Für Bernd Posselt geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Mehr als 80 Jahre nach der Vertreibung aus der damaligen Tschechoslowakei können die Sudetendeutschen an diesem Wochenende erstmals ihr traditionelles Pfingsttreffen auf tschechischem Boden feiern. Doch den politischen Sturm, der diesem Ereignis vorausgeht, hatte auch der 69 Jahre alte CSU-Politiker und oberste Repräsentant der Sudetendeutschen in dieser Form nicht erwartet.
In der vergangenen Woche verabschiedete das tschechische Parlament eine von der rechtsextremen Regierungspartei SPD eingebrachte Resolution, die die Veranstalter des Sudetendeutschen Tages – wenn auch ohne rechtliche Bindung – auffordert, das Treffen kurzfristig abzusagen. Und im Interview mit der F.A.Z. raunte Außenminister Petr Macinka von der weit rechts stehenden Motoristen-Partei, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die sich für den Sudetendeutschen Tag angekündigt hatten, „keine gute Zeit“ haben würden. Posselt sei mit seiner Vorstellung von Versöhnung „einem Wunschdenken“ unterlegen, meinte Macinka.
Posselt, Sohn eines Vertriebenen aus dem böhmischen Gablonz (Jablonec nad Nisou), ist schon seit 50 Jahren bei den Sudetendeutschen aktiv. Im Jahr 2000 übernahm er ertsmals den Vorsitz der Landsmannschaft. Er kann sich zugutehalten, die revanchistischen Strömungen unter den Sudetendeutschen an den Rand gedrängt und den Verband ganz auf Versöhnung und Zusammenarbeit mit den Tschechen getrimmt zu haben.
Die Angst vor den Deutschen saß lange tief
Von den Beneš-Dekreten sei im Verband gar nicht mehr die Rede, sagt Posselt der F.A.Z. Mit jenen Rechtsakten waren die Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei entrechtet worden, weil ihnen eine kollektive Mitschuld an den NS-Verbrechen gegeben wurde. „Die Dekrete sind nur noch eine moralische Frage. Und die müssen die Tschechen für sich beantworten. Je weniger Druck von außen, desto besser.“
Der Streit über die etwa drei Millionen nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Sudetendeutschen hat in der Tschechischen Republik mehrere Ebenen. Wie viele andere Völker hatten die Tschechen schwer unter den Verbrechen der Nationalsozialisten zu leiden, die das Land 1938 erst zerschlugen und dann besetzten.

Später, im Sozialismus, schürte die staatliche Propaganda dann die Angst vor einer Rückkehr der Deutschen. Akut wurde die Sorge, dass die Vertriebenen ihre Häuser und Höfe zurückfordern könnten, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Viele Tschechen befürchteten damals, dass das mächtige Nachbarland sogar den EU-Beitritt der Tschechischen Republik verhindern könnte, wenn sie die Sudetendeutschen nicht wieder ins Land ließen.
Diese Fragen sind in einer Europäischen Union mit allgemeiner Niederlassungsfreiheit und gleichen Rechten längst Vergangenheit. Dennoch ist die Skepsis weiter groß. In einer aktuellen Umfrage im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Rundfunks gaben 57 Prozent der Befragten an, sie fänden es nicht richtig, dass der Sudetendeutsche Tag auf tschechischem Boden stattfinde. Dabei zeigten sich große Unterschiede zwischen den Generationen: Bei den Tschechen zwischen 18 und 24 unterstützten sogar 68 Prozent das Treffen.
Die Skepsis ist geblieben
Einigkeit besteht über die zerstrittenen politischen Lager hinweg zumindest darüber, dass sich die meisten Tschechen schon lange nicht mehr für die Sudetenfrage interessieren. Doch Skepsis bleibt weit verbreitet. Die Rolle der vor rund 800 Jahren in Böhmen und Mähren angesiedelten Deutschen in der Geschichte des Landes wird selten betrachtet. Dass sie nun mit solcher Wucht auf die Tagesordnung zurückkehrt, hat auch mit den innenpolitischen Verwerfungen zu tun – und mit der südmährischen Stadt Brünn, auf Tschechisch Brno, in der die Sudetendeutschen am Wochenende zu Gast sein werden.
In Brünn hatte schon vor mehr als 20 Jahren eine Debatte über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit begonnen. Ende Mai 1945 waren im „Brünner Todesmarsch“ etwa 27.000 Menschen, fast die Hälfte der damaligen deutschen Einwohnerschaft der Stadt, in einer von Arbeitern eines Rüstungswerks initiierten „wilden“ Aktion rund 60 Kilometer bis zur österreichischen Grenze getrieben worden. Tausende kamen durch Hunger und Erschöpfung ums Leben oder wurden erschossen.

