Ins Museum wollten wir eigentlich gar nicht. Der Burghügel von Raron hatte uns angelockt, dieses besonders markante Landschaftsbild im Wallis. Hoch über der Rhone, die hier noch Rotten heißt, sind wir durch die Südhänge gewandert, durch steile Wiesen, Weinberge und Steppenhänge mit Bauminseln, unter denen Holzhütten mit sonnengeschwärzten Balken standen, immer bewacht von dem imposanten Hügel.
Es war ein regnerischer Tag, und manchmal prasselten besonders heftige Wassergüsse auf uns herab – nicht vom Himmel, sondern von den Kreiseln der Beregnungsanlagen, die pausenlos ihr Nass auf eine der trockensten Gegenden der Schweiz schleuderten. Dann passierten wir ein Chänil, eine Wasserleitung auf Steinfundamenten und Stelzen, die über die Wiesen zu einer Anhöhe leitete: dem Burghügel oberhalb des Dorfes Raron. Ein spätromanischer Wohnturm, ein kantiger Quaderbau, steht dort auf einem Wiesenplateau, das jäh in eine Felswand abbricht. An ihrer Kante thront die spätgotische Kirche St. Romanus, deren Fresken ausmalen, wie die Unkeuschen und andere Sünder von höhnisch grinsenden Teufeln zum Höllenfeuer geschleppt werden. Viel paradiesischer ist der Blick von der Zinnenmauer an der Plateaukante. Weit hinaus nach Westen geht er, dem Lauf der Rhone folgend, oder über das Tal hinweg zu den zerfurchten, gewaltigen Hängen, den Vorbergen der Viertausender, in die sich hoch oben Weiler fast schon weltenfern festgesetzt haben.
Das Refugium der verliebten Feinde
„Das Wallis ist unerhört schön“, fand auch der Lyriker Rainer Maria Rilke, der 1926 auf seinen Wunsch hin bei der Burgkirche bestattet wurde. Sein Grab, bis heute ein Pilgerort seiner Verehrer, liegt an der Kirchenmauer, dekoriert mit einem schlichten Holzkreuz und der so viele Deutungen offen lassenden Inschrift: „Rose, o reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.“
Die lange Wanderung, ein kühler Wind, es wurde Zeit für eine Rast. Das ehemalige Pfarrhaus neben der Kirche bot sich an, dort ist jetzt das Burgmuseum untergebracht. Wir betraten einen schmalen Kassenraum mit einer kleinen Sitzecke. Die Frau, die ehrenamtlich Dienst machte, schenkte uns Kaffee ein, stellte Kekse dazu und versorgte uns mit Dorfgeschichten – wie jener vom Besuch Helmut Kohls, der einmal am Rilke-Grab vorbeikam. Offenbar war auch der ehemalige Bundeskanzler ein Verehrer.

Hinter ihrer Theke stand ein Regal voller Bücher. Viel Rilke natürlich, aber ein Buchcover machte uns besonders neugierig. Es zeigte ein junges Paar und trug die Überschrift: „Verliebte Feinde – Iris und Peter von Roten.“ Wir stutzten und blickten ratlos die Frau an: „Das waren einst die Besitzer der Burg“, sagte sie. Und das, was sie uns dann noch erzählte, motivierte uns doch, ins Museum zu gehen, allerdings nicht in die gängigen Rilke-Zimmer mit den üblichen Dichterdevotionalien, sondern in einen Raum mit einer merkwürdigen Installation: Ein Herd war da in einen Laufstall gestellt. Und an der Wand hingen zwei lebensgroße Fotografien. Eine zeigte einen jungen Mann, das Hemd weit aufgeknöpft, die schwarzen Haare windzerzaust, der ebenso freundlich wie selbstbewusst zum Betrachter schaut. Es ist Peter von Roten, Spross einer Familie von Walliser Aristokraten, die Burg ist eines ihrer Besitztümer. Ihre Gräber mit den vielen Namen waren uns an der Kirchenmauer aufgefallen, und Peter von Rotens letzte Ruhestätte ist deutlich prächtiger als jene von Rilke.
