Das Açai-Café, das erst im Sommer in der Frankfurter eröffnet hat, war beliebt. Das zumindest berichten Anwohner. Es habe lange Warteschlangen gegeben. Wem das Geschäft gehört, ist jedoch unklar. Im Impressum steht der Name Max Mustermann. Nun, an diesem Donnerstagmorgen, ist vom Café Rio nicht mehr viel übrig: Die Tür hängt schief in den Angeln, ihr Glas ist zu Bruch gegangen, genau wie das der Oberlichter. Die Scherben liegen weit über die Berger Straße verstreut. Die Schaufensterscheibe ist blind von all den Rissen, aber sie hängt noch drin.
Das Café ist das inzwischen fünfte Objekt, an dem in den vergangenen Tagen ein Anschlag verübt worden ist. Insgesamt hat es im Rhein-Main-Gebiet rund um Frankfurt etwa zwei Dutzend Explosionen gegeben. Das hessische Landeskriminalamt spricht „Taten im zweistelligen Bereich“, bei denen derzeit geprüft werde, ob sie dem Phänomen „Violence as a Service“ zugeordnet werden.
Ein 17 Jahre alte Niederländer ist festgenommen worden
Das bedeutet, meist jugendliche Täter werden von Hintermännern angeworben und dafür bezahlt, dass sie Brandsätze legen oder anderweitige Straftaten begehen. Die Motive führen fast immer in die Organisierte Kriminalität. Die Taten sind „Abstrafaktionen“, etwa dann, wenn Geschäfte im internationalen Drogenhandel nicht so gelaufen sind, wie sie sollten. Erst vor einigen Tagen hat auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) das Phänomen aufgegriffen. Bei der Vorstellung des Lagebildes zur Organisierten Kriminalität sprach er von „kriminellen Dienstleistungen“ und sagte, diese funktionierten nach ein und demselben Prinzip: „Einer plant, einer bezahlt, einer schlägt zu“.
So war es vermutlich auch in Frankfurt. Zumindest wird das von den Ermittlern derzeit geprüft. Fast zur selben Zeit, als der Brandsatz am Café Rio, dem Açai-Lokal, explodierte, wurde ein weiterer Sprengsatz gezündet. Diesmal an der Zeil, einer der größten Einkaufsstraßen Deutschlands. An der Shisha-Bar „Truth Lounge“ in der Nähe des Bürgeramts. Nach Informationen der F.A.Z. nahmen Ermittler kurz nach dem Anschlag an der Berger Straße einen Tatverdächtigen fest. Es handelt sich um einen 17 Jahre alten Niederländer.
Auch das verwundert die Ermittler nicht. Dass die angeworbenen Täter aus den Niederlanden stammen, gehört sozusagen mit zum Phänomen. Ähnlich wie bei den Geldautomatensprengungen. Hessen ist auch nicht das erste und einzige Bundesland, das von dieser Art der Kriminalität betroffen ist. In Nordrhein-Westfalen haben es die Ermittlungsbehörden schon seit Jahren damit zu tun.
Taten werden dem Phänomen „Violence as a Service“ zugeordnet
Doch was sind die Hintergründe dieser Taten? Erst am Sonntag hatte es Anschläge auf eine Shisha-Bar in Offenbach und auf einen Kiosk im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen gegeben. Am Montag schließlich war ein Sprengsatz vor einem Wohnhaus in Bockenheim explodiert. Fünf Taten, fünf Betroffene. Wo aber liegt die Verbindung? Ein Polizeisprecher sagt, es gebe erste Hinweise darauf, dass es Bezüge in die Organisierte Kriminalität gebe. Die Details würden derzeit ermittelt. Im Mittelpunkt stehe die Frage, wem die Ladengeschäfte sowie die Wohnungen des betroffenen Wohnhaus zuzuordnen seien. Man ordne die Serie der Anschläge eindeutig dem Phänomen „Violence as a Service“ zu.
