An diesem Wochenende endet die Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Danach dürfte auch die Dichte weißer Turnschuhe im deutschen Live-Fernsehen wieder rapide abnehmen, Zeit wird’s: In den vergangenen Wochen konnte man ja kaum in die laufende Berichterstattung aus dem Turnier schalten, ohne sofort mindestens ein Paar an den Füßen von Moderatoren oder Expertinnen zu zählen.
Manchmal, im ZDF vor allem, saßen da sogar ein halbes Dutzend Fußballmenschen nebeneinander vor der Kamera, die zumindest nicht an ihren Schuhen voneinander zu unterscheiden waren. Und auch sonst, am durchschnittlichen Samstagabend, im „Sportstudio“ des ZDF, sieht man Moderatoren wie Jochen Breyer und Sven Voss selten in anderen Schuhen als weißen Sneakers.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Was Menschen, die was mit Fußball zu tun haben, an den Füßen tragen, ist ja kein Zufall und auch keine Nebensache. Auch da gibt es eine Art von Protokoll, Schiedsrichter zum Beispiel tragen meist schwarze Fußballschuhe, während die Profis, auf die sie aufpassen, das so gut wie gar nicht mehr tun, da geht es mehr in Richtung Signal-Neon. Allerdings wurde jetzt der Nationalspieler Deniz Undav im Training der deutschen Turniermannschaft dabei beobachtet, wie er einmal die legendären schwarzen „Copa Mundial“ von Adidas trug – von denen in den 1980er-Jahren alle träumten, die hofften, auch mal Fußballprofi zu werden. Oder zumindest Fußball spielen zu können.
Träumen vom „Copa Mundial“
Von „Copa Mundial“ träumen heute sicher nur die wenigsten Kinder, und mit Adidas als Ausrüster des DFB ist es vom nächsten Jahr an sowieso vorbei, dann übernimmt Nike. Undav aber wurde direkt bei einer Pressekonferenz nach seinen Schuhen befragt, im Sportjournalismus arbeiten heute natürlich auch sentimentale D-Jugendspieler von 1987.
Die Sache mit den weißen Sneakern im Sportfernsehen dauert übrigens schon ziemlich lange an, Jochen Breyer vom ZDF musste sich schon vor einigen Jahren gegen die Kritik eines Zuschauers an seiner Garderobe in den sozialen Medien wehren, der sich über die „Snickers“ des Moderators aufregte. Seltsam aber, dass die Distinktionsgewinne, um die es bei diesen Schuhen mal gegangen sein muss, nicht zu versiegen scheinen, egal, wie viele Leute sie tragen.
Der Lässigkeitsstandard aktueller Herrenmode
Weiße Sneaker sind zum aktuellen Lässigkeitsstandard von Herrenmode geworden, denn man sieht sie ja auch auf der Straße oft, genau wie enge blaue Anzüge mit cognacfarbenen Schnürschuhen. „Es wird keine Extragarderobe für die Expertinnen und Experten in den ZDF-Sportstudio-Sendungen bereitgestellt“, teilt der Sender auf Anfrage mit. „Auch keine Schuhe. Sportliches Outfit in gedeckten Farben passt zu einer Sportübertragung, aktuelle Modeerscheinungen können dabei zum Tragen kommen.“
Nur Christian Streich machte mal wieder nicht mit. Der ehemalige Trainer vom Bundesligisten SC Freiburg ist mit Positionen zur Kommerzialisierung des Sports, zu Selbstbestimmungsrechten und gegen Rechtspopulismus bekannt geworden. Das hat ihm den Ruf eines Nonkonformisten eingebracht, auch wenn sein Beispiel vor allem zeigt, wie selten es ist, dass man sich im Profifußball so sichtbar tagespolitisch positioniert. Wie nonkonformistisch er wirklich ist und wie wenig er sich offenbar um das schert, was andere denken: Das konnte man jetzt, als Streich als Experte im ZDF-WM-Studio auftrat, auch an seinen Schuhen erkennen.
Sie waren hellbraun. Und aus Leder. Leichte Sommerschuhe für Männer. Sie sagten: Ich habe die Sache an den Füßen unter Kontrolle, hört lieber auf das, was ich sage. Streich trug sie beim Eröffnungsspiel vor vier Wochen zwischen Mexiko und Südafrika, als er zum ersten Mal die Expertenrolle übernahm, er trug sie auch, als Deutschland gegen Paraguay ausschied. Er trug einfach vier Wochen lang nicht das, was alle anderen neben ihm auf dem Sofa im Berliner Zollernhof immer trugen.
Und falls Christian Streich am Sonntag, wenn das ZDF das Finale überträgt, plötzlich doch in weißen Sneakern auftreten würde, wäre das die letzte Niederlage einer Weltmeisterschaft, die gerade in Stilfragen ziemlich viele davon erlebt hat.
