
An der Konstablerwache sind an diesem Samstag die Frankfurter in der Minderheit. Die Eintracht spielt, und mit ihr kommen die Fans von weit her auf einen Schoppen zum Bauernmarkt. Aber es gibt sie dann doch, die am 15. März ihre Stimmen in Frankfurt abgegeben haben. Nur was seitdem und damit in den vergangenen neun Wochen im Römer, dem Frankfurter Rathaus, passiert ist, weiß zumindest der Freundinnenkreis von Valentina und Charlotte nicht, der sich aus dem Studium an der Goethe-Uni kennt. Sie hätten nach der letzten Hochrechnung am Abend der Wahl die Kommunalpolitik aus dem Blick verloren. „Das passt zu den Zeiten“, sagt eine von ihnen, die seien „zu schnelllebig“. Kommunalpolitik, ergänzt eine andere, „ist auch nicht so unser Thema“. Wenn überhaupt, dann müsste man sich damit aktiv beschäftigen.
Dafür, dass man sich im Römer noch nicht auf eine Koalition geeinigt hat, wie eine von ihnen beisteuert, haben sie wenig Verständnis. Je schwerer sich Politiker täten, aufeinander zuzugehen, umso bewegungsunfähiger würden Stadt- oder Landesregierungen und desto weniger interessierten sich die Bürger für deren Tun. Eine junge Frau aus der Gruppe erinnert an das Ergebnis der AfD in Frankfurt. Die Partei hatte 8,2 Prozent der Stimmen erreicht, 3,7 Prozentpunkte mehr als 2021. Das Ergebnis sei „erschreckend hoch für eine große, multikulturelle Stadt wie Frankfurt“.
„Man muss einen Weg gehen und das Thema nicht tot quatschen“
Ein junges Paar, das seit einem Jahr in Frankfurt lebt, bestätigt, dass es sich auch vor der Wahl intensiv mit den Programmen der Parteien beschäftigt habe. Doch nach Bekanntgabe des Ergebnisses hätten sie die Stadtpolitik nicht weiterverfolgt. Vielleicht fehle ihnen dazu noch der Bezug zur Stadt.
Auf dem Bauernmarkt gibt es aber auch diejenigen, die schon beim Stichwort „Römer“ aufhorchen. „Die sind noch am Sondieren“, sagte eine Einundvierzigjährige aus dem Gallus, „ich bin nicht ungeduldig.“ Jeder versuche eben, seine Interessen durchzusetzen. Sie könne diese Haltung der Politiker verstehen, doch es sei „schon ein bisschen wie Kindergarten“. Sie zähle zu denjenigen, die „gar nicht so unzufrieden gewesen“ seien mit der Politik der vergangenen fünf Jahre und nennt die Schulbauoffensive, die Stadtsauberkeit, die man sukzessive angegangen sei und den angestrebten Umgang mit Drogenabhängigen. „Man muss nur einen Weg gehen und das Thema nicht tot quatschen“, sagt sie.
„Ist da nicht gerade alles noch in der Schwebe?“, fragt eine 72 Jahre alte Frau aus dem Holzhausenviertel, die mit ihrem Ehemann an einem der Weinstände pausiert. „Sind die nicht sogar ziemlich zerstritten?“ Die Tatsache, dass die Findungsphase länger dauert, beunruhigt sie nicht. „Die sollen nur sehen, dass sie auf einen Nenner kommen“, rät sie, damit sie sich dann um „die wichtigen Dinge in Frankfurt kümmern“ könnten. Für sie sind es die E-Scooter, die „mich wahnsinnig stören“, wie sie gefahren, aber auch kreuz und quer abgestellt würden.
„Bitte schnell einigen“
Ihr Ehemann zeigt sich deutlich empörter. „Da ist nicht viel passiert seit der Wahl.“ Er habe im März – anders als seine Frau – erstmals nicht gewählt. Etwa bei der Bildung funktioniere nichts, Schulen würden nicht gebaut. „Kennen Sie das ehemalige Postscheckamt am Marbachweg?“ Seit Jahren stehe das von der Stadt gekaufte Gebäude leer. Und die Verkehrspolitik „des Herrn Siefert“ bezeichnet er als „Schwachsinn“. Wählen werde er nicht mehr, „ich habe keinen Bock mehr“.
Andere haben dagegen Erwartungen. „Gar nichts ist okay“, schimpft ein Passant, „die reden und reden, statt Entscheidungen für die Stadt zu treffen.“ Ein Achtundvierzigjähriger aus dem Ostend formuliert es ähnlich, aber höflicher: Die Parteien sollten sich möglichst schnell entscheiden, „es gibt genug zu tun in Frankfurt“. Derzeit redeten sich die Parteien in Gegensätze hinein, „um markig aufzutreten“, dabei seien die gemeinsamen Interessen viel stärker, als es derzeit den Anschein habe, sagt es und ruft noch beim Weggehen in Richtung Römer: „Bitte schnell einigen.“
