Frankfurt war und ist bis heute wahrscheinlich die jüdischste Stadt Deutschlands. Wer sich in der Mainmetropole auf Spurensuche begibt, begegnet jüdischen Orten auf Schritt und Tritt. Das ist durchaus ganz wörtlich zu nehmen. Beim Schlendern durch die Straßen etwa des Ostends oder des Westends treffen Spaziergänger vielerorts auf einen oder mehrere in das Pflaster eingelassene Stolpersteine. Sie erinnern an jüdische Menschen, die einst im Haus dahinter gelebt, in der Nazizeit deportiert und in der Regel umgebracht worden sind.
In dem Buch „101 Orte jüdischen Lebens in Frankfurt“, das ich jetzt mit meiner Frau Hadwiga Fertsch-Röver und dem Fotografen Rafael Herlich herausgebracht habe, finden sich aber nicht so sehr Leidensorte jüdischer Menschen. Vielmehr richtet sich unser Augenmerk auf die Spuren des Wirkens vor allem des jüdischen Bürgertums, das im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert ungemein viel für Frankfurt geleistet hat.
Viele dieser Orte dürften den Leser überraschen. Denn wer verbindet etwa die Universität, das Städel, das „Neue Frankfurt“ oder das FSV-Stadion im Riederwald schon mit jüdischen Frankfurtern? Oder gar den Frankfurter Kaiserdom, jene christliche Bastion, deren Stiftsherren und Priester das Judentum eigentlich durch Bekehrung seiner Gläubigen zum Christentum im Grunde auslöschen wollten?
Ein Drache verkörpert das Böse: die Judenschaft
Begeben Sie sich zum Südportal des Doms, und Sie werden die Lösung finden. Eine der steinernen Figuren über der Tür zeigt den heiligen Josef. Er trägt jüdische Kleidung und einen typischen Judenhut. Unter seinen Füßen verkörpert ein Drache das Böse – zu dem die Judenschaft zählt, die störrisch den rechten Glauben, also das Christentum, ablehnt. Die heilige Maria daneben steht dagegen auf zwei Masken, die verächtlich Grimassen in Richtung des gegenüberliegenden Gebäudes schneiden – damals, zwischen 1170 und 1462, war es eine Synagoge, die das Zentrum jüdischen Lebens in der Altstadt bildete.
Zu jener Zeit war die jüdische Bevölkerung noch nicht ins Ghetto am östlichen Rande Frankfurts verbannt, sondern lebte mitten in der Stadt. Noch aus der Zeit der frühen Fotografie gibt es eine Aufnahme der „Alten Judenschule“ hinter dem Leinwandhaus, die als Gebäude bis Ende des 19. Jahrhunderts erhalten geblieben war.

Die mittelalterlichen jüdischen Orte in der Altstadt sind längst verschwunden, doch manch neuerer Ort im Zentrum und den angrenzenden Stadtteilen zeugt vom Engagement und Geist seiner jüdischen Bürger. Zum Beispiel das Rathaus Römer. Denn hier regierte während der Weimarer Republik mit dem jüdischstämmigen Ludwig Landmann einer der erfolgreichsten Oberbürgermeister Frankfurts. Er ist der eigentliche Vater des „Neuen Frankfurts“, jenes Modernisierungsprogramms, das Frankfurt nach dem Ersten Weltkrieg in eine erfolgreiche Zukunft katapultierte, von der die Stadt noch heute profitiert.
Während der Regierungszeit Landmanns von 1924 bis 1933 sind in Frankfurt mehr als 12.000 neue Wohnungen entstanden, etwa in der Römerstadt oder der Hellerhofsiedlung. Zudem die Großmarkthalle oder das Elektrizitätswerk an der Gutleutstraße. Landmann hat die Messe wieder zur Blüte gebracht und den Flughafen Rebstock als Vorläufer des Rhein-Main-Flughafens ausgebaut.
Ludwig Landmann starb im niederländischen Exil
Am Ende wurde seine jüdische Herkunft Landmann zum Verhängnis. Die Nationalsozialisten vertrieben ihn durch Drohungen aus dem Amt, Landmann musste Frankfurt verlassen und schließlich nach Holland emigrieren. Dort starb dieser für Frankfurt so wichtige Oberbürgermeister in einem Versteck an Unterernährung und Herzschwäche. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Ernst May, der Architekt des „Neuen Frankfurts“ und intellektueller Kopf der Reformer, jüdische Wurzeln hatte.

