Wer baut das größere Nest? Störche auf ihren Podesten oder Schwäne im Schutz ufernaher Gehölze? Material für die teils über Jahre erweiterten und ausgebesserten Gelege ist jedenfalls in einer der größten Röhrichtzonen Mitteleuropas im Überfluss vorhanden. Allein das engere, naturgeschützte Schilfareal zwischen den rheinhessischen Gemeinden Eich und Gimbsheim erstreckt sich über 275 Hektar, ergänzt um ausgedehnte Bereiche einer durch Sand- und Kiesgewinnung entstandenen Seenlandschaft.
Einige der seit dem Abbauende vollständig eingewachsenen Gewässer sind unzugänglich, andere wie die sogenannten Altrheinseen von einem „Erlebnispfad“ erschlossen. Im Rahmen seiner jüngsten Erneuerung wurde auch eine ins Wasser ragende Beobachtungshütte wieder instand gesetzt. Aushängende Schautafeln beschreiben rund 200 Vogelarten, darunter äußerst seltene wie Blaukehlchen, Rohrweihe oder den Schwarzmilan.
Trotz der Bedeutung als Schutzgebiet sind bei Gimbsheim noch immer Saugbagger und Transportbänder im Einsatz. Die gesamte Region bildet einen Kompromiss zwischen Naturschutz, gewerblicher Nutzung und nicht zuletzt Freizeitbelangen. An zwei Stellen darf man (kostenlos) baden, am Pfarrwiesensee in direkter Nachbarschaft zu den Förderanlagen, wobei einer der mächtigen Schaufelradbagger als Technikdenkmal auf dem Sandstrand verblieb.

Rund 200.000 Tonnen beträgt die jährliche Fördermenge des erst mit dem Bauboom der Nachkriegsjahre gewachsenen Reviers. Nur werden keine Güterzüge mehr eingesetzt. Die verwaiste Trasse bildet jetzt einen Grünzug aus Sträuchern und Gräsern. Die hochwertige Qualität von Sand und Kies ist ein Erbe des mäandrierenden Rheins. Allerdings wurde die Flussschlinge nicht wie beim gegenüberliegenden Kühkopf durch Begradigung im 19. Jahrhundert abgehängt.
Hier setzte das Verlanden bereits vor etwa 1000 Jahren ein, bis Gimbsheim und Eich zwei Kilometer vom Strom entfernt waren. Die Nähe zu Europas bedeutendster Wasserstraße schenkte den Gemeinden im Verbund mit Wein- und Obstanbau dennoch eine gewisse Wohlhabenheit, worauf die frühe Nennung durch den Lorscher Kodex und stattliche Kirchen Fingerzeige geben.
Wegbeschreibung
Am Einstiegspunkt für den sechs Kilometer langen „Erlebnispfad“ wurde an der Feuerwehrstation von Eich eigens Platz zum Parken geschaffen. Busfahrgäste gelangen von der nahe gelegenen Haltestelle Altrheinstraße hierher, sofern sie nicht ausschließlich dem „Pfad“ folgen. Autofahrer können in diesem Fall auch die Stellflächen des Naturbads nutzen – der Parkplatz ist bei Badewetter kostenpflichtig.
Für die ausholende Runde startet man am Gerätehaus der Feuerwehr links mit dem Zeichen gelbes Kreuz. Schon bald führt der Weg durch dichte Vegetation, nur kurz unterbrochen von Abzweigen zu einer Eigenheimsiedlung. Die Straße wechselt nahtlos in einen begrasten Weg, der bis Gimbsheim als Leitschnur dient – links sind große Spargel- und Getreidefelder, rechts der von Eichen und Pappeln markierte Saum des endlosen Schilfmeeres.
Die später abknickende Kreuzung ist daher nicht weiter von Belang. Weiter nördlich verdichtet sich die Vegetation zunehmend, bis sie unvermittelt in einen Bestand von Obstbäumen übergeht. Schließlich überquert der inzwischen befestigte Weg die Umgehungsstraße vor Gimbsheim und mündet in eine Straße am Rand gewerblicher Anlagen. Wer dort links abbiegt, gelangt geradeaus zwischen teils verwilderten Kleingärten bis zur Tankstelle.
Damit wenden wir uns rechts durch die enge Bebauung von Alsheimer und Rathausstraße zu einem kleinen Platz für das 1871 eingeweihte „Kriegerdenkmal“. Schräg gegenüber wechselt man dann in die Straße Zum Schwimmbad. Der Name versteht sich als Hinweis auf ein großes Freibad unabhängig von den Seen. Dort kann die evangelische Pfarrkirche aufgesucht werden. Das über acht Jahrhunderte in einem erhöhten Kirchhof errichtete Gotteshaus birgt ornamentale Ausmalungen im Jugendstil.
