Eine Psychose oder eine Depression verändern das Leben stärker als eine Querschnittslähmung oder ein Herzinfarkt. Davon ist die Fachärztin für Psychotherapie Sabine Kreß überzeugt. Die Patienten verlören durch ihr Verhalten, eine lange Krankschreibung und zum Teil Klinikaufenthalte viele Freunde, oft auch ihre Partner, den Job und die Wohnung, weil die Finanzen nicht mehr stimmten. Das zu vermeiden, haben sich die 59 Jahre alte Direktorin Kreß und ihre 100 Mitarbeiter der Vitos Klinik Bamberger Hof in Frankfurt vorgenommen.
Diese Aufgabe übernimmt einerseits die ambulante Rehabilitation, die Kreß als medizinische Geschäftsführerin der Vitos Reha gGmbH von 2014 an in Frankfurt und später auch in Kassel, Hanau und Wiesbaden aufgebaut hat. Vorher gab es ein wohnortnahes Angebot, das in den somatischen Fächern zum Beispiel nach schweren Unfällen, Herzinfarkten, Schlaganfällen oder bei chronischen Erkrankungen Standard ist, in der Psychiatrie laut Kreß fast gar nicht. In Hessen war eine Reha nur in Kassel und Modautal möglich.

Andererseits ist es auch erklärtes Ziel der Vitos Klinik Bamberger Hof, deren Leitung Kreß 2024 übernommen hat, den Erkrankten Autonomie und Selbstbestimmung zu lassen. Möglich macht dies die ambulante Behandlung, die dort neben der Betreuung in Tageskliniken angeboten wird – und das, obwohl nur Menschen mit schweren psychischen Beschwerden behandelt werden. Ein multiprofessionelles Team besucht die Patienten dafür in deren Wohnungen.
Man wolle die Patienten in ihrem Umfeld stabilisieren und sie fördern, sagt Kreß: „Selbst sehr Kranke haben noch Fähigkeiten.“ Zu Hause könnten sie mehr selbständig machen als in einer Klinik, in der sie umsorgt würden. Nur Menschen mit Suizidgedanken und Suchterkrankte könnten nicht betreut werden.
Die in der Frankfurter Innenstadt gelegene Außenstelle der Vitos Klinik Bad Homburg, die früher das Waldkrankenhaus in Köppern betrieb, wurde 1976 gegründet. Der erste Standort – und damit Namensgeber – war das frühere Hotel Bamberger Hof in Niederrad, das heute von der Fleckenbühler Gemeinschaft genutzt wird. Seit dem Umzug an den unteren Oeder Weg im Nordend gibt es keine Betten mehr, wird nur ambulant behandelt.
Damit sei der Bamberger Hof in der Psychiatrie etwas Besonderes, meint Kreß: „Hier werden Versorgungsstrukturen entwickelt und ausprobiert, die zukunftsweisend sind.“ Als Leiterin will sie dazu beitragen, dass man Vorreiter bleibe. Selbst nach 30 Jahren bei Vitos beziehungsweise dem Landeswohlfahrtsverband als Vorgängerorganisation sei dies eine Herausforderung gewesen, die sie gereizt habe. Sie wolle an Konzepten feilen, vorausschauend planen und helfen, neue Versorgungsideen zu realisieren, sagt die große und lässig-elegant gekleidete Kreß.
Ein neuer Standort in Frankfurt wird gesucht
„Dafür ist Personal und Geld nötig“, sagt Kreß. Ein Drittel der Mitarbeiter, darunter viele langjährige, werde bald in Rente gehen. Um trotz des Fachkräftemangels neue Mitarbeiter zu finden, sei es wichtig, dass die Arbeit attraktiv bleibe. Erleichtert werde das durch die multiprofessionelle Teams, in denen Pfleger, Ergotherapeuten und Sozialarbeiter ebenso wichtig seien wie Ärzte. Die anderen Professionen hätten im Bamberger Hof mehr Bedeutung und könnten eigenständiger arbeiten.
Sie wolle Angebote wie die Behandlung von peripartalen Depressionen beibehalten, deren Finanzierung jedoch nicht gesichert sei. Im Haus würden Mütter immer mit ihren Kindern behandelt, was anderswo nicht die Regel sei. Ein neues Angebot will sie Jugendlichen machen, die schon im Alter von 16 Jahren an im Bamberger Hof behandelt werden sollen, um ihnen den Übergang ins Erwachsenenleben zu erleichtern.
Eine weitere wichtige Aufgabe wird es darüber hinaus sein, für den Bamberger Hof nach 30 Jahren einen neuen Standort in der Frankfurter Innenstadt zu finden. Der bauliche Standard sei nicht mehr zeitgemäß: In den Sommermonaten werde es unerträglich heiß, im Winter kalt, berichtet Kreß. Da eine Sanierung im laufenden Betrieb nicht möglich und der Standort nur gemietet sei, werde ein Umzug unumgänglich.
Weil sie der Meinung ist, mit der Organisationsentwicklung und dem Sicherstellen der Finanzierung letztlich mehr für die Patienten zu erreichen, hat sich Kreß schon vor rund acht Jahren aus der therapeutischen Arbeit zurückgezogen. Darin unterscheidet sie sich von ihrer Vorgängerin Barbara Bornheimer, die wie eine klassische Chefärztin arbeitete, und von ihrem Mann, einem Allgemeinmediziner. Das hat es ihr jedoch ermöglicht, trotz der Leitungsfunktion in Frankfurt ihren Lebensmittelpunkt in Kassel zu behalten, wo sie 1967 geboren wurde und wo ihr Mann lebt. Nicht zuletzt engagiert sie sich ehrenamtlich als Präsidentin des Kreisverbandes Kassel des Deutschen Roten Kreuzes. In der Mainmetropole ist sie nur zwei bis drei Tage in der Woche.
Als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation psychisch kranker Menschen und anderer Gremienarbeit verbringt sie zudem viel Zeit in Berlin. Ihre Dozententätigkeit hat sie mit der Leitungsfunktion aufgegeben. Auch für ihre Hobbys, das Singen im Chor und Musizieren im Orchester, bleibt ihr seither keine Zeit. Da ihr Berufsleben zum größten Teil aus Kommunikation besteht, findet sie es „schön, in der Freizeit einmal nichts zu machen und nicht zu reden“.
