„Sie schlafen, ich schlafe nicht, sie schlafen, ich schlafe nicht, ich schlafe nicht, sie schlafen, ich schlafe nicht …“. Andere zählen Schafe, wenn sie nicht schlafen können, ich habe es mit Thomas Bernhards Mantra versucht, aber es half nichts, denn nichts hilft am Ende außer dem Schlaf, der aber nicht kommt. Er wartet draußen vor der Tür, raucht eine Zigarette nach der anderen, wirft sich die Lederjacke um und läuft durch die Nacht, durch die Neonschatten der Stadt bis, wie Kafka es schreibt, die ‚Nicht-Nacht‘ beginnt.
Für Sarah Kane kam der Schlaf, wenn er nicht irgendwo anders durchmachte, morgens um 4.48 Uhr zurück. „At 4.48 / I shall sleep.“ Es ist eine hypnotische Uhrzeit. Die Geisterstunde der Schlaflosen, wo für die einen die Vernunft nach all den Ungeheuern und Ungeheuerlichen endlich zu schlafen beginnt und die anderen mit rasendem Herz in Panikattacken erwachen, wenn dieses Herz sie mit Fäusten schlägt, wenn die Schläfen von den Bässen der Angst terrorisiert unerträglich zu schmerzen beginnen, der ganze Körper sich windet, krümmt, erstarrt mit starrem Blick ins Nichts und du alles auslöschen willst, selbst ausgelöscht werden willst wie das Licht im Zimmer, wenn du zu Bett gehst in die Dunkelheit, die den Schlaf locken soll.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Du hast mit allen möglichen Düften die Kissen besprüht, die Fenster aufgerissen für den Wind, die kühle Luft, die Atemzüge der Nacht. Aber er riecht wie ein Tier deine Angst. Die Angst, wieder nicht schlafen zu können, die Angst, in Albträumen gefoltert, ermordet, gequält, verlassen, missbraucht zu werden und aus dem Traum nur in die nächste Traumschleife zu erwachen, nein, es gibt kein Erwachen, du stehst auf, gehst ins Bad, aber dein Körper träumt weiter, trotz des kalten Wassers, das du dir ins Gesicht schüttest, trotz der Ablenkungen, Rituale, wenn du die Augen schließt, geht es weiter, besser nicht die Augen schließen, denkst du, besser schlaflos bleiben, als sich von all den Dämonen dämonisieren lassen. Dante hat die Hölle der Schlaflosen vergessen, ihr Fegefeuer, in dem alle Hoffnung und Zuversicht verbrennt und das dir die Streichhölzer unter die Lider klemmt.
Wenn die Schlaflosigkeit Folter ist, aber der Schlaf ebenso, kann man sich nur an Fassbinder halten und sein lässig hingerotztes Credo: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Klingt cool. Könnte man auf Pyjamas drucken, sich auf die Stirn tätowieren lassen und die passenden Pillen schlucken, eine Line wie eine Tangente ins Unendliche ziehen. Aber dann läuft doch immer nur der gleiche Film ab mit dem gleichen Abspann. Der Schlaf ist eine Waffe, wenn man ihn entzieht. Die Schlaflosigkeit schärft deine nächtlichen Gedanken zu einem Messer, mit dem du auf dich einstichst oder es dir zumindest an die Kehle hältst. Das klingt jetzt metaphorisch überdreht, aber nachdem es immer schlimmer geworden ist, werden auch die Bilder immer schlimmer, der Zustand, die Verzweiflung oder der Galgenhumor, die Selbstaufgabe, als könntest du nichts ändern, was nicht zu ändern ist.
