
Um die „Erziehung mündiger Leiber“ ging es in der ersten Pädagogikvorlesung von Florian im Lehramtsstudium, erinnert sich der 24 Jahre alte Student aus Köln. Hängen geblieben sei von dem, was er damals gelernt hat, nichts. Denn in der Vorlesung habe der Dozent über philosophische Texte gesprochen, die weit mehr als 100 Jahre alt sind. „Es war viel zu weit weg von dem, was man wirklich an der Schule braucht“, findet Florian, der derzeit ein Masterstudium für gymnasiales Lehramt absolviert.
Dabei sollen die pädagogischen Inhalte im Lehramtsstudium auf den späteren Beruf vorbereiten, auf die Frage, wie sich mit Schülern am besten umgehen lässt und wie man den Stoff an sie vermittelt. Doch Studentinnen und Studenten haben oft das Gefühl, dass die Inhalte zu praxisfern sind.
Einer Umfrage an pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg zufolge fühlen sich nur vier von zehn von ihnen gut auf grundlegende didaktische und methodische Kompetenzen vorbereitet. Noch schlechter sieht es in Sachen sozialer Interaktion und pädagogisch-psychologischer Kompetenz aus, wie die Studie in Auftrag des baden-württembergischen Verbandes Bildung und Erziehung zeigt. Wird Pädagogik also falsch gelehrt?
Mehr Wissenschaft oder mehr Praxis?
Grundsätzlich versteht man unter Pädagogik die Wissenschaft von Erziehung und Bildung. Für Martin Rothland, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Münster, ist jedoch schon der Begriff veraltet. Stattdessen spricht er vom Teilbereich der Erziehungswissenschaft, der pädagogische Inhalte im Studium abbildet. „Was ist überhaupt Erziehung, warum ist Erziehung notwendig?“, sei für Studierende wichtig zu verstehen. Dadurch sollten sie erkennen, was Erziehung in der Schule bedeutet und was dort überhaupt geleistet werden kann, erklärt der Wissenschaftler.
Man kann das auch anders interpretieren. Für Berufsanfängerin Claudia geht es dabei viel mehr um praktische Aspekte des Berufs: Lernstrategien oder der Umgang mit Schülern und Konflikten in der Schule – solche Themen treiben die 29 Jahre alte Lehrerin um, die im vergangenen Jahr ihr Referendariat an einer beruflichen Schule abgeschlossen hat und nun auch an einer beruflichen Schule in Baden-Württemberg arbeitet.
Berufliche Schulen bieten nach der allgemeinbildenden Schule die Möglichkeit, Abschlüsse wie das Abitur oder eine Ausbildung zu machen. Claudia erinnert sich jedoch daran, diese Fähigkeiten erst wirklich im Referendariat gelernt zu haben. In der Universität behandele man ihr zufolge viele Konzepte oder Theorien. „Für mein Empfinden ist das zu weit weg von der Realität“, meint sie.
Hohes akademisches Niveau
Erziehungswissenschaftler Rothland sieht das anders. Er verweist darauf, dass das Lehramtsstudium in Deutschland den Anspruch habe, auf hohem akademischem Niveau zu lehren. „Das Lehramtsstudium soll und kann allein nicht auf den Beruf vorbereiten“, findet Rothland. Denn „die Universität bietet keine unmittelbar berufsvorbereitende Ausbildung für einen Beruf wie die Lehrwerkstatt“. Wenn man so will, geht es um den ganz klassischen Konflikt: Was muss ein Studiumsangebot leisten und was nicht?
Von der Kultusministerkonferenz gibt es Leitlinien, die Kompetenzen festlegen und die Qualität der Lehrerbildung sichern sollen. Diese bestimmen Standards für die Bildungswissenschaften, also den Teil, den Lehramtsstudierende neben ihren Fächern studieren. Die Erziehungswissenschaft ist Teil der Bildungswissenschaften, die allerdings auch noch Felder wie die Psychologie umfassen.
Zu den Bildungswissenschaften gehören somit auch die pädagogischen Inhalte. Von Bildung und Erziehung über Didaktik und Methodik bis hin zu Kommunikation oder Medienbildung – diese inhaltlichen Schwerpunkte sollten im Studium bundesweit vorkommen.
