In Sachsen-Anhalt lächelt überall im Land ein bärtiger, älterer Herr von großen Plakaten. Die allermeisten Bürger würden den Mann wohl kaum erkennen, wenn er an ihnen in der Fußgängerzone oder im Baumarkt vorbeiliefe. Da geht es dem sachsen-anhaltischen Wissenschaftsminister Armin Willingmann wie den meisten Landesministern. Und doch richtet die SPD ihre Kampagne voll auf den diskreten Charme ihres Spitzenkandidaten aus. Der 63 Jahre alte Wissenschaftsminister soll das Kontrastprogramm bilden in einem Landtagswahlkampf. Operative Kompetenz anstelle von Luftschlössern und Identitätsgedöns.
„Erfahrung statt Experimente“, steht deshalb auf den SPD-Plakaten. „Dieser Satz war uns sehr wichtig“, sagt Willingmann, der nach dem Abschied von Reiner Haseloff der mit Abstand erfahrenste Spitzenkandidat im recht jungen Bewerberfeld ist. Der Jurist stammt gebürtig aus Dinslaken und kam 1999 nach Sachsen-Anhalt, um eine Professur für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Harz zu übernehmen, wo er schon bald darauf zum Rektor aufstieg.
Sieben Prozent sind „okay“
2016 wechselte er die Seiten und übernahm ein großes Ministerium in Magdeburg, das die Zukunftsthemen Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung miteinander verknüpfen sollte. Dieses Konstrukt wurde 2021 aus parteipolitischen Gründen wieder zerschlagen. Seither ist Willingmann für ein kleines Sträußchen bunter Blüten zuständig: Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt.

In Fachkreisen genießt der Sozialdemokrat, der einen betont ruhigen, technokratischen Politikstil pflegt, einen guten Ruf. In den bundesweiten Rankings der Wissenschaftspolitiker belegt Willingmann regelmäßig Spitzenplätze. Auch von Institutionen und Verbänden aus Sachsen-Anhalt hört man Gutes über Willingmann, vereinzelt allerdings versehen mit dem Hinweis, dass er keinen ausgeprägten Machtwillen besitze. Vor der Landtagswahl 2021 ließ der SPD-Politiker den Kelch der Spitzenkandidatur an sich vorüberziehen. Nun hat er ihn angenommen, „aus sehr viel Pflichtgefühl“, wie er sagt.
In den Umfragen liegt die SPD stabil bei sieben Prozent. „Unter den gegebenen Umständen ist das okay“, befindet Willingmann, hofft aber noch auf zwei oder drei Prozentpunkte mehr. Er wirbt dabei mit dem Hinweis, dass ohne die SPD eine Alleinregierung der AfD kaum zu verhindern sei.
Der AfD-Parole „Das Land retten“ setzt der Minister ein sehr grundsätzliches Argument entgegen: „Es besteht überhaupt keine Veranlassung, dieses Land zu retten. In den letzten 30 Jahren hat hier viel funktioniert. Und ich schäme mich dessen nicht, was erreicht wurde.“ Um diese Botschaft unter die Leute zu bringen, macht Willingmann neuerdings sogar kurze Videoclips für Social Media. „Dass ich jetzt nicht der klassische Social-Media-Nutzer bin, ist ja klar“, sagt der Minister dazu beinahe entschuldigend.
In Kalbe an der Milde, das man im Navi tunlichst nicht mit Calbe an der Saale verwechseln sollte, droht dem SPD-Spitzenkandidaten heute kein Instagram-Firlefanz. Der Termin ist rein analog: Armin Willingmann besucht die dortige „Künstlerstadt“. Im Rahmen dieses Projekts beleben auswärtige Künstler für einige Wochen leer stehende Gebäude im Zentrum von Kalbe, die von der Initiative nach und nach saniert werden.