Hinter dem Schwimmbad biegen wir rechts ab, ohne den Fahrweg nutzen zu müssen, da auf der rechten Seite ein von Strauchwerk beschatteter Pfad verläuft. Er bietet die einzige Möglichkeit, einen Blick auf die geschlossene Baumgalerie um den renaturierten Niederrheinsee zu erhaschen. Wie er ursprünglich aussah, vermittelt der nach wenigen Hundert Metern erreichte Pfarrwiesensee: Förderbrücken und hohe Sandberge vor den Aufbereitungsanlagen umrahmen das Strandbad. Abgegrenzte Zonen verhindern, dass Schwimmer diesem Bereich zu nahe kommen.
Auch beim Weitergehen lässt sich der Fahrweg vermeiden – zunächst über den Sandstrand, vorbei an dem ausrangierten Schaufelrad-Ungetüm, dann auf begrastem Untergrund neben der zum Grünstreifen mutierten Bahntrasse. Erst zum Ende des Sees hin führt der Weg links und dann rechts auf den befestigten Wirtschaftsweg. An der 400 Meter entfernten Kreuzung kann man entweder direkt Richtung Eich weiterlaufen oder den Erlebnispfad einbeziehen. Hierfür halten wir uns links und damit über Offenland zum nördlichen der drei verbundenen Altrheinseen.

Dichter Bewuchs versperrt anfangs die Sicht. Erst dort, wo der Weg sich vor dem Durchfluss zum mittleren Teich nach links wendet, glitzert das Wasser im Sonnenlicht auf. Doch der schönste Ausblick folgt erst noch: Kaum ist man an der Ostseite nach rechts abgebogen, öffnet sich die Wasserfläche mit ihren Gänse- und Entenscharen unterhalb eines Holztürmchens. Nicht weniger eindrucksvoll ist der Blick durch die Sehschlitze der vorgelagerten Beobachtungshütte, die nach einem weiteren Rechtsabzweig über einen längeren Korridor zwischen Schilf und Pappeln zu erreichen ist.
Dort ist links abzubiegen, und dann rechts für das Finale am Südufer, an dem auch Kastanien und bis ins Wasser reichende Weiden wachsen. Kurz vor der Straße macht der Weg noch vier Biegungen, bevor die Straße überquert wird. Auf der anderen Seite geht es nach der Passage zwischen Kleingärten an einer Linksbiegung auf dem umgenutzten Bahndamm weiter bis zur Feuerwehrstation. Von dort bietet sich ein besonders freier Blick über das wogende Schilfmeer.
Daten
Länge: 14 km; „Erlebnispfad“ 6 km
Höhenmeter: Gering
Karte: Nördliches Ried (Blatt 15), Maßstab 1:20 000, Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald
Anfahrt
Das rheinhessische Eich liegt gut 20 Kilometer südlich von Mainz nahe der B 9. Außerdem verkehrt eine Autofähre vom rechtsrheinischen Gernsheim (B 44). Der Parkplatz am Feuerwehrgerätehaus liegt neben der Osthofener Straße in Richtung Mettenheim. Jede Stunde fährt eine Bahn via Mainz, Römisches Theater (S 8) und Guntersblum (S 6), mit Anschluss zum Bus 432 bis Eich, Altrheinstraße.
Sehenswert
Die unzerstörten Gemeinden in Rheinhessen bergen vielfach einen geschlossenen, von dichter Bebauung geprägten Kern an Wein- und Bauernhöfen. Auch der häufige Neu-, Aus- und Umbau der Kirchen spricht für pekuniären Zufluss. Die Gimbsheimer Kirche wurde gar in einen plateauartigen Kirchhof gesetzt und fand über acht Jahrhunderte zu ihrer jetzigen Gestalt, vom romanischem Turm und von dem spätgotischem Chor bis zum historisierenden Langhaus von 1868, später mit Ausmalungen im Jugendstil versehen. Auch die katholische Pfarrkirche St. Mauritius entstammt dem 19. Jahrhundert, mit der Rarität einer erst 1896 angefügten klassizistischen Fassade.
Hauptattraktion der Region ist eine ausgedehnte, durch Sand- und Kiesgewinnung entstandene Seenplatte. Der Abbau folgt den Ablagerungen eines bis vor tausend Jahren bestehenden Mäanders des Rheins. Ein 275 Hektar großes, naturgeschütztes Schilfgebiet zeichnet die Flussschlinge nach. An zwei Stellen der großteils renaturierten Flächen darf gebadet werden (frei zugänglich); um die südlichen Altrheinseen verläuft ein „Erlebnispfad“.
