Kein psychedelisches Prilblumenballett mehr, keine Hieronymus-Bosch-Lichttunnel, kein Aureolen-Ringelreihen, auch der kleine Fuchs (der war süß) setzt sich nicht mehr unter die Klappsitze des Bayreuther Festspielhauses. Die Augmented-Reality-Brillen sind weg. Jay Scheibs Inszenierung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ wird bei der letzten Wiederaufnahme ohne energieaufwendige Serverleistungen für AR als rein analoges Regietheater gegeben.
Und plötzlich sehen wir Dinge, von denen wir all die Jahre zuvor abgelenkt worden waren: Gurnemanz und Kundry sind schon im Vorspiel ein Paar. Nicht erst im Schlussbild halten sie Händchen. Scheib hat die männerbündische Exklusivität des Gralsritterkonvents von Anfang an durchbrochen. Auch Lavinia Dames als erster und Natalia Skrycka als zweiter Knappe müssen sich nicht knäbisch vermummen. Sie dürfen auf der Bühne Frauen bleiben.

Die groß auf den Bühnenhintergrund projizierte Wundversorgung bei Amfortas war uns durch AR ebenfalls taktvoll verdeckt worden. Scheib setzt auf den Naturalismus einer Chirurgiereportage, um Amfortas’ Sehnsucht nach Erlösung dringlich zu machen. Und er geht dabei über Wagners Aneignung des christlichen Abendmahlsritus, die der evangelische Theologe Gustav Portig schon 1882 als zutiefst antichristlich entlarvt hatte, noch hinaus.
Amfortas (Michael Volle) öffnet beim Abendmahl im ersten Aufzug seine frisch gereinigte und einbalsamierte Wunde wieder, lässt sein Blut aus dem Unterbauch durch den Gral in eine große Schüssel laufen, auf dass alle, die daraus trinken, das ewige Leben haben. Sein Vater Titurel (Vitalij Kowaljow), zuvor schon ziemlich schrumpelig, steigt nach einem kräftigen Schluck wieder frisch und glatt aus dem Bad.

Auch vor der Einsicht, dass Klingsors Zaubermädchen Männermetzler sind, hatte uns der Nebel digitaler Simulationen gnädig bewahrt. Scheib zeigt sie uns in aller Deutlichkeit als Wiedergängerinnen homerischer Sirenen. So erweist sich die unvergrößerte Realität auf der reinen Bühne als viel grausamer im Vergleich zum Blick durch die AR-Brille. Augmented Reality muss ein Trip in die Betäubung gewesen sein. Jetzt bekommen wir einen klaren Kopf.
Andreas Schager, der den Parsifal seit der Premiere im Jahr 2023 singt und in diesem Jahr auch als Rienzi gefordert ist, zeigt hier besonders im ersten und im dritten Aufzug, wie leise, klangschön und textdeutlich er mit seinem an Kraft nicht armen Tenor singen kann. Es ist der Dirigent Pablo Heras-Casado, der es ihm abfordert. Und er verfügt eben auch über die stimmlichen Mittel. Den gesamten dritten Aufzug baut Schager gesanglich auf aus der Erschöpfung des Heimkehrers, der von allem Erlebten benommen ist und langsam zu neuer Souveränität findet.

Miina-Liisa Värelä singt die Kundry zum ersten Mal in Bayreuth. Ihre Vorgängerinnen in dieser Inszenierung, Elīna Garanča und Ekaterina Gubanova, hatten mit Eleganz und Zurückhaltung gegen das antifeministische Rollenklischee der Kundry als männerverschlingender Hexe angesungen, hatten ihre Müdigkeit im Machtspiel der Männer und den Widerwillen gegen das stete Benutztwerden subtil ausgespielt. Värelä dagegen ist eine Sängerin von Kraft und Drastik. Sie zügelt die vokale Sinnlichkeit, die Wagner im zweiten Aufzug in die Partie gelegt hat, keinesfalls. Insofern ist sie eine Kundry, die eher wieder dem traditionellen Rollenverständnis entspricht. Das Textverständnis freilich könnte deutlicher sein.
Darin bleibt Georg Zeppenfeld als Gurnemanz der unübertroffene Lehrer aller Wagner-Sänger. Er sollte hier Meisterkurse geben. Dass er immer klüger wirkt als das Stück, in dem er singt, ist zuletzt Ende März beim „Parsifal“ an der Dresdner Semperoper bemerkt worden. Und es bestätigt sich hier wieder. Und trotzdem ist Zeppenfeld kein betulicher Didaktiker, sondern eher ein einfühlsamer Skeptiker.
Volle als Amfortas trägt in klangschönem Singen als sublimiertem Stöhnen die Last des Leidens und die ermüdete Geduld auf die Bühne, während der Prachtbass von Vitalij Kowaljow die Lust weckt, ihn in Bayreuth einmal in einer größeren Rolle als der des Titurel zu hören. Jordan Shanahan ist mit Schärfe, Wendigkeit und Klarheit ein Klingsor, wie man ihn sich besser und böser kaum denken kann.
Pablo Heras-Casado erweist sich einmal mehr als Glücksfall für Bayreuth und für die Musik Wagners. Er dirigiert den „Parsifal“ durchaus langsam, aber so sinnvoll phrasiert, dass die Singenden genug Atem finden. Die Langsamkeit gibt dem organischen Wandel der Tönungen den nötigen Raum. Anders als im „Ring des Nibelungen“ setzt Wagner im „Parsifal“ weniger auf Kontrast und Schichtung ungedeckter Orchesterregister, sondern mehr auf Mischung und Verwandlung. Heras-Casado macht daraus unendliche Klangfarbenmelodien.
