
Eine neue Hitzewelle erhöht in diesen Tagen die Gefahr von Waldbränden erheblich. Und dabei kämpfen schon viele europäische Länder wie Griechenland, Spanien oder Frankreich gegen große Feuer. Diese Brände überschatteten indes, dass auch in Deutschland, genauer gesagt: im Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern, in den vergangenen Wochen rund 400 Hektar Fläche in Flammen standen. Doch während in Frankreich aktuell 18 Löschflugzeuge im Einsatz sind und auch in Griechenland und Spanien Flugzeuge gegen die Flammen ankämpfen, setzt Deutschland bisher auf andere Maßnahmen. Im ganzen Land ist nur ein einziges Löschflugzeug stationiert. Schnell stellt sich die Frage: Woran liegt das?
In ganz Mecklenburg-Vorpommern gelten rund 155.000 Hektar als kampfmittelbelastete Fläche. Die Brände im Müritz-Nationalpark zeigen deshalb eine große regionale Herausforderung für Löschflugzeuge: Auch der Nationalpark ist stark munitionsbelastet. Ein Waldbrand kann hier zu Explosionen von alten Kampfmitteln führen. Dabei könnten Splitter im schlimmsten Fall 1000 Meter weit fliegen, erklärt Jörg Beckmann vom Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz. Weil Splitter auch in die Höhe fliegen, „muss man sehr aufpassen, ob und wie man Piloten in Gefahr bringt“.
Einfach höher zu fliegen und Wasser von dort abzuwerfen, sei allerdings auch nicht sinnvoll, weil so das genaue Ziel verfehlt werden könne. Wenn in Frankreich oder Spanien große Waldgebiete brennen, helfe Wasser auch dann, wenn es ein Stück weiter links oder rechts lande. „Bei kleinen Flächen, wie wir sie haben, muss man zielgerichteter arbeiten“, sagt Beckmann.
Doch nicht nur die Munition sei eine Herausforderung, sondern auch die Umgebung. Ein amphibisches Löschflugzeug wie das weit verbreitete vom Typ Canadair 415 ist in der Lage, im Flug über ein Gewässer innerhalb weniger Sekunden bis zu 6000 Liter Wasser aufzunehmen. Dafür braucht es Wasserflächen, die groß genug sind zum „Scoopen“, dem Aufnehmen von Wasser im Flug. Häufig werden Löschflugzeuge kritisiert, weil es in Deutschland nicht genügend solcher Flächen gebe. Eine Forschungsarbeit der Technischen Universität München und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt identifizierte aber allein in Mecklenburg-Vorpommern neun Gewässer, die die Kriterien für ein geeignetes Schöpfgebiet erfüllten: mindestens 2000 Meter lang, 100 Meter breit, drei Meter tief und eine umgrenzende Topographie, die einen sicheren Anflug erlaubt.
Bei der Bekämpfung eines großen Waldbrandes nahe Lübtheen habe man im Jahr 2019 auch darüber nachgedacht, eine französische Löschflugzeugstaffel einzusetzen, sagt Beckmann. Damals sei ihnen aber erklärt worden, dass eine gerade Strecke von drei Kilometern benötigt werde und das nächste geeignete Gewässer, die Müritz, zu weit entfernt sei.
Und so setzt man in Mecklenburg-Vorpommern vor allem auf Hubschrauber, denen kleinere Gebiete reichen. „Der steht über dem Gewässer und wird betankt“, sagt Beckmann. Außerdem könne ein Hubschrauber zielgenauer eingesetzt werden, auch wenn er dafür nicht so viel Wasser aufnehmen kann wie ein Flugzeug. In Deutschland stellen Polizei und Bundeswehr für Löscharbeiten Hubschrauber zur Verfügung, an die große Löschbehälter gehängt werden. Das funktioniere in Mecklenburg-Vorpommern gut, sagt Beckmann. Der Nutzung von Löschflugzeugen stehe er aber offen gegenüber.
Hier reichen Hubschrauber nicht
Im Harz möchte man sich nicht auf die Bereitstellung von Hubschraubern verlassen. Hier ist seit 2024 jeden Sommer, von April bis September, Deutschlands einziges Löschflugzeug stationiert – die Hexe 1. Denn der Landkreis Harz hat einen Vier-Jahres-Vertrag mit dem polnischen Unternehmen MZL geschlossen, das den Flieger zur Verfügung stellt. Die Maschine wird außerdem von MZL-Mitarbeitern geflogen und gewartet. „Ein Pilot und ein Mechaniker sind permanent auf unserem Verkehrslandeplatz in Ballenstedt in Bereitschaft“, erklärt Kai-Uwe Lohse, Kreisbrandmeister des Landkreises Harz. So sei das Flugzeug spätestens 20 Minuten nachdem es angefordert wurde, in der Luft.
