Eine Reise in den Sinngrund muss nicht zur Blütezeit der Schachblume Ende April sein. Die seltene Pflanze wurde zwar zur Ikone der Talung im östlichen Spessart, aber nur für das sensible Pflänzchen wäre das Flusstal kaum auf fast 500 Hektar zwischen Altengronau und Rieneck geschützt worden. Es finden sich noch viele andere Sonne und Feuchtigkeit liebende Spezies wie die jetzt im hoch stehenden Gras blühenden Arten Knabenkraut, Arnika und Lichtnelke.
Dass im Sinntal beides, der Schutz von Natur- und Kulturlandschaft, möglich wurde, verdankt sich mittelbar der „Philosophie“ des nationalsozialistischen Programms für den Autobahnbau. Aus praktischen wie finanziellen Erwägungen wäre es naheliegend gewesen, die zwischen Würzburg und Bad Hersfeld geplante Strecke in den Tälern zu führen. Allein der Abschnitt durch den Sinngrund hätte sie um mehrere Kilometer verkürzt. Nur wäre von der Aue vermutlich nicht viel übrig geblieben, und der Biber hätte nie in das glasklare Gewässer gefunden.
Entgegen allgemeiner Annahme, die „Schnellstraßen“ seien primär als Rollbahnen für das Militär bestimmt gewesen, leitete wesentlich der Gedanke, die „deutschen Landschaften“ buchstäblich erfahrbar zu machen. Statt der noch in die Zwanzigerjahre reichenden Vorstellung direkter Verbindungen sollten nun auch Höhenlagen, Berge und Täler einbezogen werden. Entsprechend schwierig gestalteten sich die vor 90 Jahren im nördlichen Teil begonnenen Arbeiten. Für den östlichen Spessart konnte kein Aufwand groß genug sein, die Trasse von Gräfendorf im Schondratal über 200 Höhenmeter auf den damals teils unbewaldeten Bergrücken Neusert zu führen.

Drei Jahre währte der personal- und ressourcenintensive Kraftakt, ehe mit Beginn des Zweiten Weltkriegs sämtliche Tätigkeiten für immer endeten. Zurück blieben halb fertige Bauten, deren Material nach 1945 kräftig geplündert wurde. Wahrscheinlich wäre heute das meiste verschwunden oder überwuchert, hätte man nicht die Hinterlassenschaften auf 70 Kilometern 2003 unter Denkmalschutz gestellt und damit das größte flächenhafte Technikdenkmal Deutschlands geschaffen. Dank EU- und Landesmitteln konnte das Bestehende saniert und nach einheitlichem System öffentlichkeitsgerecht aufbereitet werden. Der vormaligen Zählung folgend, sind unter der Benennung „Strecke 46“ an vier Orten „Spurensucherpfade“ in verschiedener Länge ausgewiesen.
Nach Lage, Vegetation und erhaltener Substanz ist sicherlich die Schleife oberhalb von Burgsinn die sehens- und erlebenswerteste. Hier saß die Projektleitung und konnte unmittelbar die Bauten vorantreiben. Deutlich zeichnet sich die eingesenkte, wie ein einziger Grünstreifen wirkende Trasse im Gelände ab – einschließlich aufgeworfener Erdmieten. Der verdichtete Boden ließ den Höhenzug zu einem großen Biotop werden, aus dem die Brückenbauwerke gleich Dschungelbastionen herausragen.
Wegbeschreibung
Trotz abseitiger Lage ist Burgsinn gut an das Schienennetz angebunden. Vor der Bahnstation und in der Ortsmitte gibt es Parkplätze. Am Bahnhofsgebäude bieten sich mehrere Wegmarkierungen zur Auswahl an. Gemeinsam überqueren sie via Fußgängersteg den doppelten Gleiskörper von Normal- und ICE-Strecken, auf der anderen Seite weist die Kombination B 3 solo nach links weiter. Eine Weile entlang der Schienenstränge, weist es in Höhe des Neuen Schlosses rechts ab. Der pittoreske Zustand der von hohen Mauern und alten Bäumen umgebenen Renaissancebauten lässt an ein verwunschenes Schloss denken. Selbst die Einfahrt ist nicht gepflastert oder asphaltiert. Mit letzterem Belag muss man noch ein Stück durch Wiesen vorliebnehmen, ehe sich bei Waldeseintritt schlagartig die Szenerie ändert.
Dass in vielen Spessartregionen die Motorsäge ausgedient hat, fällt in den geschlossenen Beständen des Ostens noch stärker ins Gewicht, zumal hier eine gesunde Mischung aus Laub- und Nadelgehölzen vorherrscht. Holprige, teils von Altholz gesäumte Pfade sind in Naturwäldern unvermeidlich. Wenig anders beim langen, aber nicht zu steilen Anstieg auf das Hochplateau, das ob seiner landschaftlichen Schönheit für den Autobahnbau erkoren wurde.
Das schien auch die Anlage der Wanderroute zu leiten: Auf die urwüchsige Etappe zu Beginn folgt oben ein ausgedehntes, biotopartiges Areal hoher Seggen und Gräser. Danach und nach etwa 200 Metern auf einem regulären Forstweg stößt man auf die erste Station, Bettlersruh, am „Spurensucherpfad“. Anstelle des Arbeitern als Unterkunft dienenden Gebäudes war eine Raststätte vorgesehen, wobei der Verkehr seinerzeit als so gering erachtet wurde, dass die von Norden Kommenden zu Fuß über die Fahrbahnen wechseln sollten.
Unter Zurücklassen des Zeichens B 3 – das „außen herum“ den Kernteil der Strecke 46 berührt – biegt man vor dem Häuschen links in einen unscheinbaren Pfad. Hohe Pfosten weisen die Richtung, große Schautafeln geben erschöpfend Auskunft. Zum Beispiel, dass das nahe Mauerviereck nicht nur als Baubüro, sondern dem leitenden Ingenieur auch als illegale Verkaufsstelle von überteuertem Bier für die schlecht bezahlten Arbeiter diente. Davor teilt sich der Weg.
Das geschieht einige Male, entweder für einen Abstecher, der ausgelassen werden kann, oder um schwierigem Geläuf auszuweichen. Da solcherart Passagen aber am beeindruckendsten sind, geht es so weiter: vor dem „Baubüro“ nach rechts und bald links auf den Forstweg, dann nach rechts, vorbei an einem eingewachsenen Teich zum nahen Querweg. Damit geht es wieder links, rechts und nach 300 Metern rechts, links in die einstige Trasse.

