Zwei Ereignisse, die nicht zusammenpassen. Erstens: Der AfD-Spitzenkandidat von Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, und der dortige CDU-Fraktionsvorsitzende, Guido Heuer, sitzen in Halberstadt auf einem Podium. Sie duzen sich. Ulrich wirft Guido gut gelaunt vor, er tue so, als habe er mit der Bundesregierung nichts zu tun. Darauf packt Guido sich das Mikrofon samt Ulrichs Hand und sagt zum Publikum: „Ich saß noch nie im Bundestag!“
Ein Foto entsteht in dieser Sekunde, zwei lachende Politiker, einer von der AfD, einer von der CDU, die sich in den Armen liegen. Nicht einmal eine auf ein Blatt Papier gezeichnete Brandmauer passt zwischen sie.
Eine große Aufregung entsteht im ganzen Land, die einen wollen solche Kumpelei generell nicht, die anderen empfehlen, es im Wahlkampf wenigstens nicht zu solchen Fotos kommen zu lassen. Heuer muss im Fernsehen schwören, den Unvereinbarkeitsbeschluss mit der AfD zu achten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Zweitens: Hans-Thomas Tillschneider, der stellvertretende AfD-Vorsitzende von Sachsen-Anhalt, spricht im Podcast „Berlin Playbook“. Er wird gefragt, ob er mit der CDU koalieren würde und sagt: „Nein, nein! Da sind wir uns Gott sei Dank alle einig, dass es eine Koalition mit der CDU nicht geben wird.“ Ob dann nicht alles eine Schattendebatte sei? Tillschneider: „Na klar, das ist es, ja.“
Resonanz auf diese Äußerung: null. Niemand hält es für undemokratisch von der AfD, Bündnisse auszuschließen. Oder rät der AfD, die CDU mit einer Verweigerungshaltung nicht unnötig zu stärken. Oder fordert von der AfD, die CDU an der Regierung zu entzaubern.
Die AfD ist in dieser Frage viel zerrissener als die CDU
Warum eigentlich? Die AfD ist in dieser Frage viel zerrissener als die CDU. In den Gremien reden die einen so, die anderen so. Wer in der AfD eine Koalition mit der CDU ausschließt, holt die ganz große moralische Keule hervor: Als würde man den Deutschen etwas antun, mit dieser CDU zu regieren.
Die AfD leidet aber nicht unter dieser Zerrissenheit, weil das Publikum sich nicht dafür interessiert. Alle wollen über die CDU reden, und ihre Zerrissenheit, obwohl die nur darin besteht, dass ein paar Einzelpersonen vom Kurs abweichen, den Bundesvorstand und Bundesparteitag mit überwältigender Mehrheit tragen.

Das Publikum hält diesen Kurs für richtig und achtet deshalb peinlich genau darauf, dass die CDU sich daran hält. Bei jeder kleinsten Abweichung heult es auf. Und wenn es gerade keine Abweichung gibt, fragt es immer wieder, ob das Versprechen noch gilt.
Das geht so weit, dass sich alle CDU-Politiker bestraft fühlen müssen, die dieses Gelöbnis aus staatspolitischer Verantwortung abgegeben haben. Hätten sie doch nie das B-Wort benutzt! Die Frager und Mahner wiederum erreichen das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollen: Sie stellen jene vor Gericht, die eigentlich belohnt werden müssten. Niemand sollte einen Nachteil haben, wenn er das Richtige verspricht.
Wer diesen Zustand beenden will, muss die Brandmauerdebatte umdrehen: Wann will die AfD eigentlich ihre Haltung aufgeben, die CDU zerstören zu wollen? Wann will sie lernen, Kompromisse einzugehen? Wie stellt sie sich das alles eigentlich vor? Soll die CDU mit einer Parteihälfte einen Koalitionsvertrag schließen, den die andere Hälfte bekämpft?
Eine Partei, in der ein Tillschneider die mangelnde ethnische Reinheit der Fußball-Nationalmannschaft beklagt, und ein Höcke sagt, die Westdeutschen seien Deutsch sprechende Amerikaner, hat mehr Fragen zu beantworten als die CDU.