Das Kommissariat für Organisierte Kriminalität im Frankfurter Polizeipräsidium hat nun die Ermittlungen federführend übernommen. Die Behörde habe ein umfangreiches Fahndungs- und Kontrollkonzept erstellt.

Wie groß die Wucht der Explosionen ist, hat sich an den betroffenen Objekten schon mehrfach gezeigt. Und auch an der Berger Straße wird die Gewalt deutlich. Das komplette Schaufenster des gegenüberliegenden Suppenrestaurants ist auf die Straße gefallen, auch seine Tür ist zerborsten. Von einem Taxi, das zwischen den beiden Läden am Straßenrand geparkt war, sind das Nummernschild und der Tankdeckel abgeflogen. Im Nachbarhaus ist Putz vom Hauseingang gefallen. Laut Polizei hat der Sprengstoffanschlag viele Anwohner aus dem Schlaf geschreckt. Auch noch in den umliegenden Straßen. Mehrere Leute berichten, dass es zwei Mal laut geknallt habe. Ein Mann sagt, danach sei eine große Rauchwolke die Straße entlang gezogen.
Anwohner in der Berger Straße spekulieren über die Hintergründe
Der Tatort liegt direkt am südlichen Abgang in die U-Bahnstation Merianplatz, dort hinein dürfen die Passanten am nächsten Morgen noch. Die Straße selbst ist bis über die nächste Kreuzung hinweg komplett abgesperrt, der Verkehr staut sich bis zur Höhenstraße hinauf. Ab und an wird gehupt, mancher versucht, mit gewagten Wendemanövern in die Nebenstraßen auszuweichen. An der Polizeiabsperrung vor dem Café Rio scheint die Eile dann wie verflogen: Nachbarn und Passanten stehen lange dort, schauen den Polizisten zu, die die Szenerie zunächst mit einer Spezialkamera festhalten und dann mit weißen Plastikschützern an den Füßen in den verwüsteten Laden gehen. An immer mehr Orten stellen sie auch davor die bekannten gelben Schildchen auf, die mögliche Beweismittel markieren.
Von den Herumstehenden haben viele schon von der Serie von Anschlägen gehört, bei denen wie durch ein Wunder niemand verletzt worden war. Auch nach dem Brandanschlag am Wochenende ist ein Jugendlicher festgenommen worden. Er ist gerade mal 15 Jahre alt.
„Violence as a Service“ sei längst kein Randphänomen mehr, sagt Dirk Peglow, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. „Wir sehen zunehmend, dass Gewalt innerhalb krimineller Strukturen ausgelagert und regelrecht als Dienstleistung eingekauft wird.“ Besonders problematisch sei, dass dabei häufig sehr junge Täter eingesetzt würden, die mit den eigentlichen Auftraggebern überhaupt keinen persönlichen Kontakt hätten und deshalb keine Angaben über mögliche Hintergründe der Auftragstaten machen könnten.
Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) sagte: „Gewalt darf nicht zum Geschäftsmodell werden.“ Er verweist auf eine Taskforce im hessischen LKA, mit der man eine „schlagkräftige Struktur“ geschaffen habe, „die nicht bei den austauschbaren Tätern am unteren Ende der Kette stehen bleibt, sondern gezielt die Hintermänner, Rekrutierer und Logistiker ins Visier nimmt. Genau dort setzen die Ermittler an, weil dort die eigentliche Bedrohung liegt.“
Immerhin schlügen die Täter zu Zeiten zu, in denen die Gefahr, Menschen zu verletzen, gering sei, sagt ein Mann, der sich ebenfalls am Rio Café die Zerstörung ansieht. Er hat nur teilweise Recht: Das Café Rio liegt an einer belebten Einkaufsstraße, im Erdgeschoss eines gepflegt aussehenden Mehrfamilienhauses. Bei der Explosion an der „Truth Lounge“, die im September 2025 eröffnet hat, ist auch ein benachbarter Kiosk beschädigt worden. Und neben der Shisha-Bar an der Zeil, auf die am Donnerstagmorgen fast zeitgleich ein Anschlag verübt worden ist, steht ein Hotel.