Der Pädagogikanteil variiert
Je nach Bundesland ist das Lehramtsstudium jedoch unterschiedlich organisiert: Bachelor- und Masterabschluss braucht es in Nordrhein-Westfalen, in Bayern oder Sachsen machen Studierende ein Staatsexamen, und in Baden-Württemberg studieren angehende Lehrkräfte für die Grundschule und Sekundarstufe I an einer sogenannten pädagogischen Hochschule – nicht klassisch an der Universität.
Den Pädagogikanteil kann man jedoch nicht an der Studienform ablesen, also daran, ob man mit Master oder Staatsexamen abschließt. Denn die Anteile der Bildungswissenschaften variieren unabhängig davon. Es gibt mehr bildungswissenschaftliche Inhalte im Lehramtsstudium für die Grund- oder Mittelschule, weniger im Lehramtsstudium für das Gymnasium.
Eine Analyse der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2024 zeigt zudem: Der Anteil der Bildungswissenschaften am gymnasialen Lehramtsstudium in Thüringen beträgt nur etwa zehn Prozent, in Hessen hingegen 22 Prozent. Auch dort ist der Anteil im Vergleich zu den Fächern immer noch gering, sie machen etwa 44 Prozent aus. Trotzdem: Wer einen möglichst hohen Anteil an Bildungswissenschaften im Studium haben möchte, sollte eher in Hessen studieren. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass man praxisorientierter lernt.
In Studienseminaren Unterricht vorbereitet
Jedoch gibt es auch zwischen einzelnen Fächern Unterschiede, wie praxisnah das Studium auf den Unterricht in der Schule vorbereitet. Neben den Bildungswissenschaften soll in den Fachdidaktikvorlesungen gelehrt werden, wie Lehrer zum Beispiel am besten Mathe, Deutsch oder Englisch vermitteln. Sowohl Florian als auch Claudia haben Sport auf Lehramt studiert. Schon in Studienseminaren haben sie dabei Unterricht vorbereitet und mit Kommilitonen die geplanten Stunden ausprobiert – und das hat sich ausgezahlt.
„Ab dem ersten Tag habe ich gesagt, dass ich Unterricht übernehmen kann“, erinnert sich Florian an sein Praxissemester an einer Schule. „Da habe ich mich direkt sehr sicher gefühlt.“ Das hänge zwar auch damit zusammen, dass er bereits viele Jahre Tennistraining gibt. Trotzdem habe er sich durch das Studium gut vorbereitet gefühlt. In anderen Fächern sieht es jedoch ganz anders aus. „Ich habe kaum darüber gelernt, wie ich mit Fehlern vonseiten der Kinder umgehe“, sagt Florian über sein Englischstudium. Neben Sport hat Claudia zudem Mathe auf Lehramt studiert; sie habe dabei viel Fachwissen erlangt, dass sie in der Schule nicht benötige. Wie sie Inhalte an Schüler vermittelt, habe sie erst im Referendariat gelernt.
Ruf nach mehr Praxis
Eike Schultz, Schulleiter des Tannenbusch Gymnasiums in Bonn, hält es zwar für gut und notwendig, auch Theorien kennenzulernen, um eine pädagogische Grundbildung zu haben. Das müssten Studierende seiner Meinung nach dann aber auch praktisch anwenden: „Mit diesem Pädagogikseminar müsste man dann in die Schule gehen und sagen, ‚wir gucken uns das vor Ort mal an‘.“
Den Ruf nach mehr Praxis kann Fachmann Rothland zwar nachvollziehen. Doch sei es „ein Bedürfnis, das kaum befriedigt werden kann“, sagt der Erziehungswissenschaftler. Die Praxisanteile im Studium seien in den vergangenen Jahrzehnten schon angestiegen, in Nordrhein-Westfalen wurde beispielsweise vor einigen Jahren das verpflichtende Praxissemester im Studium eingeführt und das Referendariat verkürzt. Rothland würde etwas anderes ändern – aber wohl eher nicht im Sinne von Claudia und Florian: „Wenn es nach mir ginge, würde ich wahrscheinlich die Anteile der Praktika wieder reduzieren.“ Stattdessen sollten mehr Inhalte zu Themen wie Bildungstheorie, Erziehungstheorie oder allgemeine Didaktik gelehrt werden. Denn die seien ihm zufolge zugunsten der Praxisphasen zurückgeschraubt worden.
Dadurch möchte der Erziehungswissenschaftler die Allgemeinbildung wieder stärken, was ihm zufolge das eigentliche Ziel von Schule sei. Denn: „Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität sind die Grundfesten von Allgemeinbildung in unserem Schulwesen.“