Die Leiterin der „Künstlerstadt“ erklärt, es handele sich um eine „soziale Skulptur“ im Sinne von Joseph Beuys. „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Der parteilose Bürgermeister von Kalbe hört zu, guckt und schweigt. Willingmann dreht eine Runde durch die Ateliers in dem baufälligen Gebäude. Die Farbe platzt schichtweise von Türen und Wänden, an vielen Stellen ist deren blanke Ausfachung aus Lehm und Stroh zu sehen. Eine aus Österreich stammende Stipendiatin erzählt, sie habe über „eine Rundmail von der Uni“ von der Künstlerstadt in Kalbe erfahren. Es sei schön, „irgendwo Ruhe zu haben“, sagt sie. „Ja, die haben Sie hier“, antwortet Willingmann mit feinem Lächeln und guckt kurz ins nächste Atelier. „Großartig. Schön. Ich will gar nicht stören.“
Später gibt es unter einem Kirschbaum im Innenhof selbst gebackenen Kuchen. Die Leiterin erklärt noch einmal die Sache mit der sozialen Skulptur. Die Initiative beruhe auf viel ehrenamtlichem Engagement, erklärt sie, daneben aber auch auf Fördermitteln. Ein untrügliches Zeichen, dass der Besuch des Ministers nun auf seinen eigentlichen Höhepunkt zusteuert: „Ich habe hier noch ein Finanzloch von 86.000 Euro …“, sagt die Leiterin, „… also, wenn Sie irgendwo noch einen Geldtopf haben …“
Mit Napoleon in der russischen Steppe
Da ist es wieder, das feine Lächeln von Willingmann, der offenbar die Minuten mitgezählt hat: „Sie haben aber lange durchgehalten ohne diese Frage“, sagt der Minister. Für die Künstlerstadt hat er heute allerdings keinen Scheck im Gepäck. Die Leiterin hat für diesen Fall noch eine andere Idee parat: Man könne in Kalbe doch eine Außenstelle einer Hochschule ansiedeln. „Ein Reallabor für ländliche Entwicklung, warum nicht?“ Auch hierzu hat Willingmann keine gute Nachrichten: „Das Problem ist: Solche Fragen kommen von überall“, sagt er. „Und wenn man ehrlich damit umgeht, muss ich sagen, dass es unglaublich schwer ist, auf dem platten Land Wissenschaft quasi zu erzwingen. Wissenschaft braucht einen Nukleus, ein Umfeld.“
Aber es nütze doch nichts, wenn die Forscher in ihren Büros hockten, die bräuchten doch Anschauung, damit sie wissen, wovon sie sprechen, entgegnet die Leiterin. „Wissen Sie, man muss nicht mit Napoleon durch die russische Steppe gezogen sein, um über Napoleon zu forschen“, erwidert Willingmann.
Nun hat der Minister selbst eine Frage: Wie sieht es denn mit der Unterstützung der Künstlerstadt durch die Bürger von Kalbe aus, die gemäß der Darlegung ja alle auch selbst Künstler sind? Die Leiterin winkt ab. „Da hört die Liebe beim Geld auf“, klagt sie. An diesem Punkt bricht der parteilose Bürgermeister sein Schweigen. „Na ja, die anderen Ortsteile haben ja auch keinen Bezug dazu“, sagt er und erklärt, dass mehr als zwei Drittel der Bürger seiner Kommune in Ortschaften außerhalb des Kernorts Kalbe wohnen.

Mit am Gartentisch sitzt natürlich auch die Frage, was mit dem Projekt „Künstlerstadt“ passiert, falls die AfD nach der Landtagswahl den Ministerpräsidenten stellt. Anfeindungen und Bedrohungen von Rechtsextremen erlebe sie schon länger, sagt die Leiterin. Aber sie lasse sich nicht unterkriegen. Und falls die AfD an die Macht kommt, gehe das Projekt „notfalls in den Untergrund, darauf stellen wir uns ein: Kalbe als das Dorf der Gallier“. Der Bürgermeister macht große Augen. „Wir sehen doch schon an den Wahlergebnissen, dass Kalbe kein gallisches Dorf ist.“ Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD 37,6 Prozent in Kalbe.
Das erklärte Ziel von Willingmann auf der Landesebene ist, einen Durchmarsch der AfD zu verhindern. Dies will er gemeinsam mit anderen Parteien erreichen. In Magdeburg wird schon länger über eine Minderheitsregierung gesprochen, die sich auch auf die Zustimmung der Linkspartei stützt. Eine klare Absage erteilt Willingmann hingegen den Gedankenspielen in der CDU, dass eine unionsgeführte Minderheitsregierung auch ohne die SPD am Kabinettstisch auskommen und sich auch auf wechselnde Mehrheiten stützten könnte. „Das wäre für uns eine rote Linie“, sagt Willingmann. „Warum sollten wir dabei mitmachen?“
