
Wenn man auf eine Kritik mit etwas wie „Siehst du, wie wütend du wirst, da siehst du, wie recht ich habe“ antwortete, wäre das eine rhetorische Figur, die in den Beziehungsstreit gehört und dort für Aussichtslosigkeit zu sorgen pflegt, nicht in eine akademische Auseinandersetzung, auch wenn diese sich im Feuilleton abbildet, denn auch dort hülfe sie nicht weiter. Der Versuchung, etwas in dieser Art zu produzieren, muss ich also sorgfältig widerstehen.
Worum geht’s? Ich habe am 26.3.2026 auf einer Tagung „Das Gespenst des Faschismus“ in Konstanz einen Vortrag mit dem Titel „‚Ist es Faschismus?‘ Was meint man, wenn man das fragt?“ gehalten, der dort mit deutlich gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Ich hatte die Art der Fragestellung kritisiert, ich komme gleich darauf, warum. In der „taz“ wurde über die Tagung und auch über meinen Vortrag berichtet, es hieß dort: „Offenbar ist es das Privileg von Großintellektuellen, sich im Abendlicht ihrer Karriere mit lässiger Resignation, die nicht frei von Herablassung ist, über das eigene Metier zu erheben.“
Ich hatte das Gefühl, nicht richtig verstanden worden zu sein
Und: „Dass Reemtsma das von ihm begründete und finanzierte“ – und jahrelang geleitete – „Institut für Sozialwissenschaft in Hamburg“ – recte: Hamburger Institut für Sozialforschung – „bald dichtmacht, ist kaum verwunderlich.“ Interessant war an dieser Beschreibung, dass meine Kritik, die auf Methode und Methodologie zielte, als Kritik am Fach selbst und gleich noch an akademischen Debatten schlechthin („die Bedingungen von Faschismus zu verstehen, ist keine akademische Trockenübung“) – soll man sagen: „verstanden“? wurde.
Da ich bereits auf der Tagung das Gefühl gehabt hatte, nicht richtig verstanden worden zu sein, und dies zunächst einmal mir selbst zurechnete, habe ich den Vortrag, an dem sich die F.A.Z. interessiert gezeigt hatte, neu geschrieben. Er wurde am 6. Mai 2026 dort veröffentlicht. Es ging um das Ubiquitäre der Frage „Ist das ‚Faschismus‘?“ bei der Betrachtung bestimmter Regierungen oder Regime von Ungarn (unter Orbán) bis zu den USA (unter Trump) in Zeitungsartikeln, Interviews, sogar in solchen, in denen es explizit nicht um diese Frage ging – sie ist der Aufmacher, den es braucht, um die Leute zu interessieren. Dabei ist es – wie mir schien, leicht erläuterbar – keine kluge Frage. Wer etwas analysieren will, frage, was er vorfindet, nicht, ob das, was er vorfindet, etwas anderem ähnelt – zumal dann, wenn das, womit er vergleicht, stets noch so zurechtdefiniert werden muss, dass der Vergleich irgendwie einleuchtet. Ich habe daran meine Frage angeschlossen, was eine intellektuell so wenig überzeugende Unternehmung so attraktiv macht.
Die mentale Unsicherheit immens
Mein Antwortversuch bestand aus zwei Teilen: 1. Wir leben in einer beunruhigenden Übergangszeit nicht nur wie jede Generation und sowieso, sondern wir sehen, wie eine aus Weltkriegen und einer Zivilisationskatastrophe hervorgegangene scheinstabile Welt in eine Instabilität gerät, ohne dass eine neue Ordnung absehbar wäre. 2. Diese Instabilität ist nicht nur die offensichtlich (welt-)politische, sondern besteht auch in einem dramatischen Veränderungsschub durch neue Kommunikationsmedien und Kommunikationsformen. Diese Veränderungen sind weder überschaubar noch aus ihrer Mitte heraus wirklich analysierbar. Die mentale – emotionelle und intellektuelle – Unsicherheit ist immens. Sie zeigt sich überall, und es wäre sonderbar, wenn sie sich nicht auch im Bereich des Akademischen zeigte. Zu dieser Unsicherheit gehört die überall grassierende Leidenschaft, sich über Wörter zu streiten – richtige, angemessene, kränkende, zu tabuisierende, neue und wieder neue. Das beruhigt, auch der Streit beruhigt, weil man sich mit ihm eine Orientierung vorspielt, die man nicht hat.
Eine weitere Möglichkeit, die Menschen haben, ihre Unsicherheit zu kompensieren, ist, zu Wirklichkeitsdeutungen zu greifen, die sie der Vergangenheit entlehnen. All dies scheint mir in der Diskussion „faschistisch oder nicht oder faschistoid oder protofaschistisch“ mitzuspielen. Dazu kommt, dass die Verwendung des Wortes, nicht die Art der Analyse, Zusammengehörigkeit signalisiert. Das Wort muss vorkommen, man fühlt sich vom gleichen Schlage. So ist das nun mal mit Wörtern mit hohem Signalwert.
