Wenn der große, alte Heiner Brand früher auf Spielersuche für die Nationalmannschaft ging, studierte er vor Saisonbeginn die gedruckten Sonderhefte mit den Kadern der Vereine.
Fünf geeignete Profis für jede Position, mithin 35 Spieler, aus denen er aussuchen konnte – das war seine Idealvorstellung. Vielleicht schlummerte in der Göppinger Gruppe noch ein Linksaußen, den er kaum kannte, oder in Wetzlar ein fähiger Mittelmann, noch inkognito?
Das Problem nur: Brand musste, salopp gesagt, jeden Deutschen nehmen, der einen Ball fangen konnte, um hinter den Spitzenkräften auf die von ihm gewünschte Kaderbreite zu kommen. Denn der inzwischen 74 Jahre alte ewige Gummersbacher konnte sich als Bundestrainer zwischen 1997 und 2011 selten darauf verlassen, fündig zu werden – die Vereine ließen Internationalmannschaften auflaufen. Brand musste seine Kandidaten mit der Lupe suchen.
Aus dem mühsamen Mangel ist die Qual der Wahl geworden.
Gislason hat als Bundestrainer die Qual der Wahl
Nicht nur hat Brands Nachfolger Alfreð Gíslason mehr als genug Auswahl (mit einer Positionsausnahme), sondern er findet auch sehr junge, geeignete Spieler: Wer vor der an diesem Donnerstag beginnenden Champions-League-Saison durch die Seiten blättert, sieht in beinahe allen Auflistungen Youngster der Jahrgänge 2007, 2008 und sogar 2009.
Neulich sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass die Söhne des Flensburger Meistertrainer-Duos Maik Machulla (Chef) und Mark Bult (Assistent) bei der TSV Hannover-Burgdorf durch Körperlichkeit und Tore für Begeisterung sorgen: Avid Machulla und Noah Bult, beide 2009 geboren. Für sie scheint die A-Jugend der Niedersachsen das logische Sprungbrett in die Bundesliga zu sein. Kreisläufer Machulla ist über zwei Meter lang.

Wer sich mit Klaus-Dieter Petersen, dem Nachwuchskoordinator des THW Kiel, austauscht, erfährt, dass da „noch viel mehr“ komme. Vier Kieler wurden jüngst mit der deutschen U-18-Nationalmannschaft Europameister. Inzwischen hätten alle Vereine entdeckt, dass sich Nachwuchsarbeit lohne.
Während früher Spitzenklubs nur kauften, nicht ausbildeten und das den finanzschwächeren Klubs der Mittelklasse oder aus der Abstiegszone vorbehalten war, entspringen nun seit einiger Zeit Talente en masse aus den Nachwuchsleistungszentren: Sogar beim SC Magdeburg bewegen sich in Kreisläufer Malte Elze, 18, und dem gleichaltrigen Rückraumspieler Tim Thielicke zwei junge Profis im Kreis der Stars.
Für sie gilt das Gleiche, was Petersen bezogen auf Kiel sagt: „Die Jungs wachsen mit den Profis auf, und diejenigen, die die Trainingsqualität dort gewährleisten, werden allein dadurch besser.“
Unterstützung bei der dualen Karriere
Grob gesagt vier Gründe hat der Jugendtrend in der Bundesliga. Bei den Vereinen hat sich die Talente-Arbeit erheblich professionalisiert, seit die Handball-Bundesliga Nachwuchsleistungszentren verlangt und als Teil der Bundesliga-Lizenz zertifiziert. Vorbild ist und bleibt Berlin. Vor einigen Jahren begann der Deutsche Handballbund (DHB), seine besten acht bis zehn jungen Spielerinnen und Spieler im Alter von 17 und 18 Jahren im Elitekader zusammenzufassen.
Inzwischen ist das System durch DHB-Sportvorstand Ingo Meckes straffer geworden: Hilfestellung bei Schulproblemen, Unterstützung bei der dualen Karriere, Kontakt zur Universität – vor allem das Gefühl, dass jemand nach ihnen schaue, sei bis heute sehr wertvoll: „Die Vereine entwickeln maßgeblich die Spielerinnen und Spieler. Wir als Verband haben sie nur 60 bis 70 Tage im Jahr, können dann aber genau aufzeigen, was bis zur Weltspitze noch fehlt. Die Wertschätzung wirkt, die wir ihnen als Akteure des Elitekaders entgegenbringen.“
Positionsbezogene Ausbildung gilt als Schlüssel zum Erfolg
Für die Vereine weist Klaus-Dieter Petersen auf eine „Luxussituation“ hin: „Sie bekommen Individualtraining.“ Dann steht ein Coach ein, zwei Stunden mit ihnen in der Halle.
Viel haben sich Vereine und Verbände dabei in Spanien abgeschaut. Hier gilt die individuelle, positionsbezogene Ausbildung als Schlüssel zum Erfolg. Für die iberischen U-Mannschaften ist der Teamerfolg bei den Nachwuchsmeisterschaften uninteressant. Ihnen geht es darum, junge Spieler in die A-Mannschaft zu führen.

Das gelingt dem DHB mehr und mehr. Auch wenn die großen Erfolge dieses und des vergangenen Sommers meist Teamleistungen entsprangen. Nicht jeder Jahrgang kann schließlich einer wie der von 2002/2003 sein: Sechs von ihnen sind zu A-Nationalspielern geworden. Justus Fischer wechselt 2027 zum THW Kiel, Renars Uscins nach Paris. Vereine und Verband verstehen sich als Dienstleister, als Ermöglicher. „Unsere Nachwuchs-Nationalspieler sehen, dass sie es nach oben schaffen können. Es ist ein durchlässiges System. Dabei sind die U-21-Weltmeister von 2023 Vorbilder“, sagt Meckes.
Der vierte Grund ist die Einstellung der Jungstars. Entgegen dem Klischee der Gen Z sind hier Jungen am Start, für die das Gym, gute Ernährung, Ehrgeiz und Optimierung zum Lebensstil gehören: Wer mit 17 Jahren nicht 90 Kilogramm wiegt – bei einer gewünschten Körpergröße von 190 Zentimetern –, hat keine Chance gegen die erfahrenen Schwergewichte im Team.
Notfalls über Umwege in die Bundesliga
Sollte es nicht bei den großen Klubs klappen, bietet sich die zweite Bundesliga als Auffangstation oder Zwischenrunde an: Zwei Handvoll Spieler sind zu dieser Saison vom Unterhaus ins Oberhaus gewechselt, nachdem sie sich „unten“ die nötige Wettkampfhärte geholt haben.
Exotische Lösungen gehören dazu: In Flensburg setzte sich der 213 Zentimeter lange Thilo Knutzen nicht durch. 100 Kilogramm waren zu wenig. Nun versucht es der Rückraumspieler des Jahrgangs 2004 in Malmö. Er ist nur ausgeliehen, denn bei der SG hoffen sie, ihren heimischen Riesen nach schwedischen Lehrjahren mit mehr Kilogramm auf den Rippen und mehr Wurfkraft in den Armen zurückzukriegen.
Schade, dass er kein Linkshänder ist: Nach einem solchen fahndet der DHB nämlich intensiv. Noch ist es die Problemposition im Rückraum des deutschen Handballs. Es wird wohl ein paar Jahre dauern, bis auch dieser Mangel behoben ist.