Johann Friedrich Städel, der mit seiner Stiftung seinem Namen quasi Unsterblichkeit verschafft hat, war kein Jude. Doch das nach ihm benannte Kunstmuseum am Schaumainkai verdankt seinen Ruf als eine herausragende Kunstinstitution nicht zuletzt dem Juden Georg Swarzenski. Der aus einer polnisch-jüdischen Bankiersfamilie stammende Kunsthistoriker wurde 1906 Direktor des Städelschen Kunstinstituts. Er nutzte die Gelegenheit, dem deutschen Publikum die Augen für die europäische Moderne zu öffnen.
Swarzenski kaufte Werke von Monet, Beckmann und Picasso
In den drei Jahrzehnten als Direktor erwarb Swarzenski Hunderte von Gemälden, Grafiken und Skulpturen für das Städel wie auch für das Liebieghaus. Darunter Werke von Monet, Renoir, Rodin, Beckmann, Kirchner, Chagall und Picasso. Frankfurt und Deutschland haben ihm diese Leistung nicht gedankt. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Swarzenski 1933 aus seinen Ämtern entlassen. Die von den Nazis als entartet diffamierten Kunstwerke der Moderne, die er angekauft hatte, wanderten ins Depot oder wurden beschlagnahmt. Swarzenski emigrierte in die Vereinigten Staaten, wo er 1957 starb. Seine Lebens- und Wirkungsstätte Frankfurt hat er nie wieder besucht.

Dann sind da noch die Rothschilds. Ihre Verdienste für Frankfurt lassen sich kaum aufzählen. Schon der Stammvater der Bankiersdynastie, Mayer Amschel Rothschild, hat viel für Frankfurt geleistet. Ohne das von ihm gegründete Bankhaus wäre die Stadt wohl nicht so erfolgreich zum europäischen Finanzplatz aufgestiegen, der sie jetzt ist. Seine Frankfurter Nachfahren haben in vielfältiger Weise durch Stiftungen, Schenkungen und Gründungen die Stadt bereichert. Erwähnt werden sollen an dieser Stelle nur die drei Parks, die heute noch der Bevölkerung Erholung und Naturvergnügen verschaffen: der Grüneburgpark, der Rothschildpark und der Günthersburgpark.
Im Grüneburgpark waren die Rothschilds zu Hause
1837 erwarb Amschel Mayer Rothschild, der älteste Sohn des Stammvaters, die Grüne Burg, ein Landhaus des Bankiers Peter Heinrich von Bethmann-Metzler. Auf dem dazugehörenden 21 Hektar großen Areal ließ er ein Schlösschen bauen, das der Familie Rothschild ein knappes Jahrhundert lang als Erholungsort diente. Der letzte Eigentümer, Albert von Goldschmidt-Rothschild, wurde 1938 von den Nazis enteignet, das Rothschild-Schlösschen im Bombenkrieg zerstört. Aus der Sommerfrische der Rothschilds entstand schließlich der Grüneburgpark.

Ebenfalls ein Opfer der Nationalsozialisten wurde Maximilian Goldschmidt-Rothschild, der in einem Palais im heutigen Rothschildpark wohnte. Die braunen Räuber zwangen ihn 1938, das Palais mitsamt seiner Kunstsammlung sowie den umgebenden Park weit unter Wert zu verkaufen. Das Gebäude wurde im Bombenkrieg zerstört. Geblieben ist der Rothschildpark, der heute ein Ort für alle Frankfurter ist.
Den heutigen Günthersburgpark wiederum hatte der Bankier Mayer Carl von Rothschild zum englischen Landschaftsgarten mit einem repräsentativen Herrenhaus ausgestalten lassen. 1892 überließ er das Gelände der Stadt Frankfurt unter der Bedingung, dass es als öffentlicher Park jedermann zugänglich gemacht werde. Rothschilds Wunsch geht bis heute in Erfüllung. Zu jeder Jahreszeit nutzen Frankfurter die grüne Oase im östlichen Nordend.

