Die Stimmung ist unmissverständlich. Darüber, wie willkommen er zu Hause ist, kann kein Zweifel bestehen. So einstimmig sind die Leserkommentare in britischen Zeitungen selten: „Bitte nicht noch mehr Einwanderer ohne Ausbildung!“, lästert ein Leser der „Times“. „Ausgerechnet dann, wenn man meint, schlimmer kann es nicht kommen“, kommentiert ein zweiter. Der nächste schreibt: „Putin hat zwar gedroht, dass die Lieferung von Drohnen an die Ukraine Konsequenzen haben wird, doch dass er so weit geht, hätte ich nicht gedacht.“
Die Rede ist von Prinz Harrys Umzug zurück nach England. Nach sechs Jahren im kalifornischen Exil kehrt der verlorene Sohn heim. Und die Briten sind – wie die Zitate beweisen – hin und weg. Sie zetern, und sie schimpfen. Sie regen sich auf und lachen ihn aus. Sie bezeichnen ihn als Heuchler und Schmarotzer. Doch in Wahrheit gibt es wohl kaum einen Inselbewohner, der im Grunde seines Herzens nicht frohlockt.
Die beste Nachricht für das gebeutelte Land
Endlich haben sie ihn wieder! Ihr wilder, wagemutiger, unberechenbarer, überemotionaler und ewig kindischer Skandalprinz ist zurück im Vaterland, das auf Englisch „Motherland“ heißt, was bei jeder Erwähnung die Erinnerung an Diana, die Prinzessin der Herzen, aufleben lässt. Er trägt seinen so aussichts- wie endlosen Kampf um Vergeltung zurück nach Hause, ins Epizentrum jener Klatschpressekultur, die Diana, seine Kindheit und das Glück seiner Braut auf dem Gewissen haben soll. Dass Harry sich wieder einmal alles anders überlegt hat und trotz der ausgiebigen Nestbeschmutzung zurückkehren will, ist die beste Nachricht für das gebeutelte Land seit Langem.
Um das zu begreifen – und zu verstehen, dass es sich bei der Häme der erwähnten Leserkommentare um nichts anderes als verhohlene Glücksgefühle handelt –, muss man allerdings eine entscheidende Hürde nehmen. Sie besteht aus der Aussetzung von Regeln wie „das macht man nicht“ oder „wer A sagt, muss auch B sagen“. Wer darauf pocht, wird weder Harry jemals verstehen noch das britische Königshaus oder irgendeine andere repräsentative Monarchie.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Deren Existenzberechtigung besteht nämlich aus kaum mehr als der Aufgabe, das Volk vom Elend der Gegenwart abzulenken, es zu unterhalten und im Idealfall zu verzaubern. Und dieser Pflicht ist in seiner Generation niemand so ausdauernd und gewissenhaft nachgekommen wie Prinz Harry.
Harry ist einfach so
Er ist ein echter Märchenprinz, für den die Schwerkraft bürgerlichen Anstands noch nie gegolten hat. Statt sich von Zwängen der Logik einschränken zu lassen, verheddert er sich hoffnungslos in Widersprüche, aus denen sich kein Normalsterblicher mehr befreien könnte. Harry dagegen ignoriert sie einfach, blendet die schnappatmende Öffentlichkeit aus und tut, wonach ihm ist: heiratet eine Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, schmeißt den Prinzenjob hin, schreibt ein schmutziges Buch, das mehr enthüllt, als die Presse je erfahren hätte, verdient noch mehr Geld mit Netflix, zieht vor Gericht, gewinnt, verliert, verflucht seinen Bruder und die englische Presse – und kehrt im nächsten Moment zurück, als wäre nichts gewesen.
Diese Zügellosigkeit liegt ihm im blauen Blut, weshalb Empörung darüber, dass er Benimmregeln missachtet und keine Bodenhaftung hat, unangebracht ist und kleingeistig. Harry ist einfach so. Er war nie anders – ein tragisches, liebenswertes, immer heiß laufendes königliches Ersatzteil, als das er sich im Titel seiner Autobiographie „Spare“ (deutsch: „Reserve“) selbst bezeichnet hat. Aus dieser Sicht ist die Rückkehr seiner kleinen Familie nicht empörend, sondern im Gegenteil ein großer Gewinn fürs Königreich und weit darüber hinaus.
Das biedere Dasein der Cambridges
Sie sorgt nicht nur für Ablenkung von Hitze, Dürre, Kriegen und Korruption in Zeiten abnehmender Demokratie. Sie überstrahlt auch die Enthüllungen über Harrys gefallenen Onkel Andrew, die Krebserkrankung von König Charles und das so intakte wie biedere, aus Sicht der Klatschpresse sehr unergiebige Dasein der Cambridges. Dank Prinzessin Kate bestanden die aufsehenerregendsten Termine des vergangenen Jahrs aus ihren üblichen Auftritten in Wimbledon und den üblichen Fotos zum Geburtstag der Kinder. Mit Harry und Meghan werden dagegen Chaos und Glamour zurückkehren, Zwietracht und Spannung, Rivalität und nervenkitzelnde Hoffnung auf Versöhnung. Endlich hat die Firma wieder großes Kino zu bieten, weshalb diese Woche niemand glücklicher ist als Harrys Erzfeinde von der Presse.

Der Rest der Nation ist insgeheim genauso froh, egal wie unversöhnlich sie sich in den Leserkommentaren geben mag. Innerhalb von 100 Jahren gleich zwei schwarze Schafe an Amerika zu verlieren, wäre unschön gewesen und schmerzhaft. König Edward VIII. verzichtete wegen Wallis Simpson auf den Thron und starb einsam und verbittert im Exil. Harry dagegen hat schon nach sechs Jahren begriffen, dass das Gras auf der anderen Seite auch nicht grüner ist. Kommentatoren versuchen das als „Platzen seines amerikanischen Traums“ zu interpretieren. In Wirklichkeit aber ist der Prinz nur pragmatisch und gönnt sich beides: England und Amerika; britische Erziehung für die Kinder während der Schulzeit und kalifornische Sonne in den Ferien. Why not?
Wie wertvoll das für die eigene Marke ist, hat ausgerechnet die britische Bildungsministerin sofort begriffen. Der Alltagsjob der Labour-Politikerin besteht normalerweise darin, Privatschulen im Vergleich zu staatlichen so unattraktiv wie möglich zu machen. Jetzt aber preist sie das „britische Schulsystem“ aus vollem Herzen, in dem auch die Königshäuser von Spanien, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Griechenland und Liechtenstein ihre Kinder schon lange ausbilden lassen. Deren Strahlkraft ist allerdings nicht halb so groß wie die von Meghan und Harry. Dank deren Votum für England werden Privatschulen und Internate wahrscheinlich einen ähnlichen Boom erleben wie zu Bestsellerzeiten von „Harry Potter“.
Die Rückkehr des anderen Harry hat schließlich noch eine menschliche Dimension, die niemanden nicht berührt, denn der Prinz ist mit all seinem royalen Ballast auch nur ein Sohn. Sein Vater ist krank. Seine Oma tot. Sein Onkel ausgestoßen. Seine Kinder sind klein. Seine Frau anspruchsvoll. Sein Bruder wütend. Seine Schwägerin beleidigt. Wer wünscht dieser total dysfunktionalen Familie nicht, dass sie – nach angemessenen Irrungen und Wirrungen – ein Happy End findet? Es ist, als ob Harry als geborener Prinz und begnadeter Meister seines Metiers genau weiß, wie der Stoff gewebt wird, aus dem die Träume sind.
