Die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf sieht das Scheitern ihrer Wahl zur Verfassungsrichterin im vergangenen Jahr unter anderem auch durch Frauenfeindlichkeit verursacht. »Jetzt mit ein bisschen Abstand und so im Rückblick würde ich
sagen, da war schon Frauenfeindlichkeit dabei, auch ein ganzes Stück Frauenfeindlichkeit«, sagte sie beim Ludwig-Erhard-Gipfel der Weimer Media Group am
Tegernsee. »Da muss man nicht nur in die sozialen Medien schauen, wo bis zum heutigen Tag Hass und Hetze im Zusammenhang mit der Richterwahl
verbreitet wird und das oft sexistisch frauenfeindlich unterlegt wird«.
Brosius-Gersdorf
ist seit Oktober 2021 Inhaberin des Lehrstuhls für Öffentliches Recht
an der Universität Potsdam. Im Juli vergangenen Jahres sollte sie auf Vorschlag der
SPD zur Richterin am Bundesverfassungsgericht gewählt werden. Wegen Vorbehalten aus der Union wurde die Wahl jedoch abgesagt, was wiederum zu starker Kritik von SPD, Grünen und Linken führte.
Juristin sieht sich für öffentliche Präsenz bestraft
Zu den Vorwürfen gegenüber Brosius-Gersdorfs zählte unter anderem, dass ihre Positionen zum
Impfen und zum Schwangerschaftsabbruch angeblich zu liberal seien. Zugleich wurden gegen die Juristin Plagiatsvorwürfe erhoben, die sich wenig
später jedoch als haltlos erwiesen. Nach längerer öffentlicher Debatte zog Brosius-Gersdorf ihre Kandidatur schließlich zurück.
Sie sei in der Debatte anders behandelt worden, als es bei
einem Mann der Fall gewesen wäre, sagte Brosius-Gersdorf nun: »Was mich eigentlich im Nachhinein am
meisten gestört und verstört hat, ist, dass mir von Medien, aber auch
aus Reihen der Politik vorgeworfen wurde, dass ich überhaupt öffentlich
aufgetreten sei als Wissenschaftlerin, dass ich meine Wissenschaft in
die Öffentlichkeit transferiert hätte.«
Union bot Brosius-Gersdorf kein Gespräch an
So sei sie beschuldigt worden, »exponiert, profiliert und selbstbewusst« gewesen zu sein. Außerdem habe man ihr Aktivismus und ein politisches Wirkungsbedürfnis unterstellt. Bei einem Mann
wären diese Eigenschaften als souverän, durchsetzungsstark und
Führungsqualitäten gewertet worden, sagte die Juristin.
Sie bedauere, dass ihr in der Debatte nicht die Gelegenheit gegeben worden sei, sich selbst in der Unionsfraktion im Bundestag auf der Sachebene
zu den Vorwürfen zu äußern. Man habe sie dazu nicht eingeladen, sagte Brosius-Gersdorf.
