Wäre alles nach Plan gelaufen, säße Judith Bilepo Mokobe am übernächsten Mittwoch im Flugzeug in die USA. Hinter ihr läge eine Leichtathletiksaison in Deutschland, in der sie ihre Dominanz über die 200 Meter, die sie schon in der U18, U20 und auch in ihrem ersten Jahr als U23-Athletin ausgeübt hatte, ausgespielt und den vierten Deutschen Meisterinnentitel hintereinander eingeheimst hätte. Vor ihr läge das zweite Jahr an der University of Alabama, an der sie Wirtschaft studiert und in deren Track-and-Field-Team sie eine wichtige Rolle spielt.
Doch Alabama muss ein paar Tage länger auf die Athletin des USC Mainz warten, weil es nicht lief wie geplant – sondern noch viel besser. So gut, wie es weder die 19-Jährige selbst noch ihre Trainer Jürgen und Stefanie Bernhart für möglich gehalten hätten. Denn Mokobe setzte sich auch bei den Frauen durch, beendete ihre erste Teilnahme an den Titelkämpfen der Aktiven so, wie sie seit 2023 all ihre Starts bei deutschen Meisterschaften beendet hatte: als Schnellste über die 200 Meter.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Allein das ist schon der Wahnsinn“, sagt Vereinstrainerin Bernhart. Aber Mokobe beließ es nicht dabei, sondern rannte trotz 1,2 Meter Gegenwind pro Sekunde zu neuer persönlicher Bestzeit von 22,78 Sekunden. Sie erfüllte damit die Norm für die Europameisterschaften und ergatterte ein Ticket nach Birmingham. Dort finden die Vorläufe in ihrer Disziplin just an dem Tag statt, an dem sie in die USA aufbrechen wollte. „Den Flug muss ich umbuchen“, sagt sie und lacht, „aber ich glaube, es gibt Schlimmeres.“
„Das ist ein außergewöhnlicher Erfolg und war für mich ganz klar der emotionale Höhepunkt der beiden Tage in Wattenscheid“, kommentiert Fabian Ehmann, der Vorsitzende des USC Mainz, den ersten Freiluft-Sprinttitel einer Athletin seines Klubs, seit Monika Hirsch über 100 Meter triumphiert hatte. Das war 1981. Wie die Altmeisterin ist auch Mokobe ein Eigengewächs des Traditionsvereins. „Sie wurde bei uns ausgebildet und hat sich über viele Jahre hinweg kontinuierlich weiterentwickelt“, sagt Ehmann.
„Sie hat alles richtig gemacht“
„Viele Jahre“ ist freilich relativ. Zwar weilte Mokobe schon in jungen Jahren beim Universitäts-Sportclub, doch bevor eine spezifische Ausbildung begann, verabschiedete sie sich von der Leichtathletik und wechselte zum Basketball. Vom USC zum ASC – und auch dort hätte sie reüssieren können. „Sie war talentiert, schon damals sehr athletisch und hatte eine gute Größe“, sagt dessen Sportvorstand Dominique Liggins. „Die Grundlagen waren vorhanden, mit denen sie es zur Jugendnationalspielerin hätte bringen können.“ Entsprechend groß war das Bedauern, als Mokobe die Seiten wieder wechselte. „Aber wenn ich sehe, was sie in so kurzer Zeit erreicht hat, kann ich nur den Hut ziehen und sagen: Sie hat alles richtig gemacht.“
Jürgen Bernhart war es zu verdanken, dass die junge Sportlerin zu ihren Wurzeln zurückkehrte. Der Mainzer Leichtathletiktrainer hatte sie bei einem „Jugend trainiert für Olympia“-Landesentscheid gesehen und gelangte rasch zu der Überzeugung, dass in der Basketballerin viel Potential schlummerte, um eine sehr gute Sprinterin zu werden. „Lange bequatschen musste ich sie nicht“, erzählt er. „Judith war sehr offen dafür, mal wieder etwas anderes zu machen, und die Mädels aus unserer Trainingsgruppe kannte sie noch von früher.“
Nur eine Empfehlung sprach er aus: Sie solle nicht zu lange mit dem Wiedereinstieg zögern. Mokobe hielt sich daran und stieg noch gegen Ende ihres ersten U18-Jahres ins Training ein. Nach zwei Probeeinheiten hatte sie Feuer gefangen. Und das harte Training diente auch ihrem persönlichen Wohlbefinden. Sie sei viel ausgeglichener als zuvor, entspannter, schlafe besser, berichtete sie nach wenigen Monaten. Grund genug, konsequent dabeizubleiben.
