Andreas Engels und sein Team haben es vor wenigen Monaten einmal ausgerechnet: Wer alle drei Vorrundenspiele der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft (11. Juni bis 19. Juli) besuchen will, müsste für Flüge, Hotel, Transfer für 14 Tage zwischen 8500 und 9000 Euro zahlen. „Tatsächlich dürften die Hotelpreise jetzt etwas heruntergegangen sein, weil die Amerikaner zunächst dachten, sie hätten 30 Tage lang Super-Bowl“, sagt Engels. Der Einundfünfzigjährige ist der Leiter des Deutschlandbüros beim Sportreiseveranstalter Absolut Sport mit Sitz in Darmstadt.
Von dem Reisepaket hat Engels nur „eine überschaubare Menge“ in Deutschland verkauft, denn die Tickets für die Spiele kosten noch einmal extra und sind sehr teuer. Das größte Problem sei Preispolitik des Fußball-Weltverbands FIFA, so Engels. Für das erste Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Curaçao am 14. Juni werden die günstigsten Eintrittskarten für 400 Euro angeboten. Bei Gruppenspielen wie Brasilien gegen Schottland werden Karten von 4800 US-Dollar auf der offiziellen Seite der FIFA aufgerufen. „Das geht einfach gegen die Fans, und deswegen gibt es sehr viel Widerstand und kein Interesse, dorthin zu fliegen“, sagt Engels.

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika ist Absolut Sports im Sportreisegeschäft tätig. Immer wieder gab und gibt es Themen, die vor Großveranstaltungen neben dem Sport breit diskutiert werden, berichtet Engels. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 seien es verseuchte Gewässer gewesen, bei der Fußball-WM 2022 in Qatar die politische Situation. „Das hat aber nicht den Besuch der Fans selbst betroffen“, sagt Engels. Bei dieser Fußball-WM kommen ihm zufolge neben den Ticketpreisen die politische Situation in den USA unter Präsident Donald Trump sowie der Irankrieg hinzu, der die Kerosinpreise beeinflusst.
Viel höheres Interesse an der EM in Großbritannien und Irland
„Wir haben mehrere Leistungsbausteine, und bei jedem sind wir irgendwie abhängig von Dingen, die wir nicht beeinflussen können“, sagt Engels. Im Gegensatz zu anderen Sportreisen, wo man aus verschiedenen Paketen direkt auf der Website wählen kann, können sich potentielle Kunden bei Interesse an der Fußball-WM in ein Formular eintragen und erhalten dann ein Angebot. WM-Tickets hat Absolut Sports nicht, man könne nur bei der Vermittlung unterstützend wirken. „Oftmals haben die Kunden die Tickets schon und wollen dann den logistischen Part von einem Reiseveranstalter machen lassen“, sagt Engels.
Es sei eben nicht wie bei der Fußball-Europameisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland, wo man sich am Nachmittag ein Spiel in Düsseldorf anschaut und nach Abpfiff mit dem Zug nach Frankfurt fährt, um abends einem zweiten Spiel beizuwohnen. Diesen Sommer müsse man als Fan im Zweifelsfall in alle drei Gastgeberländer USA, Mexiko und Kanada reisen und brauche neben Hotels und Flügen auch entsprechende Visa.
Ganz anders sieht das Interesse hingegen in Amerika aus, berichtet Engels. Das US-Büro der Agentur habe Tausende Reisepakete für die WM verkauft. „Man merkt einfach, dass das ein Destinationenturnier ist. Das zieht die Leute aus Mittelamerika und Südamerika an.“ Außerhalb des Landes werde, wenn überhaupt, am ehesten Reisen nach Richtung Asien, Südafrika und in ein paar europäische Länder verkauft, etwa nach Schweden. Das Interesse im deutschsprachigen Raum sei dagegen bereits jetzt viel höher für die Europameisterschaft 2028 in Großbritannien und Irland. Dafür habe man bereits mehrere hundert Hotelzimmer in jedem Spielort unter Vertrag, so Engels.
2030 ist die WM wieder in Europa
Im Moment gibt es bei dem Darmstädter Büro sehr viele Anfragen zur International Series der National Football League (NFL). Die Daten für die American-Football-Spiele in München, Madrid, London und Paris stehen fest, und auch, welche Teams gegeneinander spielen. Zudem gebe es Dauerbrenner wie Fußballspiele der englischen Premiere League oder Formel-1-Rennen. Veranstaltungen wie Handball-Europa- und Weltmeisterschaften würden auch immer verlässlich gebucht. Stark am Wachsen seien Reisen zu Darts-Events.
Dass die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA nicht so einen großen Anklang in Deutschland findet, dafür zeigt Engels Verständnis. „Die WM ist für viele ein einmaliges Ereignis im Leben“, sagt er. Wer in Europa lebe, habe in vier Jahren das Turnier in Spanien, Portugal und Marokko in wenigen Stunden Flugzeit in der Nähe. Zudem seien die USA nicht das Fußballland wie etwa Brasilien oder Argentinien, wo sich eine lange Anreise für die besondere Atmosphäre vor Ort lohne.
In Houston, im US-Bundesstaat Texas, wo die deutsche Mannschaft gegen Curaçao spielt, würden rund 2500 deutsche Fans erwartet, sagt Engels. „Da wird wahrscheinlich keine große Atmosphäre aufkommen, und deshalb werden nur wenige sagen: Da muss ich unbedingt hin.“