Iris von Roten wirkt auf ihrem Foto unnahbarer als ihr Mann. Sie schaut in weite Fernen, der Blick ist abwartend und skeptisch. Als Iris Meyer kam sie in einer gut situierten Basler Familie im Jahr 1917 zur Welt. Sie studierte, obwohl das damals nicht die Erwartung an eine Frau waren, und wurde schließlich in Rechtswissenschaften promoviert: „Es ist schrecklich, immer zu hören, wie grässlich es sei, dass man studiere, wie man davon hässlich werde, keinen Mann bekomme, keine Stelle fände.“ Sie aber bestand auf ihren Anteil am Leben: „Ich wollt alles, was das Herz begehrt: wilde Abenteuer, lockende Fernen, tolle Kraftproben, Unabhängigkeit, Freiheit, das schäumende Leben schlechthin.“
Das Schreckgespenst der fürsorglichen Gattin
Als sie Peter von Roten kennenlernte, diskutierte sie dies intensiv mit ihm durch. 1300 Briefe der beiden sind erhalten, in denen sie alle Aspekte des Zusammenlebens von Frau und Mann debattierten. Schließlich heirateten die beiden. Ihren Ehevertrag hatte Iris von Roten aufgesetzt, er hängt im Museum. Eine freie Berufstätigkeit forderte sie ebenso wie gleiches Einkommen: „In meiner Phantasie leide ich unter dem Schreckgespenst einer Gattin, welche bei ihrem Mann einen Sommerhut erbetteln muss.“ Und natürlich gab es da noch den Haushalt: „Mit diesen Arbeiten möchte ich, abgesehen von der obersten Leitung, nichts zu tun haben, also weder kochen, putzen, flicken.“ Da kam dann doch die Tochter aus gutbürgerlichem Hause zum Vorschein: „Man muss eine Magd haben, ständig oder für ein paar Stunden im Tag.“
Ein Firmenschild im Museum zeigt: Ihr Geld verdiente Iris von Roten als Anwältin in der gemeinsamen Kanzlei mit ihrem Mann. Im Jahr 1957 galt ihr Engagement dem Dorf Unterbäch, das an den Hängen gegenüber liegt, 800 Meter über dem Talgrund. Das Paar beriet die Gemeinde wegen einer schweizweiten Abstimmung über den Zivilschutz. Sollten auch Frauen dazu gezogen werden, obwohl es damals in der Schweiz üblich war, dass nur Männer abstimmten? Der Gemeinderat von Unterbäch ließ auch Frauen zu. Es war das erste Mal, dass Frauen an die Urnen gingen.

„Eine kühne Tat macht (vielleicht) Geschichte“, lesen wir im Reprint einer Schweizer Illustrierten: „Irgendwie war allen klar, dass sie mit diesem Beschluss eine Lawine ins Rollen bringen, von der man nicht weiß, was sie alles mit sich reißen wird.“ Selbst die „New York Times“ und der „Spiegel“ sahen zu, als Katharina Zenhäusern als erste Schweizerin überhaupt eine Stimmkarte in eine Wahlurne legte. Die Behörden kassierten zwar die Abstimmung, aber Iris von Roten legte nach: Im nächsten Jahr erschien ihr lang geplantes Buch „Frauen im Laufgitter“. Während ihrer Arbeit daran schriebt sie einmal an ihrem Mann: „Ja, ich werde ein Buch über diese Entrechtung schreiben. Ich habe Angst, dass die Sache fast zu revolutionär ist, um gemacht zu werden.“ Wohl wahr.