Nach langer Diskussion verabschiedete der Stadtrat 2015 eine wegweisende Erklärung, in der Brünn sein Bedauern über die Toten ausdrückte. Eine private Gruppe initiierte einen Versöhnungsmarsch auf der historischen Strecke. Er führt von Pohrlitz (Pohořelice), wo sich das größte Massengrab befindet, bis in die Innenstadt von Brünn. Aus dem Marsch entwickelte sich in den Jahren darauf das Festival „Meeting Brno“. Dessen Veranstalter hat die Sudetendeutschen in diesem Jahr nach Brünn eingeladen, gemeinsam mit einer Gruppe Intellektueller aus Südmähren.
Zieht die Regierung die „deutsche Karte“?
Die Stadt Brünn und die Region Südmähren, die das Treffen unterstützen, sind fest in der Hand der oppositionellen bürgerlichen Partei ODS. Schirmherr von „Meeting Brno“, das sich jedes Jahr einem anderen Thema rund um die Idee der Versöhnung widmet, ist der Tschechische Präsident Petr Pavel. Er ist ein früherer NATO-General und überzeugter Europäer, der mit der neuen Regierungskoalition unter Ministerpräsident Andrej Babiš in einem Dauerstreit liegt.
In der äußeren Rechten unterstellt man den Veranstaltern von „Meeting Brno“, dass sie mit „progressiven“ Themen bewusst die Nationalisten provozieren wollten, noch dazu mit der Einladung an die Sudetendeutschen. Man kann es aber auch umgekehrt sehen. Hans Knapek etwa, Vorsitzender der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, sagte der F.A.Z., er halte das Argument der Opposition für glaubhaft, „dass die Regierungsparteien nach langer Zeit wieder die ,deutsche Karte‘ ziehen, um ihre Anhänger zu mobilisieren“.
Die Bundesregierung wie auch der Freistaat Bayern waren zuletzt sichtlich bemüht, der tschechischen Seite keinen Anlass zu geben, sich provoziert zu fühlen. Zugleich wollten sie den Sudetendeutschen und insbesondere Bernd Posselt Unterstützung signalisieren. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, das für die Vertriebenen zuständig ist, teilte der F.A.Z. mit: Das Leitwort des 76. Sudetendeutschen Tags laute: „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání“. Damit stehe er „ganz im Zeichen von Verständigung und Aussöhnung“. Zur innertschechischen Diskussion nehme man keine Stellung. „Klar ist aber: Wir kommen als Gäste und als Freunde.“
Söder: Schade, dass es laute, radikale Stimmen gibt
Auch Markus Söder, der als bayerischer Ministerpräsident traditionell Schirmherr der Sudetendeutschen ist, äußerte sich in dieser Woche zu der Veranstaltung in Brünn. Der Sudetendeutsche Tag sei immer etwas Besonderes. „Aber diesmal steht er natürlich unter besonderer Beobachtung und Erwartung.“ Der Tag sei „wie immer“ ein „Angebot der Versöhnung, ein Angebot des Miteinanders“ – aber dieses Mal besonders. Er habe die Einladung der Sudetendeutschen „natürlich als Schirmherr“ angenommen.
Gerade die Sudetendeutschen hätten „nie irgendwelche Revancheideen gehabt – im Gegenteil, das war immer die Handreichung“, sagte Söder. Auf dem Sudetendeutschen Tag in Regensburg sei zuletzt sogar die tschechische Nationalhymne gesungen worden. Das wäre „vor 30 Jahren nicht vorstellbar gewesen“. Auch seien „immer Vertreter der tschechischen Regierung“ anwesend gewesen. Umso mehr sei es „schade“, dass es jetzt „wieder sehr laute, radikale Stimmen gibt“, sagte Söder. „Aber wir reagieren nicht in gleicher Weise, sondern strecken weiter die Hand aus für besonnene Kooperation.“

Tatsächlich war auf dem Sudetendeutschen Tag 2025 in Regensburg der damalige tschechische Bildungsminister Mikulás Bek zu Gast. Er hielt seine Rede auf Deutsch und lobte, dass das Brückenbauen, das die Sudetendeutschen für sich in Anspruch nähmen, „keine billige politische Phrase“ sei, sondern „gelebte Wirklichkeit“.
Er dankte seinerzeit der Initiative „Meeting Brno“. Sie hatte in Regensburg den Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Volksgruppe bekommen und die Einladung für das kommende Jahr nach Brünn ausgesprochen. Dazu sagte Bek nichts, wohl auch im Bewusstsein, dass im Herbst die Parlamentswahl anstand und mit der „Sudetendeutschen Frage“ Ressentiments geschürt werden könnten.
Posselt sah 2025 „Wind of Change“
Auch Posselt hatte die Empfindlichkeiten im vergangenen Jahr vor Augen. Vor der Presse in Regensburg sagte er damals: Die sudetendeutsche Seite würde sich mit der Veranstaltung in Brünn „sicher wohlfühlen“. Dies müsse aber auch für die tschechische Seite gelten. Er machte einen „Wind of Change“ aus, betonte jedoch, man dürfe sich des Versöhnungswerks nie zu sicher sein.