Auch die Frankfurter Goethe-Universität würde es ohne jüdische Stifter so nicht geben. Den Anfang machte Wilhelm Merton, der als William Moses geboren wurde. Er ist der Gründer der Metallgesellschaft, einst einer der größten Industriekonzerne in Deutschland. Zu den vielen Bildungs- und Sozialeinrichtungen, die Merton ins Leben rief, zählt auch die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften. Sie bezog 1906 das im neobarocken Stil errichtete Jügelhaus in Bockenheim. Es wurde dann das Hauptgebäude der ersten von Bürgern gestifteten Universität Deutschlands, die damals durch den Zusammenschluss bestehender Einrichtungen wie der erwähnten Akademie entstand. Zusammen mit dem damaligen Oberbürgermeister Franz Adickes setzte Merton die Einrichtung dieser unabhängigen Universität durch.
Jüdische Unternehmen prägten die Stadt
Allein dank der Spendenfreude des Frankfurter Bürgertums, darunter vieler jüdischen Familien wie Merton, Speyer oder Rothschild, gelang das ehrgeizige Vorhaben. Die einzige nichtstaatliche Universität im deutschen Kaiserreich war die erste Hochschule in Preußen, an die auch Wissenschaftler jüdischer Herkunft berufen werden konnten. Nach dem Ersten Weltkrieg mit dem damit verbundenen inflationären Verlust des Stiftungsvermögens übernahm die Stadt die Trägerschaft. 1967 wurde die Goethe-Universität Landesuniversität. Seit 2008 ist sie wieder eine Stiftung.
Der Initiative und Tatkraft jüdischer Unternehmer verdankt Frankfurt manches Unternehmen. Neben Mertons Metallgesellschaft sei die Casella in Fechenheim erwähnt, einst ein Weltkonzern, der aus Teer gewonnene Chemiefarben herstellte. Dort, wo die jüdischstämmigen Brüder Fritz, Leo und Adolf Gans 1870 ihre Anilinfarbenfabrik gründeten, die später zu einem der Gründungsunternehmen der mächtigen IG-Farben wurde, befindet sich heute der Industriepark Fechenheim.

Eine andere jüdische Unternehmerpersönlichkeit war Julius Pfungst, der an der Waldschmidtstraße im Nordend die Naxos-Union, ein erfolgreiches Unternehmen für Schleifmaschinen, aufbaute. Seine Schwester Marie Pfungst, die von 1922 an die Pfungst-Stiftung und die Naxos-Union vorbildlich führte, war eine engagierte Sozialreformerin und Frauenrechtlerin. Heute beherbergt das ehemalige Fabrikgebäude unter anderem das Naxos-Theater.
Prägend für die Entwicklung der Stadt war auch der Erbauer des ersten Frankfurter Hochhauses, des damaligen Shell-Hauses am Nibelungenplatz, das nun City Gate heißt: Josef Buchmann, der als Kind nach Auschwitz deportiert wurde und das Lager überlebte, und später einer der größten Immobilienunternehmer in Frankfurt und Deutschland wurde. Erst vor wenigen Tagen ist er im Alter von 96 Jahren gestorben. Von seiner Großzügigkeit profitierte nicht nur die Frankfurter Universität, sondern auch jene in der Partnerstadt Tel Aviv.
Nicht zuletzt hat auch die F.A.Z., in der Sie diesen Bericht finden, jüdische Wurzeln. Denn Leopold Sonnemann war Gründer der „Frankfurter Zeitung“, des Vorgängerblatts der F.A.Z. Bis heute gehen die Frankfurter täglich an den Werken vorbei, an denen dieser Frankfurter Musterbürger mitgewirkt hat: am Eisernen Steg, am Palmengarten, am Frankfurter Hof. Sonnemanns „Frankfurter Zeitung“, die sich zu einem Leuchtturm der bürgerlichen Demokratie entwickelte, stand in ihrer Geschichte oft am Rande eines Verbots – das die Nationalsozialisten 1943 dann tatsächlich aussprachen. Ihre Nachfolgerin, die F.A.Z., ist stolz auf ihren jüdischen Urvater Sonnemann und trägt die Fackel der Freiheit weiter.
Jüdische Landmarken
Das Buch „101 Orte jüdischen Lebens in Frankfurt“ von Hans Riebsamen, Hadwiga Fertsch-Röver und Fotograf Rafael Herlich ist im Frankfurter Societäts-Verlag erschienen und kostet 16 Euro. Während der Frankfurter Buchmesse wird es im Rahmen des städtischen Lesefestivals „Open Books“ vorgestellt. Die Lesung läuft am Donnerstag, 8. Oktober, von 20 Uhr an im Presse- und Informationsamt (Römerberg 32), der Eintritt ist frei. Hans Riebsamen war bis zu seiner Pensionierung Redakteur der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z., wo er vor allem über die Frankfurter Stadtpolitik, das jüdische Leben in der Region und historische Themen schrieb. Noch heute berichtet er regelmäßig als freier Autor für die Zeitung.