Erstaunlich schnell stellten sich nicht nur Fortschritte in der Leistungsentwicklung ein, sondern auch Erfolge. Im Februar 2023 wurde Mokobe deutsche U18-Hallenmeisterin über 60 Meter. Und es ging Schlag auf Schlag weiter: Während ihres ersten Trainingslagers beeindruckte die Sprinterin ihre Coaches auf Mallorca bei Tempoläufen über 150 Meter, insbesondere aus der Kurve heraus. So sehr, dass Jürgen Bernhart den bis dahin ebenfalls betriebenen Weitsprung zurückdrehte und stattdessen die 200 Meter ins Wettkampfportfolio aufnahm, wie er sagt. Ihr erstes Rennen über diese Distanz bestritt Mokobe bei den Rheinhessenmeisterschaften, mit ihrem zweiten Start wurde sie süddeutsche Meisterin, und wenig später hatte sie ihren ersten nationalen Freiluft-Titel in der Tasche.
„Wie Judith ihre Chance genutzt hat, war phänomenal“
„Damals waren nicht alle Favoritinnen am Start“, sagt Bernhart, „aber wie Judith ihre Chance genutzt hat, war phänomenal.“ Als Meilensteine auf dem Weg seines Schützlings sieht er nicht nur die Erfolge, sondern in gleichem Maße die Erfahrungen, sich durchsetzen zu können. „Unter ihren Wettkämpfen und Meisterschaften waren auch welche, an denen sie gekränkelt hat und ihre Tagesform nicht optimal oder das Wetter katastrophal waren. Aber eine ihrer ganz großen Stärken ist es, sich unheimlich konzentrieren zu können.“
Mokobe baute ihre Serie um zwei U20-Titel aus, war 2024 bei den Weltmeisterschaften ihrer Altersklasse zweitbeste Europäerin und wurde ein Jahr später Europameisterin. 2026 war nach dem Wechsel in die U23, in der dieses Jahr keine internationalen Großereignisse anstehen, als Übergangssaison gedacht. Dass Mokobe ihre Titelsammlung bei der deutschen U23-Meisterschaft ausbaute, damit konnte man rechnen, wenngleich sie schon eine lange College-Saison hinter sich hatte. „Aber selbstverständlich wollte ich in Wattenscheid starten“, sagt sie, „und dann mal weitersehen.“ In den USA war die Mainzerin erstmals unter 23 Sekunden geblieben, zur EM-Norm von 22,85 Sekunden fehlten ihr lediglich fünf Hundertstel.
„Das haben wir gar nicht thematisiert“, sagt Mokobe. „Ich wollte nur versuchen, zwei schnelle Rennen zu laufen, und nach Möglichkeit eine Medaille gewinnen.“ Mit der viertbesten Vorleistung angetreten, untermauerte die USC-Athletin im Vorlauf ihre Ambitionen auf einen Podestplatz. „Wir wussten, dass sie um den zweiten oder dritten Platz würde laufen können“, erzählt Stefanie Bernhart, „unsere Favoritin war allerdings Sophia Junk.“
Tatsächlich aber drehte Mokobe in ihrem ersten Rennen mit den besten deutschen 200-Meter-Läuferinnen auf. „Ich bin ein Fan von starker Konkurrenz“, sagte sie hinterher. Nach der Kurve war sie knapp vorne, den Rest erledigte sie mit perfekter Technik und ihrem „mörderischen Willen“ (Stefanie Bernhart). Ihrem Trainer ließ sie vor Staunen den Mund offen stehen: „Bei solchen Windbedingungen kannst du eigentlich gar nicht so schnell laufen“, sagt er. Ihrer Trainerin trieb sie die Tränen in die Augen: „Ich hab geflennt.“