Das sei besonders wichtig, weil die Hexe 1 primär für Erstschläge genutzt werde. In unzugänglichen Bereichen des Waldes können so erkannte Waldbrände klein gehalten werden, bis die Feuerwehr sich organisiert und das Gebiet erreicht hat. Eine „gute Sache“, findet auch Beckmann.
Die Hexe 1 ist gefragt
Bis ein Helikopter von Polizei oder Feuerwehr im Einsatz sei, würde es oft länger dauern, sagt Lohse. In Sachsen-Anhalt müsse nämlich eine vorherige Kostenübernahme durch einen politischen Verantwortlichen erklärt werden. „Kriegen Sie mal Freitag Nachmittag einen Bürgermeister oder einen Landrat“, sagt Lohse und lacht. „Das können Sie vergessen.“
Im Gegensatz zu den Canadair-Modellen wird die Maschine im Harz aber am Boden betankt. Dafür wurden drei Landeplätze so ausgerüstet, dass der Wassertank mit Feuerwehrautos schnell aufgefüllt werden kann. Innerhalb von 60 bis 80 Sekunden könnten 2300 Liter im Flugzeug landen, erklärt Lohse. Dass es in Deutschland nicht genug verfügbare Gewässer zum Betanken aus der Luft gibt, bezweifelt Lohse trotzdem. Auch weil bei einem Großbrand im Harz im Jahr 2022 zwei italienische Canadairs zum Einsatz kamen.
Das in Ballenstedt stationierte Flugzeug sei in diesem Jahr bereits sechsmal zum Einsatz gekommen, sagt Lohse. In anderen Jahren auch mal zwölf- oder dreizehnmal. Und die Hexe 1 ist auch außerhalb des Landkreises gefragt: Wenn die Maschine im Harz nicht gebraucht wird, hilft sie in anderen Regionen aus. „Wir waren in Brandenburg, in Niedersachsen und in Thüringen“, sagt Lohse. Am Mittwoch startete die Hexe 1 einen weiteren Einsatz. Wie der MDR berichtete, wurde das Flugzeug in die Region Bordeaux verlegt, um dort bei der Bekämpfung der großen Waldbrände zu helfen.
Europäische Flugzeugflotte soll helfen
Doch obwohl das Harzer Flugzeug auch aus anderen Bundesländern angefragt wird, gibt es bundesweit kein zweites. Stattdessen verlässt sich Deutschland, neben den Polizei- und Bundeswehr-Hubschraubern, auf die sogenannte RescEU-Flotte, eine Katastrophenschutzreserve der Europäischen Union. Diese umfasst bisher 28 Löschflugzeuge, die von den Mitgliedstaaten bereitgestellt werden. Und die EU-Kommission arbeitet bereits am Ausbau: Zwölf Flugzeuge des neuesten Canadair-Modells DHC-515 wurden bestellt, ebenso fünf Löschhubschrauber. Kostenpunkt: rund 600 Millionen Euro. Die Auslieferung soll allerdings erst 2028 starten. Bisher existieren die DHC-515 nämlich nur auf dem Papier und sind in Europa auch noch nicht zugelassen.
Die zwölf Flugzeuge werden in sechs vornehmlich südeuropäischen Staaten stationiert, Deutschland gehört nicht dazu. Bis 2024 waren zwei Flugzeuge des RescEU-Programms in Braunschweig stationiert, doch die Verträge liefen auch wegen fehlender Finanzierung aus. Die Flugzeuge waren für durchschnittlich einen Einsatz im Jahr schlichtweg zu teuer.
Einen Anteil der neuen RescEU-Flugzeuge in Deutschland zu stationieren, wäre auch aus einem anderen Grund nicht sinnvoll gewesen, sagt Brandschutz-Abteilungsleiter Beckmann. Denn im Sommer, wenn die Flugzeuge in Deutschland gebraucht würden, wüteten in Griechenland oder Frankreich Brände in einer ganz anderen Dimension. Die Flugzeuge würden also ohnehin im Süden Europas eingesetzt werden – wie nun auch die Harzer Hexe 1.
