
Die KI und das Konkrete. Mit Geschäft und Besucherzahl wird am Schluss der Frankfurter Buchmesse wieder alles in Ordnung sein, zumindest im Großen und Ganzen. Im Hintergrund aber vollziehen sich Entwicklungen, die tief eingreifen in das, was auf der Bücherschau verhandelt wird. Es geschieht fast ohne jeden Einfluss der bis zum 11. Oktober in Frankfurt versammelten internationalen Buchmenschen. Dabei steuern sie Märkte mit einem Umsatz von vielen Milliarden Euro und liefern Inhalte, von denen neben Lesern in aller Welt auch Kino, Games und Streamingdienste zehren.
Gegen die Innovationen der Techbranche aber zählt all das nicht. Während in Frankfurt, nach wie vor Maschinenraum des internationalen Buchbetriebs, Verleger und Agenten mit Rechten und Lizenzen handeln und Leser Zerstreuung suchen, schlucken Sprachprogramme das Wissen der Welt. Der Kontrast zwischen dem, was auf der Buchmesse geschieht, und dem, was das dortige Geschehen letztlich bestimmt, war nie größer. Die Entfernung zwischen den Marionetten in den Hallen und ihren Spielern auch nicht: hier die Frankfurter Messehallen, dort Silicon Valley.
Der „Frankfurter Appell“, mit dem die Buchbranche die Bundesregierung um Unterstützung im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen bittet, ist daher dringend geboten und sollte von Berlin auch in Brüssel tatkräftig mit umgesetzt werden.
Gleichzeitig stehen die Veranstalter der Buchmesse vor der sehr konkreten Herausforderung, eine Bücherschau für eine Bevölkerung zu machen, die immer mehr Spektakel will, aber immer schlechter lesen kann. Für das bessere Buchmessengefühl am Publikumswochenende wird daher eigens die Messe umgebaut, mit erleichterten Laufwegen von Hallen-Erdgeschoss zu Hallen-Erdgeschoss. So muss man für das ersehnte Stelldichein von Fan und Autor nicht einmal mehr Rolltreppe fahren.
Mit einer für die Massen nicht sehr schmeichelhaften Pointe: Da inzwischen fast 67 Prozent aller Aussteller aus dem Ausland kommen und am Lärm deutscher Leser auf Selfie-Jagd ein verschwindend geringes Interesse haben, muss die Buchmesse diese treuen Kunden in den kurzerhand zu B2B-Etagen deklarierten Obergeschossen der Hallen stapeln. Was die Gäste aus ganz Europa und Übersee davon halten, bleibt abzuwarten.
All diese Problemlösungen, die neue Probleme hervorbringen, lösen aber das entscheidende Nachwuchsproblem nicht. Denn während bei Open AI oder Anthropic an der Veränderung des Überbaus gearbeitet wird, bricht in Deutschland die Basis weg. Ein Drittel der deutschen Fünfzehnjährigen hat das Lesen verlernt. Auch diese Situation kann die Buchbranche nicht allein entschärfen und ruft zu Recht nach Unterstützung der Politik. Aber wird sie gehört?