Schwarze Augenringe
Natürlich versucht man alles, einfach alles. Die Schlaflosigkeit ist eine Industrie geworden. Ärzte, Schlaflabors, Schlafkliniken, Pillen, Meditationen, Drogen, lauwarmes Bier, Rotwein, kalte Duschen, Sport bis zur absoluten Erschöpfung, Selbstbeschwörungen, Therapien, Analysen, Hypnose, Staubsaugerlärm und dabei an Iggy Pop denken, Schäfchen zählen, Atmen, Atmen nach Zahlen, durch den ganzen Körper atmen, mit dem kleinen Zeh atmen, mit dem linken Ohr atmen, Quadrate atmen, ausatmen, sich bewusstlos schlagen lassen wollen, alle Probleme lösen, Wallfahrten machen, Opfer bringen, Kerzen anzünden. Gibt es einen Heiligen der Schlaflosen? Hat er schwarze Augenringe, ist er von unsichtbaren Pfeilen gemartert? Ist die Schlaflosigkeit die Strafe für alle Sünden?

Wenn Babys müde sind, schreien sie, bevor sie einschlafen. Vielleicht sollte ich schreien, bevor ich ins Bett gehe, herzzerreißend schreien. Oder ins Theater, die Oper gehen. Der Schlaf liebt das Theater. Da kommt er plötzlich, wenn du ihn am wenigsten brauchen kannst, dann drückt er dir die Augen zu, und du wehrst dich. Jeden Abend ins Theater, und du bist gerettet! Oder Così fan tutte, diese endlosen Rezitative oder wieder ein Kuscheltier, das Lalelu summt, wenn man an der Schnur zieht. Aber ich hab schon als Kind schlecht geschlafen. Und immer dann, wenn ich als Schüler hätte ausschlafen können, wurde ich samstags vom Küchenradio geweckt, das gefühlt direkt unter meinem Kopfkissen lag und mich mit Volksmusikgejodle hochschreckte. Sonntags schüttelte mich dann mein Vater wach, um zum Kloster zu fahren und in die Kirche zu gehen, als müsste ich auch sonntags dort zur Schule, die Schule der Bigotterie. Ich hätte selbst beim Knien einschlafen mögen und sinnierte mich im Halbschlaf durch die Messe.
Manchmal kommen die schönsten Ideen
Eigentlich habe ich noch nie wirklich ausgeschlafen. Denn wenn ich die Zeit dafür hätte, wache ich naturgemäß in aller Herrgottsfrühe auf mit dem Nachschlag der höllischen Nacht. Am Stück zu schlafen, stundenlang zu schlafen, alles zu verschlafen, wie ein Murmeltier zu schlafen, ein schlafender Hund, wie ein Embryo gekrümmt im Bett überwintern, sich gesund schlafen, all das kenne ich nur als Traum, als Wunsch. Ich wüsste gar nicht, was das ist, tief zu schlafen, nicht diesen sogenannten Ammenschlaf, der sehr dünnhäutig ist, dass du beim leisesten Geräusch oder jeder imaginierten Gefahr sofort wie gestochen auffährst, nein, den tiefen, glückselig machenden Schlaf kenn ich nur, wenn ich Fieber habe, irgendeine Fleisch- oder Lebensmittelvergiftung, Covid oder als ich eine verschleppte Lungenentzündung hatte: Da schlief ich nur, wie in Trance, Schlaf ohne Ende, ohne Bewusstsein, ohne Träume, ohne Panikattacken, ohne Gedanken, denn das Hirn, der Körper, alles läuft nur auf Notstrom. Ein paar Tage im Jahr ist das so und schenkt mir die Gewissheit, dass auch ich schlafen kann.