In ihrer radikalen Analyse der Geschlechterrollen war Iris von Roten hart und klar: „Die Männer möchten jene sein, die auf der Bühne des Welttheaters schwatzen, wirken und wichtig tun – den Frauen überlassen sie die Schmutz-, Dienst- oder geistige Handlangerarbeit. Die Frauen haben zu verblassen, damit die Männer die Wunderblüten am Baum des Lebens darstellen können.“ Ihr Ziel war eindeutig: „Ich wollte ein Fenster aufstoßen. Frische Luft sollte das Gelass füllen, in welches die Männerherrschaft die Frauen pferchte.“ Gerade die Stellung der Frau als untergeordnete Hausfrau attackierte Iris von Roten heftig – was die Installation mit dem eingesperrten Herd illustriert: „Es ist nicht nötig, dass die ‚Frau und Mutter‘ als des Weibes natürliches Los stundenlang mit Geschirr klappert und Staub wedelt.“
In einem Raum des Museums liegen die Blätter eines unveröffentlichten Kapitels, in dem Iris von Roten die Mode sezierte: „Die wilde Bekämpfung langer und kurzer Hosen lässt sich nur als Kampf gegen die Aufhebung der Embleme der Unterdrückung der Frau erklären.“ Sie wusste, wovon sie sprach. In Zürich hatte sie die Polizei einmal kontrolliert, als sie nachts in langen Hosen und Leopardenmantel unterwegs war. Der Polizeichef begründete das so: „Es hat sich erwiesen, dass solche Kontrollen zur Ermittlung krimineller Elemente führten.“ Auch die Geistlichkeit kam mit der selbstbewussten Frau nicht klar. Rarons Pfarrer Andermatten sah eines Tages, wie sie sich neben dem Friedhof im Badeanzug bräunte – und rügte das. „Das stört die Toten doch nicht“, erwiderte Iris von Roten lapidar „die sehen ja sowieso nichts mehr.“
Im Museum gibt es auch eine Leseecke, in der man sich in ihr weiteres Leben vertiefen kann. Dass sie mit ihrem Auftreten aneckte, hatte Iris von Roten schon öfters erfahren. Das war aber nichts verglichen mit der Empörung, die „Frauen im Laufgitter“ auslöste. Das Buch war schnell ausverkauft – und provozierte wütende Reaktionen. Schon in der Druckerei gab es den ersten Aufruhr. „Müssen wir uns diese Männerbeschimpfungen gefallen lassen?“, fragten die Schriftsetzer. Das war noch erwartbar, nicht aber, dass gerade Frauen das Buch attackierten. 1959 lehnten die Schweizer das Frauenstimmrecht in einer Abstimmung ab. Dafür verantwortlich gemacht wurden auch Iris von Rotens deutliche Ansichten, die heute Allgemeingut sind, damals aber als zu radikal empfunden wurden.
Die Härte der Konfrontation verkraftete Iris von Roten nicht. Sie entfloh in ausgedehnte Reisen und zog, oft allein, um die Welt. Als sie alt und kränklich wurde, nahm sie sich im Jahr 1990 das Leben. So hat sie nicht mehr die erfolgreiche Neuauflage ihres Buches erlebt, und auch nicht, dass etliche Ausstellungen sie als Pionierin des Feminismus würdigten.
Vom Burgberg laufen wir hinüber zum Heidnischbiel, Privatbesitz der Iris von Roten, ein langgestreckter Hügel mit steilen Felswänden und einer Trockensteppe auf seinem Plateau. Im hohen Gras liegen vom Gletscher glatt geschliffene Felsplatten frei. Es ist ein stiller, fast schon mystischer Ort. Iris von Roten hat sich gerne hierhin zurückgezogen, was wir gut verstehen können. Das geschäftige Tal ist unendlich weit weg, der Wind weht ungehindert. In einer Felsplatte sehen wir die eingemeißelte Inschrift „I.v.R. 1917-1990“. Im Familiengrab der Familie von Roten, in dem auch ihr Mann liegt, hat sich Iris von Roten nicht bestatten, sondern hier, auf dem Heidnischbiel, ihre Asche verstreuen lassen – das letzte Ausrufungszeichen einer eigenständigen Frau.