„Bloß akademisch“? Wenig liegt mir ferner
Es gab kritische Stellungnahmen zu meinem Artikel, und sie waren ausgesprochen aufgeregt, lautstark gewissermaßen. Wer auch immer wie argumentierte, oft bloß deklarierte oder konstatierte – dazu gehörten ganz erstaunliche Entstellungen dessen, was ich geschrieben hatte –, er oder sie warf mir vor, das Problem des Faschismus in der Gegenwart zu verharmlosen. Es sei wichtiger, „Lust an der faschistischen Gewalt zu analysieren als die unterstellte ‚Lust‘ am Faschismusvorwurf“, von der bei mir nota bene nie die Rede gewesen ist.
Auch hätte ich die „Faschismusdiskussion“ als „bloß akademisch“ denunziert. Wenig liegt mir ferner, als irgendwas als „bloß akademisch“ zu kritisieren – „akademisch“ hat bei mir, anders als offensichtlich bei meinen Kritikern (Akademikern wie ich) nie den Beiklang von „unwichtig“, „Spielerei“ etc. Läge mir ein solches Denken nahe, hätte ich ein anderes Leben geführt.
Ein Appell, sich intellektuell anzustrengen
Ich habe eine ritualisierte Fragestellung kritisiert, nicht irgendwelche Antworten auf die so oder so gestellten Fragen. Ich habe die Fragestellung kritisiert, weil sie das Nachdenken über die Besonderheiten unserer Gegenwart behindert. Man hielt mir entgegen, ich „entdramatisiere eine Situation, in der Menschen real bedroht sind“, die Frage nach dem Faschismus sei „existentiell“. Es folgt keine Begründung, sondern nur die laute Beschwörung des Wortes. Es sei nötig, so zu fragen, um Ursachen (des Faschismus oder faschistischer Tendenzen) zu benennen, und das sei von unmittelbarer politischer Wichtigkeit.
„Wir sind erst am Anfang der Diskussion“, hieß es so oder so ähnlich, aber das ist bloß Zeugnis profunder Unbelesenheit. Die Themen, Fragen, die genannt werden, sind dieselben wie die von vor 80, 50, 40 Jahren mit allem Standardvokabular („Rätsel, wie anarchistischer Freiheitswille und Unterwerfungsbereitschaft zusammengehen“, „ganz normale Leute“, „Extremismus der Mitte“), als gäbe es zu alldem nicht längst Überzeugendes zu lesen – verfasst unter anderem vom alten Frankfurter Institut für Sozialforschung, vom Hamburger Institut für Sozialforschung, auch (Pardon) vom Verfasser dieser Replik –, das allerdings bei der Analyse der Gegenwart nicht viel weiterhilft. Diese Wörter standen für mal mehr, mal weniger interessante Gedanken, jahrzehntelang weitergereicht sind sie nur noch Wortplunder. Darum waren mein Vortrag und Aufsatz ein Appell, sich intellektuell anzustrengen.
Die Frage nach der politischen Bedeutung solcher akademischen Analysen ist eine ganz andere. Tatsächlich scheint mir die Vorstellung, dass diese oder jene soziologische Analyse per se politisch (im Sinne von politisch wirkungsvoll) sei, eine erstaunliche Selbstverkennung zu sein. Der Zwischenruf eines Teilnehmers der Konstanzer Tagung, wann denn je irgendeine soziologische Analyse irgendeine direkte politische Wirkung gehabt habe – gar irgendeine Faschismustheorie etwas gegen irgendein faschistisches Regime etwas ausgerichtet habe –, ist überhört worden. Bei denen, die meine Überlegungen kritisiert haben, herrscht Konsens, dass die Verwendung des Wortes „Faschismus“ für das politische Wirkungspotential des Gesagten bürge. Natürlich hieß es nicht „Wort“ oder Etikett, sondern „Begriff“. Nur hingen meine Kritiker nicht an irgendeinem Begriff – denn der war auch in ihren Beiträgen diffus, also keiner –, es ging ihnen bloß um die Pflege des Wortes.
Wer Soziologie betreibt und sich Hoffnungen macht, er könne durch sein akademisches Tun direkt politisch wirken, verkennt den Zusammenhang von Wissenschaftsbetrieb, Politik und Öffentlichkeit, denkt also soziologisch unterkomplex. Wer angesichts der verstörenden politischen Wirklichkeit nicht aushält, mit der (politischen) Bedeutung dessen, was sie oder er schreibt, realistisch (was auch heißt: theoretisch reflektiert) umzugehen, nimmt im Dienst seiner verständlichen Wünsche Schaden an seiner akademischen Qualität. Der Ärger, den meine Überlegungen ausgelöst haben, mag auch Ausdruck einer Kränkung sein. Das zu konstatieren, impliziert nicht die Behauptung, dies sei ein Beleg dafür, dass ich recht hätte. Dennoch ist es immer nützlich, mit Mephisto zu fragen: „Was soll der Lärm?“ Mir jedenfalls klingt er nach dem Versuch, Ratlosigkeit zu kompensieren.
