In der vierten Turnierwoche macht die WM dem Ghostcoach einen Strich durch die Rechnung. Um 22.30 Uhr am Sonntag ruft Jan B., ehemaliger Coach der Autonama (Autorennationalmannschaft/d.Red), an. Er hat sich ewig nicht gemeldet und will nur wissen, ob ich schon das Neueste gehört habe: Rote Karte Balogun auf Anruf von Trump von FIFA zurückgenommen. Das habe es noch nie gegeben, es reiche ihm endgültig, er gucke auch nicht mehr.
Dann hält er kurz inne: Ob ich etwa gerade Brasilien – Norwegen schauen würde? – „Nein, nein, das sind nur die Kinder“, beruhige ich ihn und mache mir Sorgen, dass der WM-Boykott ab jetzt zu Mainstream für eine individuelle Kolumnen-Erfahrung werden könnte. Und dann schmeißt Norwegen auch noch Brasilien raus.
Ich hatte fest mit Brasilien im Viertelfinale gerechnet, das ich nicht gucken wollte. Brasilien hätte perfekt gepasst, weil wir dort 2014 eine Woche vor WM-Beginn mit der Autonama tourten: In Rio verloren wir in einer unbefriedeten Favela gegen ein Team aus lokalen DJs und Dealern 3:6, in São Paulo spielten wir gegen die brasilianischen Autoren 0:0, in leeren Museen und überfüllten Kneipen lasen wir aus Texten und tanzten Samba dazu.
Brasilien hätte außerdem perfekt gepasst, weil ich mich an diesem Wochenende auf dem Junggesellenabschied meines kleinen Bruders in Kalifornien direkt neben Brasilien befinde: Der andere Bruder besitzt hier ein Ferienhaus und gemeint sind die beiden Camping-Metropolen an der Ostsee, die benachbart am südlichen Ausgang der Kieler Förde liegen. Sie wurden von heimkehrenden Kapitänen des 19. Jahrhunderts aus Fernweh so benannt.
Brasilien und Kalifornien in der Nachbarschaft
Die Idee, in Brasilien Brasilien nicht zu gucken, wäre andererseits eventuell auch zu „witzig“ im öffentlich-rechtlichen Sinne gewesen: Das „Morgenmagazin“ sendet ebenfalls vom kalifornischen Strand zur WM.
Kurz hatte ich aus all diesen Gründen überlegt, die ganze Reise abzusagen, einfach in Berlin zu bleiben und dort Norwegen – England nicht zu gucken. Stattdessen kickte ich am Freitagabend mit den Brüdern bei den Alten Herren des SV Heikendorf mit, denen der kalifornische Bruder angehört. Nach dem Training saßen wir beim Bier auf der Vereinsterrasse, ein Mähroboter fuhr leise in der schleswig-holsteinischen Abendsonne über den Rasenplatz, und die WM war weit weg. Als die Reihe an mir war, erzählte ich trotzdem von meinen Problemen.
Die Heikendorfer Alten Herren, alles gestandene Werder-Bremen-, HSV- und Holstein-Kiel-Fans („aber nicht Pauli!“), hörten aufmerksam zu, kapierten auch auf Anhieb, was Autonama war, fanden es – vielleicht wegen der leichten Angeberhaftigkeit des brasilianischen Fußballs – aber nicht so schlimm, dass Brasilien rausgeflogen war. „Dann guckst du halt morgen Norwegen nicht.“
Mir fiel ein, dass sie recht hatten.
Deutsche schlagen Norweger
In Norwegen war ich ja auch mal mit der Autonama gewesen. 2010 hatte uns deren Autorennationalmannschaft zum Länderspiel auf das Norsk-Literaturfestival nach Lillehammer eingeladen. Wir wohnten im alten olympischen Dorf unterhalb der Ski-Schanze, besuchten ein Konzert von Bonnie Prince Billy, der ein paar Holzhütten weiter untergebracht war, und schlugen die sehr physischen Norweger nach Rückstand noch 3:2, wie das nur in schlechten Filmen oder eben beim Fußball geht: Freistöße gehen rein, Gegenpressing klappt, Bälle werden gehalten.
