Folgt man der Erklärung des pakistanischen Militärs, dann haben sich die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan verständigt, „die Verpflichtungen“ aus ihrem neuen Verteidigungsabkommen „unverzüglich in effektive militärische Zusammenarbeit umzusetzen“. Alle drei Länder hätten den Willen geäußert, „die Sicherheit, Souveränität und territoriale Integrität des Königreichs Saudi-Arabien zu verteidigen“, teilte Pakistan am Samstag nach einer Dringlichkeitssitzung der militärischen Führer der drei Staaten mit. Konkret seien Möglichkeiten besprochen worden, „den Austausch von nachrichtendienstlichen Informationen, die militärische Koordination und die Integration von militärischen Fähigkeiten zu verbessern“.
Die Türkei äußerte sich deutlich zurückhaltender. Das Verteidigungsministerium in Ankara bestätigte lediglich, dass Generalstabschef Selçuk Bayraktaroğlu sich am Freitagabend in Riad mit seinem saudischen Amtskollegen Fayyadh bin Hamed Al-Ruwaili und dem pakistanischen Militärchef Asim Munir getroffen habe. Eine gemeinsame Stellungnahme gab es nicht.
Die unterschiedlichen Töne aus Islamabad und Ankara sind symptomatisch für die jeweiligen Positionen, die die Türkei und Pakistan im Mekka-Pakt einnehmen. Das Bündnis mit Saudi-Arabien war im August mit großer Geste in der islamischen Pilgerstadt Mekka geschlossen worden. Die Kernbotschaft: Ein Angriff auf ein Mitglied werde als Angriff auf alle beteiligten Länder gewertet. Kurz danach wurde Saudi-Arabien von Huthi-Kämpfern aus dem Jemen mit Drohnen und Raketen angegriffen. Pakistan soll, als sich die Eskalation abzeichnete, schon im Mai 8000 Soldaten und Kampfflugzeuge nach Saudi-Arabien verlegt haben. Die Türkei hat bislang lediglich „technische“ Unterstützung angeboten. Warum?
Erdoğan: Wir werden uns nicht in eine Falle locken lassen
Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellte die türkische Zurückhaltung noch am Donnerstag als Ausweis der sicherheitspolitischen Reife seines Landes dar. Die Türkei sei erfahren genug, „um sich nicht provozieren oder in eine Falle locken zu lassen“, sagte er laut türkischen Medien auf dem Rückflug von der UN-Generalversammlung in New York. Sein Außenminister Hakan Fidan bemühte sich, Erwartungen an ein türkisches Engagement zu dämpfen. Es sei „unfair“ zu behaupten, das neue Mekka-Abkommen habe seinen ersten Test nicht bestanden, sagte er auf einer Veranstaltung in New York. Die NATO werde auch nicht als „Papiertiger“ betrachtet, obwohl sie in ihrer mehr als siebzig Jahre langen Geschichte nur einmal den Bündnisfall ausgerufen habe. „Wir haben gerade erst angefangen.“
In Ankara wurde zudem darauf hingewiesen, dass das trilaterale Abkommen noch gar nicht vom Parlament ratifiziert und deshalb noch nicht in Kraft sei. Die bisherigen Treffen der drei Mitgliedstaaten seien als „vorbereitende Treffen“ zu verstehen, sagte Parlamentspräsident Numan Kurtulmuş. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse ist die Ratifizierung reine Formsache. Der Text des Abkommens wurde den Abgeordneten aber noch nicht einmal vorgelegt.

Anders als Pakistan, das finanziell von Saudi-Arabien abhängig ist, hat die Türkei ihre Rolle in dem Pakt von Anfang an nicht als potentieller Truppensteller dargestellt, sondern als Lieferant von Rüstungsgütern und Geheimdienstinformationen. Außenminister Fidan äußerte in einem Interview, Ankara könne Riads „militärische Bedarfe in bestimmten technischen Bereichen“ decken. Denkbar wäre nach Einschätzung von Fachleuten die Bereitstellung von Luftverteidigungs- und Frühwarnkapazitäten. Auf diese Weise könnte die Türkei ihre Stellung als Rüstungskooperationspartner am Golf weiter ausbauen. Vorerst bemüht Ankara sich, Signale der Unterstützung an Saudi-Arabien zu senden. So machte vergangene Woche die türkische Fregatte Kemalrais für einen mehrtägigen Besuch in Dschidda halt.
Die Huthi drohen der Türkei schon mit Konsequenzen
Zugleich will die Türkei vermeiden, den Zorn der Huthi auf sich zu ziehen. Die jemenitischen Rebellen haben Ankara bereits gewarnt. Ein Berater der Huthi-Führung bezeichnete die Türkei nach der Unterzeichnung des Mekka-Pakts als „Feind“ und drohte im Fall eines direkten militärischen Eingreifens mit Konsequenzen. Ankara müsste Angriffe der Huthi auf türkische Schiffe in der Meerenge Bab al-Mandab fürchten. Die Wasserstraße ist für die Türkei wegen ihres militärischen und wirtschaftlichen Engagements am Horn von Afrika von erheblicher strategischer Bedeutung.
So betreibt die Türkei in Somalia ihre größte Militärbasis im Ausland, samt F-16-Kampfflugzeugen. Sie bohrt nach Öl vor der somalischen Küste und baut einen Weltraumbahnhof unweit von Mogadischu, auf dem Ankara auch eigene Raketen testen will. Somalia, Sudan und Äthiopien gehören zu den wichtigsten Abnehmern türkischer Rüstungsgüter in Afrika. In diesen Ländern liefert sich die Türkei ein Wettrennen mit Israel um regionalen Einfluss.
Eine direkte Beteiligung an einem wieder aufflammenden Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Huthi ist auch deshalb nicht im Interesse der Türkei, weil es ihre Beziehungen zu Iran belasten könnte. Anders als Saudi-Arabien betrachtet Ankara Teheran nicht als Feind, sondern sieht die größte Gefahr für die eigene nationale Sicherheit in einer Destabilisierung und Fragmentierung Irans. Parlamentspräsident Kurtulmuş ging so weit zu behaupten, Iran könne dem Mekka-Pakt beitreten, was man in Riad sicher anders sieht. Folgt man Kurtulmuş, dann sieht die Türkei in dem Bündnis vor allem eine Möglichkeit, im Ringen mit Israel um regionale Vorherrschaft ihren Einfluss auszubauen.