Wobei es für mich eine magische viertel oder halbe Stunde an manchen Tagen gibt, wenn ich mich mittags oder nachmittags hinlege, die Augen schließe und warte, dass er kurz vorbeischaut, der Schlaf. Das rettet mich. Und manchmal ist der Schlaf so tief, dass ich zutiefst berührt bin mit Haut und Haar. Es gibt Menschen und Leistungssportler, die immer nur zehn Minuten schlafen, aber das natürlich mehrmals am Tag und in der Nacht. Es klingt verführerisch, aber auch anstrengend. Wahrscheinlich braucht es dafür eine innere Ruhe, die ich in meiner Unruhe nie erreiche. Man versucht gerne, den Schlaf auszutricksen, zieht dann aber doch meistens den Kürzeren. Der Schlaf ist ein heilloser Narzisst und sofort gekränkt. Du fühlst dich permanent schuldig. Natürlich bist du selbst schuld, wenn du nicht schlafen kannst. Da hilft kein Sich-Auflehnen, wie Kafka schon wusste: „Der Schlaf ist das unschuldigste Wesen und der schlaflose Mensch das schuldigste.“
Schwindelerregende Klarheit
Für Thomas Bernhard war die Schlaflosigkeit ein schwarzer Strich. Du wirst ausgestrichen. Durchgestrichen. Aber, und das ist die andere Seite, dass alle seine Geschichten damit anfangen, dass er nicht schlafen kann. Genau das ist die entgegengesetzte Richtung der Erzählung vom geraubten Schlaf. Für Künstler, glaubt Cioran, ist die Schlaflosigkeit ein Segen: „Schlaflosigkeit ist eine schwindelerregende Klarheit, die selbst das Paradies in einen Ort der Folter verwandeln kann.“ Und unter der Schlaflosigkeitsfolter schreibt man besser. Die Gedanken hören nicht auf, einen zu quälen, das Unterbewusstsein holt seine Daumen- und Hirnschrauben raus, du liegst auf deinem Bett wie auf einem Streckbett oder stellst dich zumindest an den Pranger. Cioran treibt die Schlaflosigkeitsapotheose noch weiter und ins Märtyrerhafte: „Was ist jene Kreuzigung verglichen mit der täglichen, die jeder Schlaflose erduldet?“ Handke nennt es im ‚Versuch über die Müdigkeit‘ das „Fahllicht des Morgengrauens“, das dem Schlaflosen „die Verdammnis bedeutet“.
Jede Kreativität verlangt ihr Opfer, dass du deinen Hals auf das Kissen legst und auf das Messer wartest. Aber das alles ist zu pathetisch, denn die Schlaflosigkeit ist am Ende banal und man selbst ist es. Der Kopf hört einfach nicht auf zu arbeiten. Manchmal kommen die schönsten Ideen. Dann kann man erst recht nicht mehr schlafen, weil man sie nicht verlieren will oder dann gleich im Kopf weiterschreiben will. Manchmal löst man in der Schlaflosigkeit alle Probleme, phantasiert sich all die Happy Endings herbei, die dann am nächsten Morgen ausbleiben. Aber man erinnert sich an diese magischen Momente in der Welt der Schlaflosen: „I had a night in which everything was revealed to me. How can I speak again?“ Bei Sarah Kane ist die Nacht das wahre und einzig wahre Drama, alles liegt offen auf dem zerwühlten Bett. Die eine schläft, die andere nicht: „I am jealous of my sleeping lover and cover his induced unconsciousness.“ Als wäre das nicht an unauflösbarem Konflikt genug, prophezeit sie, während sie den Schlafenden beobachtet, den Schock des nächsten Morgens: „When he wakes he will envy my sleepless night of thought and speech unslurred by medication.“
Man neidet, ersehnt, verflucht den Schlaf, vergöttert ihn. Er ist der Gral der Schlaflosen. Als könnte man erlöst werden, als gäbe es Erlösung. Es gibt sie nicht, nur weiterhin diese, wie Ingeborg Bachmann sie nannte, „undefinierbaren Zustände“, die „Herzsprünge“. Und am Ende des Traums vom großen Schlaf: den Schwindel.
Albert Ostermaier lebt als freier Schriftsteller in München. Er ist einer der meistgespielten deutschen Dramatiker der Gegenwart und wurde vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien „die liebe geht weiter – roman mit pasolini“ (Matthes & Seitz, 188 Seiten, 22 Euro).
