
Ist das ein eskapistisches Gedicht? Da träumt sich einer weg von den Mediokritäten seines Landes, seiner Regierung. Vermutlich auch weg von der Mühsal des Lebens in den großen Städten, vielleicht auch von den Zwängen seines Berufs. Auf und davon zu einem Dorf am Meer! Das ist der Beginn eines Wunschprogramms. Ist das nicht ein Traum, den wir alle haben und den wir meist halbherzig zu verwirklichen suchen?
Dieses bewusst schlichte Gedicht schrieb der spanische Dichter Jaime Gil de Biedma in der Mitte seines Lebens. Geboren 1929 in Barcelona, wuchs er in begüterten Verhältnissen auf, studierte Jura in Barcelona und Salamanca, hielt sich kurze Zeit in Oxford auf und stieg schließlich 1955, nach Versuchen in verschiedenen Berufen, in das Familienunternehmen „Tabacos de Filipinas“ ein. Die angelsächsische Lyrik, die er in Oxford kennenlernte, beeinflusste seine Dichtung. In Thematik und kontrolliertem Stil ist die Verwandtschaft zu Konstantinos Kavafis offenkundig, auch wegen der in späten Jahren offen ausgelebten Homosexualität. Als Dichter fand er früh Anerkennung in Spanien. Doch die Spanne seines Lebens, in der er Gedichte schrieb, beträgt kaum mehr als fünfzehn Jahre. Bereits 1968 betrachtete er sein dichterisches Werk als abgeschlossen. „De vita beata“ gehört zu den nachgelassenen Gedichten, zu den „Poemas Póstumos“, wie er seine letzten Gedichte nannte, zwanzig Jahre vor seinem Tod.
In den Ruinen unseres Denkvermögens
„De vita beata“ (Vom glücklichen Leben) ist der Titel des siebten Buches aus den Dialogen des römischen Philosophen Seneca. „Auf glückliche Weise leben wollen alle, mein Bruder Gallio“, heißt es da, „aber bei der Erforschung dessen, was das sei, was ein glückliches Leben bewirkt, tappen sie im Dunkeln.“ Doch Jaime Gil de Biedma scheint genau zu wissen, auf welche Weise wir diesen Zustand erreichen können. Während es Seneca um eine tugendhafte Lebensführung geht, mit deren Hilfe man erst zum Glück im Leben gelangt, spielt Tugend bei Biedma keine Rolle.
Letztlich geht es ihm um ein ruhiges, ereignisloses Leben, und dafür entwirft er eine kleine Utopie. Denn es lässt sich ja, ganz pragmatisch gesehen, gar nicht leben, ohne zu lesen oder Rechnungen zu bezahlen. An erster Stelle der Dinge, auf die es nicht mehr ankommen darf, nennt Gil de Biedma noch vor dem Schreiben das Gedächtnis. Das ist schockierend. Wir sind, was wir erinnern, hat Augustinus gesagt. Ohne die Fähigkeit zu erinnern sind wir ein Niemand, sind wir „ruiniert“.
In den beiden letzten Zeilen des Gedichts blitzt Biedmas Sarkasmus auf. Denn der sprachlich sonst so sorgfältig vorgehende Dichter setzt hier ganz bewusst auf die Wiederholung – im Original heißt es: „y vivir como un noble arruinado / entre las ruinas de mí inteligencia –“. Das ist raffiniert: Das glückliche Leben lässt sich nur eingedüstert haben, Amnesie führt zu den Ruinen des Denkvermögens. Dieses Gedicht, eines der letzten, die er schrieb, trägt Lebenszeit des Autors in sich. Er schreibt es in der Mitte seines Lebens, doch ist es ein Gedicht des Alters, des Entsagens.
Auf Fotografien, die Jaime Gil de Biedma als jungen Mann zeigen, wirkt er selbstbewusst, üppig, fast wie ein barocker Fürst. So wie er später in seinem Werk das Prächtige abstreifte und wie Kavafis immer mehr auf Reduzierung, auf strenge Auswahl setzte, so treibt er in diesem kleinen Gedicht ein Spiel des Verzichts, der Konzentration auf nur noch wenige Handlungen. Was bleibt dem, der hier spricht? Aufs Meer schauen, die Wellen zählen, eine Sardine mit Cognac hinunterspülen. An eine alte Liebe denken? O nein, das nicht. Er soll nicht leiden, er soll kein Gedächtnis haben.
Jaime Gil de Biedma: „De vita beata“
In einem alten, schlecht regierten Land,
etwa wie Spanien zwischen den Bürgerkriegen,
in einem Dorf am Meer
ein Haus besitzen, etwas Grund und Boden
und keinerlei Gedächtnis. Weder lesen,
noch leiden, schreiben oder Rechnungen bezahlen,
und hausen wie ein ruinierter Edelmann
in den Ruinen meines Denkvermögens.
Aus dem Spanischen von Martin von Koppenfels
In: „Klingende Einsamkeit – Soledad sonora“. Kleine Anthologie spanischsprachiger Lyrik. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. von Martin Koppenfels und Susanne Lange. C. H. Beck Verlag, München 2023. 189 S., br., 20,– €.
Von Joachim Sartorius ist zuletzt erschienen: „Die besseren Nächte“. Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 80 S., geb., 22,– €
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
