„Ein belgisches Bier, ein Glas Wein und ein paar Waffeln“ – so lautete die Trilogie der Wünsche von Emmanouil Karalis nach dem bislang größten Erfolg seiner Stabhochsprungkarriere, dem Sieg beim Finale der Diamond League. Und dann ab ins Bett, „weil ich sehr müde bin“.
Doch wie das so ist in Zeiten von Social Media: Meistens kommt erst mal ein Bild dazwischen. Noch aus dem Hotelbett postete der neue Leichtathletikstar nach Mitternacht ein Foto, das ihn mit kleinen Augen, aber breitem Lächeln zwischen den Kissen zeigte – vor ihm platziert die Diamanten-Trophäe aus Brüssel. „Thank you & Goodnight“ schrieb der Sechsundzwanzigjährige, aber wie einschlafen nach so einem Abend?
In 32 Disziplinen wurden am Wochenende Siegerinnen und Sieger im König-Baudouin-Stadion ermittelt. Herausragend blieb dabei Emmanouil Karalis, der die anderen Brüsseler Spitzenkräfte dank seiner exorbitanten Darbietung überstrahlte. Der Grieche hatte nicht nur gewonnen und mit 6,12 Metern einen Meeting-Rekord markiert – sondern auch eine besonders bemerkenswerte Show geboten.
Herzliche Umarmung von Sebastian Coe
Es gab einige Hinweise, die sein Alleinstellungsmerkmal herausstrichen. So das Voting der Nutzer auf der Homepage der Diamond League: 41 Prozent gaben Karalis als „Mann des Abends“ ihre Stimme.
So die Überreichung der Trophäen zum Ende der Veranstaltung: World-Athletics-Präsident Sebastian Coe schüttelte allen Champions herzlich die Hand – bis Karalis an die Reihe kam. Vor dem krönenden Moment hielt Coe kurz inne, um ihm dann lachend in die Arme zu fallen.
So in der Mixed-Zone, wo Athleten und Reporter sich begegnen: Dort herrschte zu später Stunde schon Feierabendatmosphäre, nur einer erzählte noch von sich und seiner dauerhaften Hochstimmung – Emmanouil Karalis. Er fühle sich „wie ein kleines Kind“, sprudelte der Sechsundzwanzigjährige. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich die Diamond League gewonnen habe. Es ist phantastisch. Ich bin sehr glücklich, sehr dankbar.“ Denn noch nie zuvor hatte er einen wichtigen Wettkampf gewonnen, war stets Zweiter geworden.
Des einen Pech, des anderen Glück
Einen Teil seines Glücks verdankte er dem Pech des eigentlichen Favoriten, seines Konkurrenten und Freundes Armand Duplantis. Der schwedische Leichtathletikstar hatte kurz vor dem Wettkampf mit Leidensmiene seinen Rückzug erklärt, er habe ein irritierendes Gefühl im Bereich der Leiste gespürt. „Ich hasse es“, bekannte er am Stadionmikrofon und entschuldigte sich beim Publikum für die Enttäuschung.

„Ich war sehr traurig“, sagte auch Karalis über den Moment, als Duplantis zurückzog: „Als er mir gesagt hat, dass er nicht antreten kann, war ich für fünf Minuten schockiert.“ Er habe erwartet, „mit ihm gemeinsam einen tollen Wettbewerb bestreiten zu können“.
Wieder einmal, hätte man anfügen können. Denn Duplantis und Karalis, beide 26, genannt Mondo und Manolo, lieferten sich während der gesamten Saison einen Zweikampf auf höchstem Niveau, der in der Darbietung von Zürich vor Wochenfrist gipfelte. Dort sprang der Grieche 6,20 Meter, womit er zum zweitbesten Stabhochspringer der Geschichte avancierte. Doch Duplantis meisterte 6,25 Meter. So war es bislang immer, egal auf welchem Terrain. Ob in der Diamond League, bei Olympischen Spielen, Welt- oder Europameisterschaften: Der Schwede hatte das bessere Ende für sich, und der Grieche schien auf Silber abonniert.
„Ich kann kaum erwarten, was nächstes Jahr kommt“
Ohne seinen Antagonisten war in Brüssel nun der Weg frei für Karalis, der zudem das ganze Stadion auf seiner Seite wusste. Das lag auch daran, dass er es wie nur wenige Athleten verstanden hat, eine akustische Signatur zu institutionalisieren. Wann immer er antritt, ertönt der Sirtaki als Erkennungsmelodie, die inoffizielle griechische Nationalhymne. Das findet nicht nur Karalis witzig, sondern es ist auch ein Hinweis an die Zuschauer, jetzt bitte zum Stabhochsprung zu schauen.
Als Karalis in Brüssel nach dem Ausscheiden seiner verbliebenen Widersacher, des Norwegers Sondre Guttormsen und des Australiers Kurtis Marschall (beide 5,82 Meter), schon als Sieger feststand, ließ er die Latte auf 6,12 Meter legen. Und als sich der 1,86 Meter große Athlet mit seinem kraftvollen Stil zum dritten Mal über diese Höhe versuchte, schallte der Sirtaki so laut wie selten durch die Arena. Alle Augen waren auf einen gerichtet, und Karalis hielt dem Druck stand: Er meisterte die Höhe, schaffte den Stadionrekord. Der Rest war Jubel.
„Hoffentlich ist das der Anfang einer sehr schönen und extraordinären Karriere. Ich kann kaum erwarten, was nächstes Jahr kommt“, blickte er in Brüssel bereits weit voraus – wohl wissend, dass kommende Woche zum Abschluss der laufenden Saison noch die erstmalig ausgetragenen Ultimate Championship in Budapest auf dem Flugplan stehen. Ob Duplantis dann wieder startklar sein wird, ist noch unklar. Auftreten wird er auf alle Fälle, denn der musikalisch ambitionierte Sportler will dort live im Stadion den von ihm geschriebenen Song „Gold“ performen.
Genussmensch Karalis sinniert derweil darüber nach, wie er sich bei seinen Trainern bedanken könnte. Er werde ihnen wahrscheinlich einige Flaschen „Pétrus“ schenken, meinte er. Dieser Rotwein aus dem Bordeaux gilt als einer der besten und teuersten Weine der Welt, begehrt auch als Anlageobjekt und Statussymbol. Was aber nicht seinem Ansatz entspricht: „Ich liebe Wein, ich genieße ihn.“