Auf den Festival-Partys am Abend unterhielten wir uns mit norwegischen Autorinnen darüber, ob im norwegischen Team irgendwelche bekannten Autoren mitspielen würden. – Tja, die würden wir wahrscheinlich alle so wenig kennen, wie sie im Gegenzug uns. Aber der berühmteste habe gerade 1000 Seiten über sein Leben geschrieben und das Ganze „Mein Kampf“ genannt. Ein gewisser Karl Ove Soundso. Wir nickten verständnisvoll und dachten: Okay, Norwegen halt.
Weltstar läuft wie ein Elch
Sechs Jahre später saß ich dem Weltstar zum Interview gegenüber und freute mich, ihm die Anekdote zu erzählen: Knausgård erinnerte sich sofort an das Festival. Allerdings habe er damals nicht mitgespielt, nur auf der Tribüne gesessen. Die Gründe verschwieg er vielsagend, nur dass er im Team den Spitznamen „Der Elch“ gehabt habe. „Der Elch?“ – „Wegen meines Laufstils.“
Ich strich die Passage aus dem Interview, besorgte mir aber kurz danach „Home and Away“, ein Buch über die WM 2014, das Knausgård gemeinsam mit Fredrik Ekelund, dem Kapitän der schwedischen Autorenmannschaft, geschrieben hatte. In „Home and Away“ (deutsch: „Kein Heimspiel“, 2018) macht Ekelund Fußball-Party in Brasilien, während Karl Ove zu Hause den Kindern die Windeln wechselt, zwei Bücher lektoriert und nebenher noch täglich sechs Seiten über Spiele schreibt, die er im Fernsehen gesehen hat. Irgendwann fällt der schöne Satz, dass seit der Kindheit jeder Sommer, der ein WM-Sommer ist, ein schöner Sommer ist.
Am Freitag, home but away beim SV Heikendorf, dachte ich gemeinsam mit den Alten Herren darüber nach, ob der Satz noch stimmt. Der kleine Mähroboter zog weiter tapfer seine Bahnen über den Rasenplatz, es wurde langsam dunkel. So leise wie er erzählte ich den um mich herumsitzenden Fremden, wie verstrickt alles im Leben und im Fußball ist, und zwar immer. Sie fragten, was ich meinte, verstrickt?
Ich erzählte ihnen, wie ich mich damals, Norwegen 2010, gefühlt hatte. Up & down. Wir hatten als Autoren-Europameister auch noch die starken Norweger geschlagen. Die SZ am Wochenende hatte eine Kurzgeschichte von mir veröffentlicht. Ich wurde wegen Ladendiebstahls in einem Kulturkaufhaus verhaftet. Auf die WM in Südafrika hatte ich schon damals keine richtige Lust … – Die Heikendorfer Alten Herren nickten unentschieden, der kleine Mähroboter und sein Freund, der Ghostcoach, hörten endlich auf, ihre Bahnen über die Plätze der Welt zu ziehen.
Am Samstag gibt es mit der ganzen Junggesellenabschiedsgesellschaft eine Radtour durch die Probstei mit viel Sonne, Bier und Strand. Abends sitze ich im Zimmer meines Neffen und schreibe, während unten Männerlachen vom Grill ertönt. Der WM-Boykott wackelt: Ich bin für Erling Braut Haaland, weil er für mich mit seinem Torgrinsen der Riesenbaby-Buddha des Turniers ist. Die perfekte Synthese aus Bully und jemandem, der früher in der Schule selbst gebullied wurde. Ich erwarte mir Unerwartetes, Großes von ihm, sollte Trump ihm den Pokal geben wollen. Oder er einfach die WM verlässt.