Dass man zu dieser Zeit auch die tschechische Regierung im Boot hatte, ist ein offenes Geheimnis. Die wurde damals noch von Petr Fiala geführt. Ihn hatte Posselt schon 1989 persönlich kennengelernt, als er noch vor der Wende in Brünn einen Vortrag an der dortigen Untergrunduniversität hielt. Doch Fiala zog es vor, das Thema diskret zu behandeln.
Es half nichts. Babiš gewann die Wahl im Herbst und holte sich Macinkas Motoristen und die rechtsextreme SPD von Tomio Okamura in die Koalition. Der neue Regierungschef versuchte lange, das Thema kleinzuhalten. Er kennt die ablehnende Haltung seiner Koalitionspartner, ist selbst aber auf gute Beziehungen zum Nachbarn bedacht. Im Februar wurde er bei einem Besuch in der Bayerischen Staatskanzlei auf den Sudetendeutschen Tag in Brünn angesprochen – und reagierte so neutral wie möglich. Es handele sich bei den Initiatoren um „eine Bürgerinitiative“, sagte Babiš. „Als Regierung befassen wir uns nicht mit diesem Thema.“
Doch als seine Koalitionspartner kürzlich die Resolution gegen das Treffen in Brünn einbrachten, musste sich auch Babiš positionieren. Er fehlte wie zahlreiche Mitglieder seiner ANO-Fraktion und die gesamte Opposition bei der Abstimmung. Deshalb stimmten am Ende nur 73 der 200 Abgeordneten für den ohnehin nicht bindenden Antrag. Zugleich kritisierte er die Einladung und kündigte an, am Sonntag nach Liditz (Lidice) zu fahren, wo die deutschen Besatzer 1942 ein blutiges Massaker an der tschechischen Zivilbevölkerung angerichtet hatten.
Mehr Unterstützungsbekundungen als Drohungen
Aufhalten wird das den Sudetendeutschen Tag in Brünn nicht. Die Veranstalter von „Meeting Brno“ berichten zwar über Drohungen bis hin zu zerstochenen Autoreifen. Doch viel zahlreicher seien die unterstützenden Zuschriften, die sie vor allem seit der Parlamentsdebatte erhalten hätten. Tatsächlich hat sich seither eine ganze Reihe tschechischer Politiker zu der Einladung an die Sudetendeutschen bekannt. Senatspräsident Miloš Vystrčil von der ODS will sogar mit mehreren Mitgliedern der Parlamentskammer an dem diesjährigen Versöhnungsmarsch teilnehmen.
Am Dienstag fasste sogar Präsident Pavel den Mut, sich offen zu dem Sudetendeutschen Tag zu bekennen und die Schirmherrschaft zu übernehmen. Bis dahin hatte er – offenbar auch aus Respekt vor der Heftigkeit der tschechischen Debatte – seine Unterstützung nur sehr mittelbar ausgedrückt. So etwa lud er Söder nach dessen Rede in Brünn ein, nach Prag zu kommen.
Auch aus Bayern kam Unterstützung. Der Landtag verabschiedete einen von der CSU und den Freien Wählern eingebrachten Dringlichkeitsantrag, in dem „ausdrücklich“ die geplante Ausrichtung des 76. Sudetendeutschen Tags in Brünn als „historisch bedeutsames Ereignis“ begrüßt wurde. Zuvor hatte Josef Zellmeier, Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Vertriebene, Aussiedler, Partnerschaftsbeziehungen“ der CSU-Landtagsfraktion, gegenüber der F.A.Z. von einem „mutigen Schritt“ gesprochen.
Petra Loibl, Vertriebenenbeauftragte der Staatsregierung, sagte: „Möglicherweise bietet der Sudetendeutsche Tag in Brünn manchen Rückwärtsgewandten auf beiden Seiten eine willkommene Gelegenheit, Angst und Unsicherheit zu fördern.“ Aus ihrer Sicht sei „der Prozess der Verständigung und Versöhnung aber so weit fortgeschritten, dass man große Rückschritte nicht mehr befürchten muss“.
Für Posselt ist das Treffen in Brünn trotz allen Streits schon jetzt ein großer Erfolg. „Noch nie ist das Thema so breit in den tschechischen Medien diskutiert worden“, schwärmt er. Fast jeden Tag habe er Interviews gegeben. „Die Debatte ist endlich in vollem Gang!“ Für das nächste Jahr habe man allerdings bereits Nürnberg als Treffpunkt ausgesucht. Auch um den Tschechen die Sorge zu nehmen, dass die Sudetendeutschen jetzt jedes Jahr zu ihnen kommen wollten.