Lediglich ein Pfädchen schlängelt sich zwischen dichtem Bodenbewuchs hindurch. Die hohen Böschungen lassen allerdings keinen Zweifel darüber, wo Schneisen für die Fiktion des „Autowanderns“ geschlagen wurden. Wie ernst dies gemeint war, ist der Erläuterung an dem nach 400 Metern erreichten Brückenbauwerk über eine Straße zu entnehmen. Der besseren Aussicht wegen verliefen die Fahrbahnen auf unterschiedlichem Niveau. Selbst die Mauern verkleidete man sorgsam mit Buntsandstein. Das bemäntelte den immensen Betonverbrauch.
Unmittelbar hinter der Brücke steigt man rechts das Pfädchen hinan. Oben geht es weiter im Gefolge eines vom nahen Parkplatz – dem Portal des fünf Kilometer langen „Spurensucherpfads“ – kommenden Naturpark-Symbols, des roten Vogels (Bekassine). Es sei denn, man wählt einen verkürzten Rückweg. Dann geht es auf dem Sträßchen keine 200 Meter talwärts zur Haarnadelkurve und mit dem Zeichen B 7 über steile Pfade ins Tal.

Der Vogel führt erst auf der Trasse entlang, weicht aber ausgangs der Waldwiese rechts, links etwas tiefer verlaufend aus und trifft am imposantesten Bauwerk, einer noch größeren Brücke, wieder auf die Strecke. Diese zurücklassend, biegt man ansteigend links ab, bis man nach 150 Metern auch hier zu einem B 7 stößt. Mit ihm geht es rechts gut 500 Meter und dann links 250 Meter leicht fallend zu einer großen Kreuzung vor der mächtigen Hermannseiche. Sie diente als Landmarke an der einst durch den östlichen Spessart führenden Hochstraße.
Geradeaus über die Kreuzung und die nahe Straße knapp touchierend, bleibt es bei dem Zeichen B 7. Der jüngere Wald reißt einige Hundert Meter weiter unvermutet für eine ausgedehnte Hangwiese auf. Auch sie, hoch stehend und mit kleineren Feuchtgebieten durchsetzt, vollzieht eine Entwicklung zurück zur Natur, nachdem sie früher als Weide genutzt wurde, wie die flächige Ausbreitung von Lupinen untrüglich anzeigt.
Weiter geht es geradeaus, bis an der Rechtskurve das rote X hinzutritt. Der dort angezeigte Juliusbrunnen ist versiegt. Es wird vom roten Strich hinter der 300 Meter entfernten Jagdhütte ergänzt. Ohne B 7 übernehmen die beiden Zeichen den langen, aber nie langweiligen Abstieg unter prachtvollen Buchen bis an den doppelten Gleiskörper vor Burgsinn. Zum Bahnhof gelangt man rechts, so nicht noch eine Schleife – links über die Brücke – durch den Ort zu seinem bedeutendsten Bauwerk, der von einem kleinen Park umgebenen Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert, angehängt wird.
Anfahrt
Burgsinn im östlichen Spessart erlaubt zwei Zufahrtswege: Entweder aus Nordwesten und die A 66, Ausfahrt Bad Orb und weiter auf einsamen Straßen gen Aura. Oder von Süden über die A 3, Anschlussstelle Hösbach und mit B 26 gen Lohr und ab Gemünden ins Sinntal. – Stündliche Bahnverbindung mit RE via Gemünden oder Würzburg (ICE).
Sehenswert
Das größte Technikdenkmal Deutschlands ist in den Tiefen des östlichen Spessarts zu suchen. Über 70 Kilometer wurde 2003 die (bayerische) Trasse samt Brücken- und Pfeilerbauten, Erdmieten und Versorgungseinrichtungen der in den Dreißigerjahren begonnenen Autobahn „Strecke 46“ unter Schutz gestellt. Öffentlichkeitswirksam nach einheitlicher Diktion gestaltet und per „Spurensucherpfade“ erschlossen, lassen sich mehrere Abschnitte individuell erkunden. Die Trassenführung der zwischen Würzburg und Bad Hersfeld geplanten Straße über die Höhen ersparte dem Sinntal die Zerstörung. So konnte eines der wertvollsten Feuchtgebiete im Spessart bewahrt und später auf fast 500 Hektar geschützt werden. Es reicht beiderseits an Burgsinn heran.
Innerörtlich blieb die Rarität einer Wasserburg – mit teichartigem Graben – erhalten. Blickfang ist der 22 Meter hohe, mit Buckelquadern verblendete Bergfried. Die von einem Park umgebene Anlage ist in Privatbesitz und nicht zugänglich.
