
Als um 18 Uhr die ersten Prognosen kamen, blieb es in Schwerin auf zwei Wahlpartys still. Die CDU schwieg, weil sich schon abzeichnete, was später bestätigt werden sollte: 4,9 Prozent, erstmalig nicht in einem Landtag vertreten. Doch auch bei der SPD zeigte man sich zunächst enttäuscht. Dabei hatte die Partei im vergangenen Jahr um 16 Prozentpunkte aufgeholt und kam am Sonntagabend auf 35,5 Prozent. Doch um die AfD zu schlagen, reichte es nicht. „Es war ja klar, dass es sehr schwer wird, zu überholen“, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig später. „Wir sind schon froh, dass wir diese Aufholjagd hingelegt haben in diesen schweren Zeiten.“
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, in der die AfD ein Rekordergebnis einfuhr und die Bundesregierung unmissverständlich abgestraft wurde, bekamen die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zusätzliche Tragweite. Zumindest im Nordosten zeigte sich: Die Bundesregierung ist hier noch unbeliebter als in Sachsen-Anhalt. Und wer eine Chance gegen die AfD haben will, braucht eine Landesmutter, die nicht nur gegen Rechtsaußen, sondern auch gegen Berlin austeilt.
Die SPD begann früh, ihren Wahlkampf maßgeblich auf Schwesig zu konzentrieren. Warb man zunächst mit ihr als erfahrene Amtsinhaberin, inszenierte man sie am Tag nach Sachsen-Anhalt zur einzigen Bastion gegen die AfD: Großflächig plakatierte die SPD ihre Spitzenkandidatin mit dem Spruch „Die Frau gegen blau“. Schwesig griff die AfD verstärkt offensiv an. Es ist eine Taktik, die in der Vergangenheit oft aufging. Gerade in ostdeutschen Ländern spitzten SPD und CDU ihre Wahlkämpfe zuletzt immer wieder auf ein Duell mit der AfD zu. Das funktionierte auch, weil sie dabei auf populäre Amtsinhaber setzen konnten.
Dasselbe galt nun für die SPD. In Nachwahlbefragungen von Infratest dimap zeigte sich, dass die Hälfte ihrer Wähler die Partei wegen Schwesig wählte. In einer Direktwahl würden sich 62 Prozent für sie entscheiden. Das sind doppelt so viele Stimmen, wie der AfD-Kandidat Leif-Erik Holm in einem Direktvergleich auf sich vereinen könnte.
Die 38,2 Prozent für die AfD nannte Holm am Sonntag ein starkes Ergebnis, das man sich „errungen“ habe: „Das war wirklich ein harter, ein ausgesprochen aufwendiger Wahlkampf.“ Im Gegensatz zu Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt gelang es ihm aus sich heraus allerdings kaum, Wähler zu gewinnen. Auf die zusätzlichen Stimmen, die Siegmund der AfD durch seine Popularität verschaffte, musste die Partei im Nordosten weitgehend verzichten.
Holm trat grundsätzlich deutlich blasser als Siegmund auf, setzte weniger auf Emotionen und Heilsversprechen, redete stattdessen mehr über Inhalte. Autogrammschlangen gab es für ihn kaum. So blieb die AfD seit Herbst 2025 in Umfragen (abgesehen von kleineren Schwankungen) um die 37 Prozent stehen. Nur: Damals wurde ihr noch doppelt so viel Kompetenz zugesprochen wie der SPD. Diesen Vorsprung konnte Schwesigs Partei nun nicht nur einholen, sondern sogar ins Gegenteil verkehren.
Als wichtigste Aufgabe, die es in Mecklenburg-Vorpommern zu lösen gilt, wurde in Nachwahlbefragungen am häufigsten soziale Sicherheit genannt. Das Bundesland weist den niedrigsten mittleren Bruttolohn auf, eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote und das zweithöchste Durchschnittsalter – nach Sachsen-Anhalt. Die Frage nach sozialer Sicherheit dominierte so schon die Wahlen vor fünf und zehn Jahren. Damals wie heute traute man deren Gewährleistung am ehesten der SPD zu. Allein: Ihrer Bundespartei, die wesentlich über diese Themen mitentscheidet, offenkundig nicht.
Die Bundeskoalition aus Union und SPD hat in Mecklenburg-Vorpommern einen noch miserableren Stand als in Sachsen-Anhalt. 91 Prozent gaben am Sonntag an, unzufrieden mit ihrer Arbeit zu sein, nur sieben Prozent zeigten sich zufrieden mit der Bundesregierung – nochmal vier Prozentpunkte weniger als in Sachsen-Anhalt. 86 Prozent äußern zudem ihre Enttäuschung über Versprechungen, die vor der Wahl ausgesprochen, aber nicht eingehalten wurden.
