In dem Kinderbuch „Tiere der Welt“ steht etwas Interessantes über einen kleinen Vogel: „Ohne Pause können Mauersegler drei Jahre lang fliegen. Dabei gleiten sie kraftsparend und können sogar in der Luft schlafen.“
Gedanke 1: Krasser Vogel, fliegt drei Jahre lang. Und noch nie davon gehört!
Dann irgendwann, Gedanke 2: Wenn er drei Jahre fliegen kann, müsste er doch auch länger fliegen können? Wieso braucht er überhaupt eine Pause?
Er braucht keine Pause. Aber drei Jahre Flug war anscheinend das längste, was die Wissenschaft bei Mauerseglern gemessen hat. Der Satz im Kinderbuch ist also so nah an der Wahrheit wie möglich, weil man weiß, dass er ganz sicher stimmt. Aber er ist gleichzeitig auch sehr weit weg von der Wahrheit, weil er, wenn man über ihn nachdenkt, seinen Sinn verliert.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der Geist, der Fragen stellt, ist die Kritik. Und es ist im Sinne einer Demokratie, Kinder zu möglichst kritischen Geistern zu erziehen. Nicht zu misstrauischen Schwurblern, nicht zu ängstlichen Kleinkarierten, sondern zu Kindern, die sich mit der Welt beschäftigen und prüfen, ob es Sinn ergibt, was in ihr vor sich geht oder über sie erzählt wird.
Ein kritisches Denken steht in Zeiten von neuen Medien aber vor einer großen Herausforderung: Es fehlt die Zeit. Eine Kollegin erzählte kürzlich, dass sie im Deutschen Meeresmuseum in Stralsund war. Sie beobachtete, wie Eltern mit ihren Kindern vor den Glasscheiben voller bunter Fischschwärme vorbeirauschten. Sie hielten permanent die Handys vors Gesicht und knipsten jeden Fisch, der ihnen vor die Linse kam. Nach einigen Sekunden waren sie weiter zum nächsten Fenster geeilt.
Nur wenige Eltern haben sich zu ihren Kindern hinuntergebeugt und sich zusammen die Tiere angeschaut, haben die Informationstafeln vorgelesen und mit ihnen darüber gesprochen. Nur wenige haben sich Zeit für die Fische genommen. Aber nur so kann man sich ihnen nähern und sie verstehen.
95 Prozent der Jugendlichen benutzen KI für die Hausaufgaben
Lesen, Rechnen, Denken brauchen eine gewisse Langsamkeit. Ein Gedanke muss hin und her gewendet werden, ohne dass direkt der nächste kommt. Wenn es zu schnell geht, wird die Außenwelt eher konsumiert als reflektiert. Konsumenten sind aber schlechte Bürger, sie sind passiv und wenig kompromissbereit, weil verständnislos.
Die Zukunft wird allerdings noch schneller werden. Im aktuellen Bildungsbericht steht, dass jedes fünfte Kind im Alter von zwei und drei Jahren einen eigenen Kinder-PC hat, jedes achte ein eigenes Tablet. 91 Prozent der Jugendlichen benutzten im vergangenen Jahr KI für ihre Hausaufgaben, vor allem ChatGPT.
Das ist alles erst mal nur Technik, und Technik ist nichts Böses, sondern in vielen Bereichen ein Gewinn. Aber es ist eine Technik, die vor allem Zeit spart. Und es stellt sich die Frage: Wozu braucht ein Kind gesparte Zeit?
Eine Studie zeigt, dass für rund 80 Prozent der Schüler ChatGPT ein Werkzeug ist, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen – ohne dass sie dabei etwas lernen. Nur die ohnehin leistungsstarken Schüler verstehen danach mehr als zuvor. Ein Kind muss einen Text nun nicht mehr langsam selbst lesen und begreifen, es muss nicht mehr selbst schreiben oder argumentieren, die KI macht alle diese Aufgaben in Sekunden. Das ist gut, aber es setzt voraus, dass zuvor der kritische Geist trainiert wurde. Wenn Kinder nicht mehr langsam lernen, werden sie glauben, der Mauersegler fliegt drei Jahre – und dann stürzt er ab.
