
Was erlauben Amthor! Führt sich auf wie Ludwig XIV., Marie Antoinette oder ein spätrömischer Kaiser! Ist dieser merkwürdige Typ, der immer noch mit Krawatte rumrennt, jetzt total abgehoben, wie eigentlich die ganze Politiker-Kaste? Das muss man sich schon fragen angesichts des Furors, der im Internet wütete wie ein Waldbrand in Frankreich nach monatelanger Dürre.
Anlass für diesen Ausbruch von Hass und Häme war nicht, dass der Staatsminister aus den Reihen der CDU den Thron Karls des Großen aus dem Aachener Dom holen und auf seinem Balkon im Kanzleramt hat aufstellen lassen. Das Sitzmöbel des Anstoßes war ein einfacher Strandkorb, den Amthor in seiner Heimat zwar mit eigenem Geld gekauft hatte. Aber dann hatte Amthor auch noch die Chuzpe, sich dabei filmen zu lassen, als dieses Symbol der (vom Kanzler doch gegeißelten!) Work-Life-Balance an seinen Arbeitsplatz geliefert wurde. Ja, geht’s noch?!
Das Einprügeln auf Merz bereitet kaum noch Lust
Das sollten sich freilich jene fragen, die diesen Vorgang zu einem weiteren Beleg für die Verkommenheit der politischen Eliten in Deutschland aufbauschten. Die nach neuen Prügelknaben suchen, weil ihnen das Einschlagen auf den Kanzler, der für sie nichts mehr richtig machen kann, keine rechte Lust mehr bereitet. Spahn, der dem Affen kiloweise Zucker gab, ist ja auch schon erledigt.
Nicht selten kommt die beißende Kritik aus einem Lager, das klagt, die Republik habe keine originellen und kantigen Politiker mehr, die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehten. Hat sich aber schon mal jemand gefragt, warum das so ist, wenn es so ist? Warum fähige Leute lieber Karriere in der Wirtschaft machen, als eine in der Politik anzustreben, wo sie für mehr Arbeit (auch Amthor ist kein Faulpelz, der dauernd nur im Strandkorb abhängt) weniger Geld bekommen und jederzeit mit Hass und Häme überschüttet werden können, ob sie in der Mitte des Flusses schwimmen oder gegen den Strom?
Der „Shitstorm“ riecht freilich nicht nur ekelhaft, er hat auch die Wirkung eines Sandsturms: Er schleift Ecken und Kanten ab und Politiker endgültig rund. Auch Amthor hat nun nicht geglaubt, den Sturm abwettern zu können. Der Strandkorb ist schon auf dem Weg zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Republik aber geht weiter einer Zukunft entgegen, in der in der politischen Mitte dringend benötigte Talente der Politik einen Korb geben und sie damit den wirklich Scham- und Skrupellosen an den Rändern überlassen, denen sie man nicht überlassen dürfte.