Neun von zehn Befragten kritisierten dabei vor allem die hohen Spritpreise. Für diese Sorge bot die AfD eine vermeintlich simple Lösung: Sie warb im Wahlkampf vehement damit, die Pipeline Nord-Stream-2 wieder zu öffnen und Gas aus Russland zu importieren. Dass sie damit auf Widerhall traf, zeigte sich am Wahlabend auch daran, dass mehr als die Hälfte in Nachwahlbefragungen forderte, Deutschland sollte wieder bessere Beziehungen zu Russland aufbauen.
Viele in ihrem Bundesland lehnten die Unterstützung für die Ukraine ab, sagte Schwesig am Wahlabend. „Wir wissen, dass wir an dieser Stelle auch Stimmen verlieren.“ Die Zahlen bestätigen das: 47 Prozent gaben an, sich daran zu stören, dass Schwesig so klar auf Seiten der Ukraine stehe.
Viel Zuspruch hingegen bekam die Ministerpräsidentin dafür, dass sie in anderen Belangen der Bundesregierung entgegentrat. Immer wieder lehnte Schwesig sich gegen Pläne aus dem Bund auf. Im Juni kritisierte sie die Pflegereform als „unmenschlich“, im August bezeichnete sie das Ende des Tankrabatts als „fatal“, im September warf sie Kanzler Friedrich Merz mit Blick auf die Rentenreform eine „Basta-Politik“ vor. Schwesig ging also nicht nur auf Abstand, sondern auf Konfrontation mit der Bundesregierung. Im Land rechnete man ihr das hoch an: Etwa drei Viertel fanden es in Nachwahlbefragungen gut, dass sie sich konstant gegen Berlin stellte.
Anders erging es Daniel Peters. Der CDU-Landesvorsitzende und Spitzenkandidat hatte erheblich mit dem Gegenwind zu kämpfen, den die Bundespartei ihm einbrachte. Zwar versuchte auch er sich zu distanzieren, vermied etwa weitgehend Auftritte mit dem Bundeskanzler. Das allerdings reichte kaum. In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen waren 86 Prozent der Befragten überzeugt, das schlechte Ergebnis der Landes-CDU sei vor allem der Bundespartei zuzurechnen. Die CDU nahm man als zunehmend entkoppelt von den Nöten in der Bevölkerung wahr.
Peters hielt sich mit Kritik gegen Berlin weitgehend zurück. „Die Ursache liegt zuallererst darin, dass wir in dem hoch polarisierten Wahlkampf zerrieben wurden“, sagte er am Wahlabend über das historisch schlechte CDU-Ergebnis. Tatsächlich zeigt die Wählerwanderung, dass die Partei viele Stimmen an SPD und AfD verlor. Auch von der SPD wanderten viele Wähler zur AfD – die größten Zugewinne (neben denen von der CDU) kamen aus dem Lager der Linken und der Nichtwähler. Wie üblich war es jedoch die AfD, die die meisten Nichtwähler mobilisierte; mit 79 Prozent war die Wahlbeteiligung so hoch wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.
Die Grünen, die Schwesig wegen ihrer Zuspitzung auf ein Duell mit der AfD einen unfairen Wahlkampf vorwarfen, verloren tatsächlich die größte Wählergruppe an die SPD.
Die Linke, bislang Regierungspartei, verzeichnete Wanderungsverluste vor allem an die SPD, aber auch an die AfD und das den Einzug verfehlende BSW. Insgesamt verschlechterte sich ihr Stimmanteil um ein Drittel; mit 6,5 Prozent wurden sie dennoch drittstärkste Kraft. Verärgert zeigte man sich über den Koalitionspartner. Der polarisierende Wahlkampf habe niemandem genutzt, so die Spitzenkandidatin und stellvertretende Ministerpräsidentin Simone Oldenburg: „Da haben alle demokratischen Parteien Federn gelassen.“
Und in Berlin? Feierten ihre Parteikollegen währenddessen ohrenbetäubend. Früh am Abend war klar, dass die Linke die Wahl deutlich gewonnen hatte, in der Nacht kam dann das Endergebnis: 25,7 Prozent, ein Rekord für Berlin. Hatte die Linke in Umfragen lange Kopf-an-Kopf mit der CDU gelegen, entschied sie dieses Rennen am Sonntag deutlich für sich.
