen dürfen. „Ich breche dich!“, sagt der Knabe zum Heidenröslein (Goethe); „My .44 makes sure all your kids don’t grow“, warnt ein mehr oder weniger lyrisches Ich seine Feinde (Tupac Shakur); der Mörder von Eliza Day küsst diese noch zum Abschied, haucht „All beauty must die“, klemmt ihr eine Rose zwischen die Zähne (Nick Cave) – und das zur schönsten Melodie.
Wie sich zeigt, war die Mörderballade bislang oft eine Männersache. Das ändert die 1989 geborene Juliane Liebert gründlich: „Wir schlugen meine Oma tot / Das war, weil sie uns störte“ – so beginnt ihre „banale ballade von johnny hero rider“, die einen Mord aus niedrigsten Beweggründen schildert. Und dabei die nihilistische Beiläufigkeit festhält, mit der manche Verbrechen begangen werden: „Dann schnitt ich ihr die Kehle durch / Danach gingen wir essen“. Wie im alten Bänkelsang gibt es hier zwar bisweilen Rhythmus, aber kaum ordentlichen Reim, der Text wirkt wie eine Fingerübung in der Annäherung ans Genre. Auch weitere von Lieberts Balladen sind in altbekanntem Ton gehalten, der zwischen Brecht, Ringelnatz und Bukowski changiert – und manchmal auch an die Dichter-Sängerin PJ Harvey erinnert.
Du hast diesen Bären in mir eingenäht
Lieberts moderne Moritaten enthalten, wie manche alten, bei aller Grausamkeit starke moralische Appelle. Bemerkenswert ist etwa die Ballade „von der ordnungsgemäßen psychiatrischen untersuchung der lizzie halliday und dem schwein“. In der Wohnung der Frau werden „drei vier leute unter ihren dielen“ entdeckt, daraufhin kommt „ein feiner doktor“, um die Mörderin einzuschätzen. Das lyrische Ich macht keinen Hehl daraus, was es von einer Wissenschaft hält, die an der Frau „grundlegende empfindungstests“ durchführt, während sie deren psychische Wirklichkeit ignoriert. Für Lizzie steht fest: „du warst es! du hast diesen bären in mir eingenäht / du warst es! / du hast mir drei beine gebrochen / du warst es! / du hast mich von der mansarde gestürzt“. Für den kalt klassifizierenden Arzt hingegen hat das Gedicht nur Spott und Verachtung übrig: „so ein doktor, tja, das ist was exquisites / (. . .) / sauber wie ein pfennig war er / rechtschaffen wie eine kuh / und doch ein schwein“.

Der ernsteste Fall des Bandes ist dann keine Ballade, sondern eine Ode, also ein Preisgedicht – für die Schuhe des Mannes, der angeklagt ist, im Dezember 2024 Brian Thompson, den CEO des amerikanischen Krankenversicherers United Healthcare, in New York auf offener Straße kaltblütig erschossen zu haben. Der mutmaßliche Mörder Luigi Mangione ist, weil so viele in den USA sich von Versicherungen nicht geschützt oder im Stich gelassen fühlen, dort für manche zu einem Helden geworden.
Das spießt Juliane Liebert in ihrer „ode an luigi mangiones loafer“ äußerst sarkastisch auf. Sie beginnt mit einer Bildbeschreibung des Angeklagten. Der „saß vorm richter wie ein freier mann am strand / obszön. ich weiß, und doch. was standen / was standen dem die fesseln gut“.
Endlich mal ein anständiger Mörder
In den Loafern stecken „rechtschaffene Knöchel“, und: „halb amerika wollte diese knöchel streicheln“, weil es sich dachte: „endlich mal ein anständiger mörder!“ Die Fotografen lecken sich, froh über das Ablichten des vermeintlichen Volkshelden, die Lippen. Dann gibt Liebert für einmal ihre konsequente Kleinschreibung auf, indem sie direkt ihre Leser anspricht: „Und Sie?“
Auch hier also Appellcharakter: das Gedicht als moralische Anstalt. Etwas erleichternd wirken angesichts dessen die Wendungen ins Komische und Absurde, die eine sogar mit Noten abgebildete Ballade namens „essen töten shoppen“ oder „das amazon prime day lied“ bereithalten. Darin heißt es: „ich will keinen fenstersauger / ich will keinen fernbestauber / ich will keine spielideen / amazon soll pleitegehn“. Immerhin stirbt in oder von diesem Lied niemand, es sei denn, man folgt der mitgelieferten Bedienungsanleitung: „mit vollen backen zu singen, bis man erstickt“.
Juliane Liebert: „Mörderballaden“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 62 S., geb., 20,– €.
