
Das deutsche Verteidigungsministerium verschickte am Mittwochabend eine Nachricht, die zunächst verwundern mag: Die Bundeswehr entsendet etwa ein Dutzend Soldaten und Offiziere nach Grönland. Die Erkundungsdelegation solle, so die Mitteilung, am Donnerstag mit einem A400M-Transporter der Luftwaffe in Nuuk an der Westküste Grönlands landen. Doch was sollen die Soldaten dort tun, etwa einen eventuellen amerikanischen Angriff abwehren? Wohl kaum. Vielmehr geht es um eine Mischung aus Symbolik und Eigeninteresse.
Der Symbolcharakter der Entsendung, die auf Einladung Dänemarks gemeinsam mit europäischen Partnerländern erfolgt, ist klar: Ein Ziel ist es, US-Präsident Donald Trump zu zeigen, dass eine Annexion des Gebiets komplexe Folgen hätte. Dieser hatte mehrmals geäußert, die riesige Arktisinsel aus Sicherheitsgründen kaufen oder mit anderen Mitteln unter die Kontrolle der USA bringen zu wollen.
Die SPD-Außen- und Verteidigungspolitikerin Siemtje Möller fasste die Bundeswehrentsendung am Donnerstagmorgen so zusammen: „Das ist ein wichtiges Zeichen gelebter europäischer Solidarität.“ Deutschland übernehme damit Verantwortung und beteilige sich aktiv an einer gemeinsamen europäischen Antwort auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen in der Arktis. „Wir machen damit deutlich, dass Europa bereit ist, Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen und gemeinsam zu handeln.“
Mit ihrer Erklärung verweist die frühere Parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium aber auch auf zumindest einen zusätzlichen Kern des Engagements: Eigenverantwortung. Die Geschehnisse im hohen Norden, wo neben der russischen Marine vor allem China immer aktiver wird und beispielsweise auffällig lange sogenannte Forschungsschiffe stationiert, interessieren die NATO als Bündnis, aber auch jeweils die Vereinigten Staaten und Europa.
Die USA haben die Bedrohung früher erkannt
Und ähnlich wie in vielen Aspekten europäischer und transatlantischer Sicherheit haben die Vereinigten Staaten auch im Nordatlantik die Zeitenwende viel früher erkannt und vor allem darauf reagiert. So wurde bereits vor sieben Jahren – die Europäer lagen noch im verteidigungspolitischen Tiefschlaf – die Zweite Flotte der US-Navy reaktiviert, deren Operationsgebiet von der amerikanischen Ostküste bis hinauf in die Arktis reicht. Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, im Spannungs- oder Kriegsfall russischen Einheiten den Weg an die US-Küste zu versperren, vor allem russischen U-Booten. Zudem soll der US-Nachschub über den Atlantik nach Europa gesichert werden, ohne den eine Verteidigung der Ostflanke zumindest gegenwärtig sehr schwer wäre.
Die Zweite Flotte, eine wichtige Stütze der US-Seestreitkräfte im Kalten Krieg, war 2011 außer Dienst gestellt worden, in dem Jahr, als in Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Anders als früher hat die aktuelle US-Flotte keinen festen Schiffsbestand mehr. Aber bei NATO-Manövern etwa an der Nordküste Norwegens spielt sie seither mit großen, auch amphibischen Einheiten eine tragende Rolle. Bereits im September 2019 wurde auf Island ein Führungs- und Einsatzzentrum (Maritime Operations Center) errichtet, das die amerikanischen Flottenaktivitäten koordiniert. Zugleich gehen die Vereinigten Staaten voran, eisfähige Kriegsschiffe zu bauen, was Russland ebenfalls konsequent vorantreibt.
In all dieser Zeit hatten die europäischen Streitkräfte zunächst wenig zu bieten, um ihre nördlichen Gewässer zu schützen und damit aber auch in einer strategischen Schlüsselregion zum Schutz der Vereinigten Staaten beizutragen. Auch Kanada hat seine maritimen Fähigkeiten sträflich vernachlässigt; dessen U-Boot-Kompetenzen bestehen derzeit aus vier alten Einheiten, die vor mehr als dreißig Jahren aus der britischen Marine ausgemustert und zum Schnäppchenpreis an Ottawa verkauft worden waren. Augenblicklich erwägt Kanada einen Beitritt zu einem aktuellen deutsch-norwegischen U-Boot-Projekt. Auch deswegen war Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im Herbst dort.
