
So schnell, wie sich der Begriff „Indopazifik“ im geopolitischen Denken vieler Länder verankert hat, so schnell könnte er auch an Bedeutung verlieren. Die Bezeichnung und das dahinterstehende Konzept hatten die USA im Jahr 2017 weitgehend vom damaligen japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe übernommen. Dahinter steckte die Idee, den Pazifischen und den Indischen Ozean zusammen stärker als eine strategische Einheit zu sehen und die Fokussierung auf China in der zuvor als „Asien-Pazifik“ bekannten Region zumindest begrifflich abzuschwächen.
Formalisiert wurde dieser Schritt mit der Umbenennung des damals mehr als 70 Jahre bestehenden Pazifik-Kommandos der amerikanischen Streitkräfte in „Indopazifik-Kommando“. Die Änderung aus der ersten Amtszeit Donald Trumps als US-Präsident wird nun zurückgenommen. Wie das Pentagon am Dienstag verkündete, ist das „U.S. Indo-Pacific Command“ wieder das „U.S. Pacific Command“. Dabei ändere sich nichts an seinem Einsatzgebiet, das von der US-Westküste bis an die Westgrenzen Indiens reicht, wie das Ministerium mitteilte. Es gehe darum, „die tiefen historischen Wurzeln des Kommandos“ zu würdigen, so das Pentagon.
Schon Anfang Juni hatte Verteidigungsminister Pete Hegseth, der ja schon die ihm unterstellte Behörde zum „Kriegsministerium“ umgetauft hatte, den Begriff in einer sicherheitspolitischen Rede in Singapur nicht mehr verwendet. Regionale Beobachter sehen in der Umbenennung auch deshalb ein Signal für ein strategisches Umdenken in Trumps zweiter Amtszeit. Der Fokus wird nun weniger auf den Indischen Ozean gelegt. Regionale Partnerschaften wie die Quad, die als Antwort der Mitgliedsländer USA, Australien, Japan und Indien auf die wachsende Macht Chinas galt, verlieren an Einfluss.
Trumps und Xis Konzept der „konstruktiven strategischen Stabilität“
Insofern erscheint die Änderung auch im Einklang mit der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der USA zu sein, die dem Schutz des eigenen Landes und der Sicherheit der westlichen Hemisphäre Priorität einräumt. „Regionen in der Nähe der USA scheinen für Washington nun an Bedeutung gewonnen zu haben“, schreibt Colin Karotam vom Australian Strategic Policy Institute (ASPI) in einer Analyse. Der Indische Ozean liege eben nicht wie Atlantik und Pazifik direkt vor den US-Küsten. Zudem passt ein Rückzug in das Konzept der „konstruktiven strategischen Stabilität“, das Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping bei ihrem Gipfel vereinbart haben.
Die Auswirkungen der strategischen Umorientierung werden viele Länder der Region zu spüren bekommen. Besonders betroffen ist Indien, das im Zentrum des Indopazifik-Konzepts stand und das die USA über Jahre zu einem strategischen Gegengewicht zu China aufbauen wollten. Dabei hat Neu Delhi bereits gemerkt, dass Indien in Trumps zweiter Amtszeit keine Sonderrechte genießt. Der US-Präsident hat unter anderem durch die Erhebung der zeitweilig höchsten Zollforderungen unter allen Ländern gegenüber Indien für Verunsicherung gesorgt.
Die beiden Seiten sind dabei schon seit einigen Monaten bemüht, den Tiefpunkt ihrer bilateralen Beziehungen zu überwinden. Am Mittwoch hatte Trump den indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi am Rande des G-7-Gipfels im französischen Évian getroffen. „Näher kann man sich nicht stehen als wir“, sagte Trump Agenturen zufolge bei dem Treffen. Das Verhältnis ist derzeit aber wieder angespannt, nachdem US-Raketen in der vergangenen Woche im Nahen Osten mehrere Frachtschiffe mit indischen Seeleuten getroffen und drei von ihnen getötet hatten.
China dürfte die Namensänderung zunächst einmal begrüßen
Modi ließ seine bisherige Zurückhaltung bei dem Thema für einen Moment fallen und sprach das Schicksal der indischen Seefahrer generell an. „Ihre Sicherheit hat für uns oberste Priorität“, sagte Modi. Trump erklärte vor allem, dass dies „ein harter Beruf“ sei. Und auch die Zusicherung Trumps, wonach die USA Indien im Falle eines Angriffs helfen würden, dürfte die Inder nicht wirklich überzeugen. Trump schränkte dies Modi gegenüber auch sogleich ein. „Wenn jemand diesen Mann angreift, werden wir zur Stelle sein. Sollte es nun einen neuen Anführer geben, bin ich mir da nicht so sicher“, sagte Trump.
Wie schon Europa bekommt auch Indien zu spüren, dass sicher geglaubte Sicherheitsvereinbarungen unter Trump jederzeit umgeworfen werden können. Noch nicht ganz klar ist dabei, ob die Verabschiedung vom Indopazifik-Konzept über das US-Verteidigungsministerium hinaus weiter Kreise ziehen wird. Nachdem sich die USA den Begriff auf die Fahnen geschrieben hatten, hatten auch die südostasiatischen Staaten und die EU Indopazifik-Strategien entwickelt. Auch die damalige Bundesregierung veröffentlichte im Jahr 2020 ihre „Indopazifik-Leitlinien“, die bis heute eine Grundlage der deutschen Asien-Politik darstellen.
Anders als diese Länder dürfte China die Begriffsänderung im Pentagon zunächst einmal begrüßen. Peking war immer davon ausgegangen, dass sich das Indopazifik-Konzept gegen China richtete. „Auf einer anderen Ebene könnte China jedoch den Eindruck gewinnen, dass die USA noch stärker darauf setzen, Peking im Pazifik als Hauptschauplatz des Wettstreits in Schach zu halten“, schreibt der ASPI-Fachmann Karotam. Letztlich könnte die Namensänderung darauf hinweisen, dass die USA sich für einen Konflikt mit China positionieren, der sich geographisch auf Ostasien und dort insbesondere auf Taiwan konzentrieren würde. Vorerst kann China es aber so darstellen, als würden die USA sich aus der Region zurückziehen.
