Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand jene literarische Gattung, die den banalen Alltag im puritanischen Neuengland beschrieb und vor allem Frauenfiguren in den Mittelpunkt der Handlungen stellte – und die etwas herablassend „häuslicher Realismus“ genannt wurde. Anders als die heroischen Erzählungen von Krieg und Eroberung und Überleben in der Wildnis, wie sie die amerikanischen Schriftsteller jener Zeit spannen, beschrieben Schriftstellerinnen die Banalität des Alltäglichen, eben das Häusliche. Mit solchen Erzählungen, die sie in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte, verdiente Catharine Maria Sedgwick sich ihren Lebensunterhalt, aber es war ihr erster Roman, „A New-England Tale“, mit dem sie sich als Schriftstellerin etablierte.
„Es ist gewiss wünschenswert, einige Schilderungen der Temperamente und der Sitten unseres eigenen Landes zu haben“, schrieb Sedgwick im Vorwort zu ihrem Roman, der programmatisch den Untertitel „Skizzen von Neuenglands Temperamenten und Sitten“ trägt. Diese Skizzen vermitteln ein authentisches Bild des Alltagslebens in einem neuenglischen Städtchen, das ungenannt bleibt. Der Gegensatz zwischen puritanischer Formstrenge und praktizierter Moral ist ein durchgehender Faden der Erzählung, die um eine Jane Elton kreist.

Jane ist ein Waisenmädchen, das von ihrer strengen Tante aufgenommen wird und die „ärgerliche Unfreundlichkeit“, mit der sie dort behandelt wird, mit „geduldigem Gehorsam“ erträgt. Dabei verliert Jane nie ihren moralischen Kompass und beklagt innerlich, „dass dort, wo die äußere Form der Gottesverehrung so stark ausgeprägt war, so wenig von deren Geist und Wahrheit zu spüren war“. Als sie nach mehreren Versuchen endlich aus der häuslichen Tyrannei der Tante ausbricht, wird Jane Lehrerin in der städtischen Schule, die gegen den puritanischen Protest – auch ihrer Tante – gegründet worden war.
Und als sie schließlich heiratet, ist ihre Ehe, die auf gegenseitigem Verständnis und Respekt basiert, ein Gegenentwurf zu den patriarchalen Mustern der puritanischen Zeit. Denn in ihren moralischen wie in ihren bürgerlichen Haltungen ist Jane eine moderne Frau. Auch strebt sie als Lehrerin nach einer gestaltenden Rolle in der entstehenden republikanischen Gesellschaft, sodass ein implizites Thema des Romans die Rolle der Frauen bei der Formung der Nation ist.
Diese Emanzipationsgeschichte spiegelt die Entstehung der eigenständigen Nation
Tatsächlich ist Jane Elton die erste Figur in der amerikanischen Literatur, die ihren Selbstbestimmungsdrang mit einem nationalen Gestaltungswillen verbindet, sodass ihre Entwicklungs- und Emanzipationsgeschichte auch die Entstehung der eigenständigen Nation spiegelt. Als Lehrerin vermittelt sie ihren Schülern nicht nur moralische, sondern auch republikanische Werte ─ sie ist eine Hüterin bürgerlicher Tugend.
Sedgwick verband eine Art moralischen Patriotismus mit einer unverkennbaren Kritik am puritanischen Konformismus. Dennoch erfuhr ihr Roman dank eines flüssigen Erzählstils, einer einfachen Handlung und fein gezeichneter Figuren einen beachtlichen Erfolg. Diesem ersten Roman folgten weitere fünf und mehr als 100 Kurzgeschichten, Reiseberichte, Kinderbücher, die im häuslichen Milieu spielen und die amerikanische Landschaft als Schauplatz benutzen. Sedgwick gilt heute, neben Washington Irving, James Fenimore Cooper und William Cullen Bryant, als Mitbegründerin der amerikanischen Literatur.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
