Als
Elon Musk Anfang Juni 2026 mit dem geplanten Börsengang von SpaceX offiziell
zum ersten Billionär der Menschheitsgeschichte aufstieg, war das Medienecho
gewaltig. Kaum Aufmerksamkeit hingegen erhielt die Tatsache, dass dies kein
Ausreißer, sondern Symptom einer strukturellen Verschiebung ist, die sich seit
Jahren vollzieht und deren politische Sprengkraft unterschätzt wird.
Der
jüngste Global
Wealth Report der Boston Consulting Group (BCG) bestätigt: Das globale
Privatvermögen wächst rasant, angetrieben von Aktien- und Kapitalmärkten.
Gleichzeitig stagnieren oder schrumpfen die Realeinkommen breiter
Bevölkerungsschichten. Der Boom der Finanzmärkte und die Not der Daseinsvorsorge
sind extreme Widersprüche in einer Demokratie und Marktwirtschaft.
Der
deutsche Aktienindex Dax hat sich seit 2015 nahezu verdreifacht, der US-amerikanische
S&P 500 legte noch stärker zu. Wer Vermögen in Aktien angelegt hat, ist
reicher geworden, meist mit wenig eigener Arbeitsleistung. Doch von
Aktienbesitz profitiert in Deutschland nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Die
reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen rund 67
Prozent des gesamten Nettovermögens. Die untere Hälfte der Bevölkerung verfügt
über nahezu kein Nettovermögen – oder ist sogar verschuldet. Wer kein Kapital
besitzt, partizipiert nicht am Börsenboom.
Aktiengewinne für wenige, Kaufkraftverlust für viele
Gleichzeitig
hat die Inflation der Jahre 2021 bis 2023 und der erneute Preisanstieg in den
vergangenen Monaten jene Haushalte am härtesten getroffen, die ohnehin wenig
haben. Denn Haushalte mit geringem Einkommen geben einen weitaus höheren Anteil
ihres verfügbaren Einkommens für Energie, Lebensmittel und Mieten aus. Genau
diese Güter wurden besonders teuer. Nach Berechnungen auf Basis von Daten des
Statistischen Bundesamts lag die Inflationsrate für
einkommensschwache Haushalte in den Spitzenjahren 2022/23 teils zwei bis drei
Prozentpunkte höher als für einkommensreiche Haushalte. Das entspricht einer
systematischen Kaufkraftumverteilung von unten nach oben.
Hinzu
kommt eine geopolitische Dimension: Die Energiepreiskrisen der vergangenen
Jahre haben in erheblichem Maße Russland und andere autoritäre fossile
Exportstaaten gestärkt. Die hohe Inflation war damit nicht nur eine
Umverteilung von Arm zu Reich innerhalb offener Gesellschaften, sondern auch
eine Umverteilung von demokratischen Gesellschaften hin zu Diktaturen. Dies ist
ein doppelter Schaden für die liberale Weltordnung.
Die
BCG-Studie
zeigt auch, dass die Zahl der Millionäre und Milliardäre weltweit
kontinuierlich wächst. In Deutschland zählte das manager magazin zuletzt über 250 Milliardärinnen und Milliardäre – so
viele wie nie zuvor. Gleichzeitig verharrt die Armutsquote
in Deutschland bei über 16 Prozent. Das ist das Ergebnis politischer
Weichenstellungen und politischer Untätigkeit.
Denn
der Börsenboom der letzten Jahre ist nicht Ausdruck wirtschaftlicher Dynamik,
sondern das Resultat einer expansiven Geldpolitik, die Vermögenspreise
systematisch aufgebläht hat, ohne dass dieser Zuwachs nennenswert umverteilt
worden wäre. Wer Aktien, Immobilien oder Unternehmensanteile besaß, wurde
reicher. Wer nichts davon besaß, profitierte nicht – und zahlte obendrein höhere Mieten, während Immobilienbesitzer von niedrigen Zinsen profitierten.
Die
Vermögenskonzentration hat dabei eine Eigendynamik, die demokratische
Gesellschaften langfristig aushöhlt. Wie Studien des Internationalen Währungsfonds und der OECD
wiederholt belegt haben, korreliert hohe Vermögensungleichheit mit geringerer
sozialer Mobilität, schwächerem Wirtschaftswachstum und der Erosion
demokratischer Institutionen. Wer über ausreichend Kapital verfügt, kann
politische Prozesse beeinflussen: über Lobbying, Medieneigentum, Parteispenden.
Elon Musks politische Einflussnahme in den USA ist das extreme, aber
symptomatische Beispiel einer Logik, die auch in Europa greift.
