
Die Aktienbörsen in den USA hängen die in Europa derzeit ab. Oder wie es in einem Marktbericht der Consorsbank heißt: „Der Dax wird gerade ein wenig davor bewahrt, seine Verluste auszuweiten, weil sich der S&P‑500‑Index und die Wall Street stabil halten können“, schreibt deren Chefmarktanalyst Jochen Stanzl. Am frühen Freitagnachmittag lag der Deutsche Leitindex leicht im Plus, auf Wochensicht verlor er rund ein Prozent. Anders in den USA: Der breite amerikanische Leitindex S&P 500 legte auf Wochensicht rund 0,5 Prozent zu und erreichte mit 7143 Punkten sogar einen Rekord.
Aber wie passt das mit dem andauernden Irankrieg zusammen? Zwar herrscht nach wie vor eine fragile Waffenruhe. Einen Durchbruch in den Verhandlungen zwischen Iran, USA und Israel gibt es aber nicht. Und die Seeblockade in der für den Öltransport wichtigen Straße von Hormus dauert an. Selbst nach einem etwaigen Kriegsende kann es laut einer Einschätzung des amerikanischen Verteidigungsministeriums Monate dauern, bis die Seeminen geräumt sind und die Meerenge wieder gefahrlos passiert werden kann.
„Der Konflikt rund um die Straße von Hormus ist alles andere als gelöst, doch die Märkte zeigen sich zuversichtlich“, so Mark Dowding, Anlagechef für Anleihen bei RBC BlueBay Asset Management. Dabei steige mit jeder weiteren Woche die Inflationsgefahr, und die Wirtschaft leide. „In Zeiten, in denen politische Aussagen und die Auffassungen der Märkte so stark voneinander abweichen wie jetzt, ist erfahrungsgemäß Vorsicht angebracht“, warnt der Fachmann.
eToro: „Tech ist zurück“
Dieses Risiko scheinen die Märkte in den USA auszublenden. Stattdessen macht sich dort derzeit wieder eine Technologie-Euphorie breit, nachdem wichtige Techkonzerne ihre Ergebnisse für das erste Quartal präsentiert haben. „Die US-Aktienrally wird vor allem von Tech- und Chipwerten getragen“, erklärt Maximilian Wienke, Analyst bei eToro. Der S&P-500-Technologiesektor liege seit Monatsbeginn mit einem Plus von rund 14 Prozent deutlich vorne. Genau daraus ergebe sich jedoch ein Problem für Deutschland. Das Risiko, dass sich die Unternehmen schlechter als die in den USA entwickeln, steige. Während in Amerika Big Tech dominiere, sei die deutsche Wirtschaft stärker von Industrie geprägt und damit deutlich anfälliger für Energiepreise und globale Störungen.
Valentin Vergnaud, Portfoliomanager für US-Aktien beim Vermögensverwalter La Française von Crédit Mutuel, hält die Entwicklung in den USA für fundiert. Entscheidend seien die Zahlen und Ausblicke der Unternehmen, sagt er der F.A.Z. „85 Prozent der Unternehmen, die bislang Zahlen für das erste Quartal vorgelegt haben, übertrafen die Analystenschätzungen.“ Auch seien die Unternehmen in der Breite nicht überbewertet. „Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 für die nächsten zwölf Monate liegt derzeit bei 21. Der Markt erwartet 2026 Gewinnsteigerungen bei den Unternehmen von im Durchschnitt 18 Prozent. Vor drei Monaten lag das KGV noch bei 23.“ Ein KGV von 21 besagt, dass der Kurs dem 21-Fachen des Jahresgewinns der Aktiengesellschaft entspricht. Je niedriger das KGV, desto besser.
„Die Hyperscaler investieren viel, liefern aber auch die entsprechenden Ergebnisse“, so Vergnaud. Amazon sei in der Sparte Amazon Web Services (AWS) im ersten Quartal so stark gewachsen wie in den vergangenen drei Jahren nicht. „AWS ist der größte Cloud-Provider der Welt.“ Und bei Google habe sich das Suchmaschinengeschäft weiterhin gut entwickelt.
Hyperscaler sind sehr große Cloud-Anbieter, die ihre Rechenzentren und IT-Infrastruktur stark ausgebaut haben, um bei Bedarf schnell hochskalieren zu können. Sie haben dreistellige Milliardenbeträge investiert und dafür auch Schulden gemacht. Darin könnte für Anleger ein Risiko liegen: Wenn die Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz (KI) nicht so schnell steigt, drohen Überkapazitäten. Die hohen Investitionen würden dann keine Rendite mehr bringen, während Abschreibungen und Zinslasten die Gewinne belasten.
Crédit Mutuel: „Wir erkennen keine Blase“
Das ist derzeit nicht der Fall. Vergnaud hält die Titel auch nicht für überteuert. „Wir erkennen keine Blase. Selbst bei Nvidia, dem wertvollsten Unternehmen der Welt, treiben die Ergebnisse den Aktienkurs.“ Solange US-Unternehmen so gute Ergebnisse lieferten, habe dies die US-lastigen Indizes wie den MSCI World begünstigt. „Natürlich kann sich dieser Trend weiterentwickeln und sollte beobachtet werden.“
In Deutschland hat derweil SAP seine Quartalsergebnisse präsentiert. „Die Zahlen von SAP sind so gut, wie man es in diesem Marktumfeld im günstigen Fall erwarten kann“, schreibt Stanzl von der Consorsbank. Dass die SAP‑Aktie um 30 Prozent gefallen ist, hänge mit der Erwartung zusammen, dass die Walldorfer eine Phase der Anpassung an das KI‑Zeitalter vor sich haben, deren Ausgang ungewiss sei. „Allerdings liegt der Quartalsbericht in mehreren Kategorien über den Erwartungen – und das ist umso erstaunlicher, wenn man die unsicheren makroökonomischen und geopolitischen Rahmenbedingungen sowie den Umbruch betrachtet, der derzeit im Softwaresektor stattfindet.“ Die Angst, dass Kundschaft zu KI‑Agenten abwandere, sei damit vorerst ausgeräumt, aber nicht vollständig.