Dass das gelang, lag an einem außergewöhnlichen Wahlkampf. Der wurde nicht von Kandidaten dominiert, sondern von Themen. Genauer: den Mietpreisen. Laut Forschungsgruppe Wahlen war der Wohnungsmarkt für mehr als die Hälfte der Berliner das drängendste Problem – weit vor allem anderen.
Die Linke hatte ihren Wahlkampf nicht nur nahezu ausschließlich darauf verengt, sondern auch die radikalste Lösung versprochen: die Vergesellschaftung von schätzungsweise mehr als 200.000 Wohnungen großer Konzerne. Die Partei bot Sprechstunden für die Prüfung von Mieterhöhungen an, warb für Heizkostenchecks, plakatierte „Mietabzocke stoppen“.
„Unser Programm, unsere Inhalte haben die Wahl gewonnen“, sagte die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp am Sonntagabend. Nachwahlbefragungen bestätigen das. Eine deutliche Mehrheit von 37 Prozent traut es am ehesten den Linken zu, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen.
Der bisherigen Regierungspartei CDU gelang es nicht, dagegen anzukommen. Bis vor Kurzem hatte sie noch auf den Amtsbonus von Kai Wegner gehofft, der jedoch im Juli seinen Rückzug verkündete wegen falscher Angaben über seine Kommunikation rund um den Stromanschlag im Januar. Stefan Evers, der frühere Finanzsenator, wurde kurzfristig Spitzenkandidat.
Mit Blick auf ihn und seine Konkurrenz fällt auf, wie gleichsam unbekannt und unbeliebt sie waren. Eine Direktwahl hätte die Berliner vor eine schwere Entscheidung gestellt: Je 13 Prozent stimmten in einer Umfrage Anfang September für Eralp und Evers, kein Kandidat sticht hervor.
Dass die Wahl zum Abgeordnetenhaus vor allem über Themen entschieden wurde, zeigt auch ein Blick auf die Zufriedenheitswerte des Senats. Zwar war man in Berlin auch mit der Bundesregierung nicht zufrieden, doch viel wichtiger schienen die eigenen Probleme. So gaben in Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen mehr als zwei Drittel an, das Geschehen in ihrer Stadt sei maßgeblich für ihre Entscheidung gewesen. Und darüber hatte sich viel Ärger angesammelt. Nirgendwo sonst zeigte sich der Frust gegen die eigene Landesregierung am Wahltag so deutlich wie nun in der Hauptstadt. Nur 19 Prozent gaben an, mit der Senatsarbeit zufrieden zu sein.
Die AfD, die auch in Berlin für einen radikalen Kurswechsel warb, konnte diese Unzufriedenheit nicht in einen Wahlerfolg ummünzen. Dafür hatte die Linke das Thema zu sehr vorbestimmt – und diesbezüglich einen ganz eigenen Kurswechsel versprochen. „Ich habe immer gesagt, wir arbeiten ab Tag eins an der Vergesellschaftung“, bekräftigte Eralp am Sonntag.
Das fand vor allem unter jungen Wählern Anklang. Erstmals durften in Berlin, wie auch in Mecklenburg-Vorpommern, Sechzehnjährige wählen. Junge Berliner bis 24 Jahre, die sich 2023 noch mehrheitlich für die Grünen entschieden hatten, stimmten nun überwiegend für die Linkspartei.
Das zeigt sich auch deutlich in der Wählerwanderung. Die Grünen verloren die meisten Wähler an die Linke, auch von der SPD wanderten viele Stimmen nach links ab. Den größten Zuwachs aber verdankt die Linke den Nichtwählern: Etwa 75.000 konnte sie mobilisieren. Was sonst vor allem der AfD gelingt, gelang in Berlin nun den Linken.
Am Wahlabend sprach Eralp von einem klaren Regierungsauftrag für ihre Partei. Es wäre das erste Mal, dass in das Rote Rathaus eine Bürgermeisterin von der Linken einzieht. Die Grünen warben noch am Sonntag für ein Bündnis mit Linken und SPD. Letztere blieb am Wahlabend zurückhaltend. Zuvor hatte sich der Spitzenkandidat Steffen Krach wiederholt klar gegen eine Vergesellschaftung ausgesprochen. Alternativ wäre auch eine Koalition aus Grünen, SPD und CDU möglich.
In Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist Rot-Rot-grün die einzige Option. Außer ihnen sitzt nur noch die AfD im Landtag, eine Mehrheit hat sie nicht. Das hob auch Manuela Schwesig am Wahlabend hervor. „Deshalb stehe ich bereit, die Arbeit fortzusetzen.“
