
Sein Gesicht ist wieder fülliger, und auch die Haare sind nachgewachsen. Mit selbstbewusst-kritischem Blick schaut Andrzej Poczobut in die Kamera, im Hintergrund ist eine Brücke über die Memel zu sehen. Der Journalist und Aktivist der polnischen Minderheit in Belarus ist zurück in seiner Heimatstadt Grodno. Das Foto veröffentlichte der 53 Jahre alte Mann am Dienstagabend auf Facebook.
Zuvor war er nach mehr als vier Monaten Aufenthalt in Polen nach Belarus zurückgekehrt. Freiwillig. Ende April war er nach fünf Jahren Haft sowie Arbeitslager im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigekommen und nach Polen ausgereist. Bereits unmittelbar nach dem Grenzübertritt hatte er damals gefragt, ob und wann er wieder zurückkehren können werde.
Für ihn sei das eine Frage der Ehre, erklärte er der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“, für die er über die polnische Minderheit in Belarus berichtete. Schon während seiner Haftzeit hatte er ein „Angebot“ belarussischer Behörden, ins Exil nach Polen zu gehen, abgelehnt. Er begründete dies damit, die Polen in Belarus nicht dem Regime des Machthabers Alexandr Lukaschenko zu überlassen. Seine Rückkehr ist daher nicht ohne Gefahr. „Ich befinde mich in einer Lage, in der jeder Angst haben würde“, sagte er seiner Zeitung. „Und ich habe Angst. Aber im Leben sollte man sich nicht von Angst leiten lassen.“
Für das Benennen des sowjetischen Überfalls auf Polen verurteilt
Die Union der Polen in Belarus wurde 2005 verboten, ihre Mitglieder werden verfolgt und unterdrückt. Nach den Massenprotesten gegen die manipulierte Präsidentenwahl 2020 verschärfte das Regime auch die Repression gegen Vertreter der polnischen Minderheit. Sogar Kinder und Schüler seien damals verhört worden, berichtete Poczobut. Er selbst war unter anderem wegen des Vorwurfs, den sowjetischen Überfall auf Polen 1939 im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts als solchen bezeichnet zu haben, zu acht Jahren Haft verurteilt worden.
Trotz allem seien die Menschen nicht gebrochen, sagte Poczobut. Während seiner Haft hätten sie ihm Pakete mit Essen geschickt, die er im Gefängnis noch erhalten habe, später im Lager jedoch nicht mehr. Polnische Kollegen, die den sichtlich abgemagerten Poczobut bei dem Gefangenenaustausch im April an der Grenze in Empfang genommen hatten, sprachen von „Bildern wie aus einem Konzentrationslager in den Vierzigerjahren“.
Lukaschenko hofft auf Wohlwollen im Westen
Warschau hatte sich jahrelang für die Freilassung Poczobuts eingesetzt. Im Frühjahr war Bewegung in die Sache gekommen, nachdem John Coale, der Sondergesandte für Belarus des US-Präsidenten Donald Trump, mehrfach nach Minsk gereist war. Er hatte den Austausch von fünf Häftlingen vermittelt, darunter ein polnischer Mönch, dem Spionage vorgeworfen wurde, sowie ein weiterer polnischer und zwei Staatsbürger der Republik Moldau. Lukaschenko, der zwischen Moskau und dem Westen changiert, hofft auf bessere Beziehungen zu Washington, aber auch zu europäischen Ländern.
Poczobut nutzte die Zeit in Polen, um zu Kräften zu kommen. In Belarus will er nun seine Familie und sein Haus sehen, dass er seit fünf Jahren nicht mehr betreten hat, insgesamt aber nur rund eine Woche im Land bleiben. Danach seien Reisen nach Kanada und die USA geplant, wo er sich mit Politikern und Aktivisten der polnischen Diaspora treffen wolle. Danach wird ihn sein Weg zurück nach Polen führen, wo er ein Buch über seine Erfahrungen im Gefängnis schreiben will.
