Wenn nicht alles täuscht, rüsten sich immer mehr junge Leute mit Ferngläsern, Spektiven und Kameras aus, um Vögeln nachzustellen. Artikel wie „Warum Birdwatching boomt“ oder „Die Gen Z entdeckt die Vogelbeobachtung für sich“ scheinen das zu bestätigen. Ebenso Podcasts, Bücher, Social-Media-Kanäle und eine vom Dachverband Deutscher Avifaunisten veröffentlichte Informationsseite zum Thema „Birding in den Medien“. Als vorläufiges Highlight ist im vergangenen Jahr der Dokumentarfilm „Listers: A Glimpse Into Extreme Birdwatching“ auf Youtube erschienen: Die Brüder Owen und Quentin Reiser fahren, zugedröhnt und gut gelaunt, in einem Minivan durch die USA, um so viele Vogelarten wie möglich zu sehen. Sehr authentisch, ziemlich lustig, perfekt in Szene gesetzt, schwer zu toppen.
Aus Deutschland kommt nun der von Ulrike Franke und Michael Loeken produzierte Film „Watching People Watching Birds“, der, um das Mindeste zu sagen, interessante Effekte haben soll. Im Pressetext heißt es nämlich, der Blick durchs Fernglas sei eine „Suche nach etwas Ursprünglichem, Einzigartigem, Wahrem. Auf fast magische Weise scheint sich diese Suche auf den Zuschauer zu übertragen, als ginge man mit geschärften Sinnen aus dem Kino in eine andere Welt.“ Und siehe da: stimmt nicht. Was gegen den Text spricht, nicht gegen den Film. Die Sinne lassen sich bei der Vogelbeobachtung schärfen, weniger beim Betrachten von Aufnahmen, die Leute zeigen, die Vögel beobachten. Letzteres ist auch vergnüglich, ästhetisch aber weniger reizvoll.
Die Verluste sind immens
Warum entschließt man sich, immer wieder loszuziehen, bei Wind und Wetter, frühmorgens und spätabends, um ein paar Tiere ins Visier zu nehmen? Jonathan Franzen, eifriger Birder und nebenbei Autor, hat vor mehr als 20 Jahren den Essay „My Bird Problem“ im „New Yorker“ veröffentlicht. Einige der dort angeführten Punkte bekräftigt er im Film. Seine Vogelmanie startete mit einem „Erweckungserlebnis“. Gemeinsam mit Verwandten spazierte Franzen an einem Samstag im Mai durch den New Yorker Central Park. Der Aufforderung, die Vögel durchs Fernglas anzuschauen, ist er nachgekommen. Und schon war alles anders als zuvor.
„Nach drei Stunden wurde mir klar“, sagt Franzen, „dass es dort eine Welt gab, über die ich nichts wusste. 50 verschiedene Vogelarten in drei Stunden. Etliche davon wunderschön. Und so ging es los. Ich war 40 Jahre alt und hatte davon 35 Jahre bewusst erlebt – und keine Ahnung, dass diese Welt existiert, die mich immer umgeben hatte. Das war fast eine religiöse Erfahrung.“ Studiere er Vögel, befinde er sich im Hier und Jetzt, dann denke er nicht ans große Ganze des Lebens. Nach dem Besuch des Central Parks galt es, aufmerksamer zu sein und besser hinzuschauen. Viel Hübsches gibt es zu betrachten. Und viel Grausames.

Wer Vögel beobachtet, wird laufend mit dem Tod konfrontiert. Zum einen – darauf weist Franzen hin – sind die Tiere den ganzen Tag damit beschäftigt, andere Tiere zu töten. Limikolen, die im Watt herumstochern, sehen putzig aus. Für uns. Aus der Perspektive von Würmern und Insekten sind sie Monster. Wären Rotkehlchen vier Meter groß, könnten wir nicht mehr ohne Weiteres vor die Tür treten; jeder Garten wäre ein Jurassic Park. Mancher Birder, so Franzens These, wird dem Tod also gelassener entgegenblicken. Zum anderen fällt auf, wie schnell sich die Vogelwelt verändert. Und zwar zum Schlechten. Dass ein gezielter Naturschutz die Populationen von Seeadler, Kranich und Weißstorch gestärkt hat, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, was etwa im Offenland los ist. Oder genauer: was dort nicht mehr los ist.
„Kiju-wit, Zrik-zrik“
Der Vogelkundler Thomas Griesohn-Pflieger steht auf einem Weg zwischen zwei Feldern. Agrarsteppe. Vor 40 Jahren habe man an dieser Stelle Rauch- und Mehlschwalben beobachten können, Braun- und Schwarzkehlchen. Heute: nichts. Die zu verzeichnenden Verluste seien immens. Seit 1980 sind die europäischen Bestände des Rebhuhns um rund 94 Prozent eingebrochen. Nicht besser steht es um den Kiebitz: 88 Prozent Rückgang seit 1992 in Deutschland. Grund ist vor allem die intensive Landwirtschaft, die zu Einbußen von Lebensräumen und Nahrung führt. Dutzende weitere Arten, denen es an den Kragen geht, ließen sich ergänzen.
Griesohn-Pflieger, Jahrgang 1954, blättert die Hefte durch, in die er als Jugendlicher seine Sichtungen eingetragen hat: „Was ich hier früher an Kleinspechten gesehen habe! Ich habe in diesem Jahr nur einen Kleinspecht gesehen, im vorigen Jahr einen und davor die fünf Jahre keinen einzigen.“ Als Junge sei er mit dem Rad um die Siedlung gefahren und habe zwölf singende Gartenrotschwänze entdeckt. Heute könne er ganz Holzwickede durchstreifen, ohne auch nur einen davon zu finden. Er fasst die Lage mit Blick auf die bereinigte Feldflur so zusammen: „Wir haben Reichtum gegen Geld getauscht.“
Und was machen Birder, wenn sie nicht birden? Brigitte und Neil Handy sitzen gemeinsam auf dem Sofa und spielen sich Vogellaute vor. „Kiju-wit.“ Brigitte: „Kiebitz.“ Check. Dann, schwieriger: „Zrik-zrik.“ Brigitte: „Gartengrasmücke.“ Neil wippt hin und her, sagt: „Wir sind am Wasser.“ Brigitte: „Die Wasseramsel.“ Check. Leute, die mit Ornithologie nichts am Hut haben, werden das skurril finden. Birder wiederum wissen, dass solche Übungssessions sinnvoll sind, denn man hört draußen im Feld nur das, was man kennt.

„Watching People Watching Birds“ porträtiert, der Titel verrät es, auch die Mitwirkenden. Wir treffen Janna Ouedraogo, die bei der Vogelwarte Helgoland aushilft; Patrick Kretz, der sich besonders für Möwen begeistert und gerne bei allen Tieren um Entschuldigung bitten würde, weil wir sie so mies behandeln; Jürgen Mauritz, der Spaß daran hat, Rabenkrähen zu füttern. Dass die Bilder nicht spektakulär, sondern in der Regel ganz okay sind, tut der Dokumentation, die im Kern von Wandel, Schönheit und dem Tod handelt, nur gut. Denn so zeigen Ulrike Franke und Michael Loeken, dass der kleine, nicht zwingend außergewöhnliche Moment bei ihnen im Mittelpunkt steht. Und darum geht es oft auch bei der Vogelbeobachtung.
