
Von 1974 bis 1986 durften die Schachspieler der DDR nicht an den Schacholympiaden teilnehmen. Auslandsaufenthalte von Sportlern beargwöhnte die politische Führung ohnehin. Überdies zählte Schach nicht zur ersten Kategorie geförderter Sportarten. Bei der Olympiade 1972 in Skopje war die DDR auf Platz zehn gelandet, hinter sechs anderen Ländern aus dem Ostblock, der BRD, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Das war Ostberlin zu wenig. Zehnter? Dann lieber gar nicht.
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist soeben auf Platz 17 bis 32 der Weltmeisterschaft gelandet, mit einem guten Spiel gegen Curaçao und ausgeschieden blamabel in einem unglaublich einfallslos geführten gegen Paraguay. Womöglich das schlechteste Auftreten der Deutschen in einem Pflichtspiel seit Langem. Wer zusah, musste denken: dann lieber gar nicht.
Der Kanzler scheint allein zu sein mit seiner Meinung
Kapitän Joshua Kimmich hat in einer bemerkenswerten Reaktion auf dieses schmähliche Turnierende davon gesprochen, es sei die Aufgabe der Mannschaft gewesen, die Nation stolz zu machen. Er erinnerte sich an seine Kindheit, in der er Deutschland stets in Halbfinals und Endspielen gesehen habe. Und er fügte hinzu, es sei schade, gerade in einer Zeit, in der es extrem gutgetan hätte, in Deutschland auf etwas stolz sein zu können.
Unterdessen war Friedrich Merz (CDU) stolz. „Was für ein Spiel“, twitterte er um 1.53 Uhr nach dem Elfmeterschießen. Durch Einsatz(!) und Teamgeist habe die Mannschaft das Land begeistert. Diese Meinung hat der Kanzler nun ganz für sich allein. Die Leute im Kanzleramt sollten ihm vielleicht nach Mitternacht das Smartphone wegnehmen.
Das Desaster der Fußballer und die Stimmung im Land
Die Frage nach dem Stolz verbindet das öde Desaster der Fußballer mit der Stimmung im Land. Stuttgart 21 wird Stuttgart 31. Nur sechzig Prozent der Züge sind pünktlich. Die Wachstumsprognose liegt bei einem halben Prozent. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist auf dem Höchststand seit 2013. Ein erheblicher Leistungsabfall des Bildungssystems ist festgestellt. Bezahlbarer Wohnraum in den Städten fehlt. Die Kultur, einst ein Motiv des Nationalstolzes, wird allerorten als Überforderung wahrgenommen. In den Rundfunksendern ergeht die Anweisung, wenn möglich, keine Fremdwörter wie „Andante“ oder „Arabeske“ mehr zu verwenden und nicht mehr als zwei Namen in fünf Minuten. Eine Kulturstaatsministerin beschlichen beim Namen „Preußen“ ungute Gefühle, ein Kulturstaatsminister tritt lieber beim Schlagerwettbewerb auf als bei der Leipziger Buchmesse oder dem Theatertreffen.
Der Stolz auf das eigene Land, oder sagen wir viel schwächer: die Zufriedenheit, in ihm zu leben, nährte sich in Deutschland seit siebzig Jahren aus vielerlei Quellen. Es war ein institutionell vermittelter Stolz mehr als einer auf die eigene Sprache, die eigene Küche oder die eigene Ästhetik. Wirtschaftlicher Wohlstand war eine dieser Quellen, das Funktionieren der Verwaltung eine andere. Man bildete sich etwas auf die Arbeit der Ingenieure ein, auf die Gymnasien und die Universitäten. Auf die Krankenbehandlung, die Theaterlandschaft.
Auf die Nationalmannschaft war man stolz
Inzwischen hat vieles davon an Substanz verloren. Die Ansicht, wir seien etwas Besonderes und in vielem besser als die anderen, klingt inzwischen wie eine Beschwörung. In das Gejammer über die Lage spielt der Glaube hinein, wir verdienten sie nicht. Das lähmt die Entschlusskraft, an ihr etwas zu ändern.
Die Nationalmannschaft gehörte zu den Institutionen, die Stolz auf sich zogen. Oft durch Rumpelfußball, oft durch Kampf, die berühmten „deutschen Tugenden“, wie gesagt: nur selten durch Ästhetik. Mit dem Sommermärchen der Weltmeisterschaft 2006 änderten sich die Einstellungen im Fußball. Er wurde lernbereiter, jedenfalls acht Jahre lang, behielt aber die körperliche Kompaktheit bei. Vor allem aber ein realistisches Verhältnis zur eigenen Leistungsfähigkeit. Das änderte sich erst nach dem Weltmeistertitel.
Jetzt, in der Stunde der Schwierigkeiten, könnte der Stolz darin liegen, ihnen nicht auszuweichen. Aus der Niederlage gegen Ecuador hatte Julian Nagelsmann, der den Anspruch auf den Weltmeistertitel für normal hielt, so wenig gelernt wie aus dem zufälligen Sieg über die Elfenbeinküste. Er versuchte es im Wesentlichen immer wieder mit derselben Strategie bei wechselnden Redensarten. Fehler kann er bei sich nicht finden. Das ist keine gute Voraussetzung, um etwas an der Zweitklassigkeit zu ändern, in der sich die Mannschaft derzeit findet.
In der FIFA-Rangliste nimmt Deutschland derzeit den zwölften Platz ein, hinter Belgien und Kolumbien. Ob sie gegen den Siebzehnten, Japan, oder gegen den Dreiundzwanzigsten, Norwegen, eine Chance gehabt hätten, muss bezweifelt werden. Doch enthält dieser Zweifel immerhin eine gute Nachricht für den Nationalstolz: Wir sind, fußballerisch, eben auch nichts anderes als die Türken und die Italiener.