Deutschland hat seine Fähigkeiten ausgebaut
Denn bereits seit einiger Zeit reagiert Deutschland anders auf die veränderten Herausforderungen. Seit die Bundeswehr 2018 erstmals mit „Trident Juncture“ in Brigadestärke an einem NATO-Großmanöver in Norwegen teilgenommen hat, wurden Fähigkeiten und Übungen stetig gesteigert. Deutsche Soldaten, darunter Gebirgsjäger und Marineinfanterie, nehmen inzwischen regelmäßig an Manövern wie „Nordic Response“ oder „Cold Response“ teil, Einheiten der Marine sind zum Flugkörperschießen ins Polarmeer entsandt, das Seebataillon übt gemeinsam mit der niederländischen Marine in der nordnorwegischen Gebirgs- und Arktisregion für den Einsatz in amphibischen Operationen.
Ebenfalls neu ist die Bereitschaft, die neuen P-8A-Seefernaufklärer und -U-Boot-Jäger der Marine für Missionen im hohen Norden zur Verfügung zu stellen. So hat Pistorius Abkommen mit Großbritannien und zuletzt Island geschlossen, um dort zeitweise die deutschen Flugzeuge aus amerikanischer Produktion stationieren zu können. „Wir sind bereit, mehr Verantwortung für Stabilität und Sicherheit hier im hohen Norden zu übernehmen. Die Deutsche Marine wird ihre Fregatten, U-Boote und die neuen Seefernaufklärer zur Lagebilderstellung im Nordatlantik einsetzen“, sagte Pistorius im Oktober 2025 bei einem Besuch in der isländischen Hauptstadt Reykjavik.
Zudem wurde eine engere Zusammenarbeit vor allem im Bereich maritimer Logistik vereinbart. Die Bundeswehr wolle, so Pistorius damals, einen strategisch wichtigen Anlaufpunkt für ihre Kampfschiffe, U-Boote und Versorgungsschiffe im hohen Norden haben.
Das alles zeigt ein durchdachtes Engagement, das weit weniger aktionistisch ist, als es die nun erfolgende Grönland-Entsendung eventuell nahelegt. Die Marine, traditionell in Ost- und Nordsee zu Hause, hat ihre Aktivitäten längst in die Region ausgedehnt, auch bis hoch nach Grönland: Im Sommer 2025 besuchte der Einsatzgruppenversorger Berlin zum ersten Mal seit fünfzig Jahren Grönland und zeigte im Rahmen der NATO-Übung „Atlantic Bear“ Präsenz im Nordatlantik. Damals ging es allerdings um ein Zusammenwirken mit Amerikanern und Kanadiern zur Überwachung arktischer Gewässer, um den östlichen Zugang zur Nordwestpassage zwischen Kanada und Grönland zu sichern.
Wie sich Frankreich beteiligt
In der Nacht auf Donnerstag ist auch eine Vorhut von fünfzehn französischen Soldaten in Nuuk eingetroffen. Der Generalstabschef der französischen Armee, General Fabien Mandon, bestätigte am Donnerstag, dass französische Soldaten an der von Dänemark organisierten Operation „Arctic Endurance“ teilnehmen. Bei den Franzosen handelt es sich um Soldaten der Gebirgseinheiten, die an kaltes Klima gewohnt seien. Weitere Soldaten sollten folgen, kündigte Präsident Emmanuel Macron auf der Plattform X an.
Am Donnerstagvormittag berief er eine Dringlichkeitssitzung des Verteidigungsrats im Élysée-Palast ein, um über die Entsendung von Material und Truppen zu entscheiden. Die Sitzungen sind geheim, aber Macron will sich bei den traditionellen Neujahrswünschen an die Armee am Nachmittag an eine breite Öffentlichkeit wenden. Es gehe darum, in Washington zu zeigen, dass die NATO auf Grönland präsent sei, erläuterte der französische Botschafter für die Pole und die Ozeane, Olivier Poivre d’Arvor.
Den Plan, Dänemark und Grönland mit Manövern europäischer NATO-Mitglieder zu unterstützen, haben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der französische Präsident Macron bei ihrem Abendessen am 6. Januar im Élysée-Palast ausgeheckt. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte wurde in die Pläne eingeweiht. Ziel ist es, das Bewusstsein für die Schutzfunktion der NATO auf der Insel zu stärken und damit das Argument des amerikanischen Präsidenten zu entkräften, die Sicherheit Grönlands sei vernachlässigt worden.
Auf Trumps Drohungen hatte Macron laut den Worten der Regierungssprecherin am Mittwoch bei der Kabinettsitzung entschieden reagiert. Wenn die Souveränität eines europäischen und verbündeten Landes berührt würde, wären die daraus folgenden Konsequenzen beispiellos, sagte Macron demnach. Frankreich verfolge die Situation mit größter Aufmerksamkeit und werde seine Maßnahmen in voller Solidarität mit Dänemark ergreifen.
