„Der Jazz hat mich entnazifiziert.“ Fritz Rau hat diesen Satz im Jahr 2005 gesagt. Und einen passenderen Ort als das Amerika-Haus hätte er sich dafür wohl kaum aussuchen können. Gemeinsam mit Emil Mangelsdorff und Fritz Cremer saß das Konzertveranstalter-Urgestein damals auf dem Podium und sprach zur Eröffnung einer Veranstaltungsreihe des Hessischen Rundfunks über „Jazz und Demokratie“. Und darüber, wie diese Musik die jungen Deutschen die Diabolik des „Dritten Reiches“ habe erkennen lassen, über den Soldatensender AFN als „meine Musikhochschule“, über den großen Einfluss „der Besatzer“ auf Nachkriegs-Frankfurt.
Und wer dem damals schon weit über 70 Jahre alten Musikmanager dabei zuhörte, wie er eine Anekdote an die andere reihte, der mochte zumindest etwas erahnen von dem Geist und der Atmosphäre, die über viele Jahre den gelben Klinkerbau an der Staufenstraße zu einem der interessantesten Kulturorte der Stadt gemacht haben.
Diese Ära ging gut ein Jahr nach Raus Auftritt im Amerika-Haus zu Ende. Am 31. August 2006 übergaben die Amerikaner die Schlüssel für den denkmalgeschützten Bau. Geschlossen war das Amerika-Haus allerdings schon länger – im Prinzip seit fast fünf Jahren: seit dem 11. September 2001. Denn nach den Terroranschlägen in New York und Washington an diesem Tag war auch an der Staufenstraße in Frankfurt nichts mehr, wie es zuvor gewesen war. Das Amerika-Haus, das bis zu diesem Tag eine offene, jedem wie auch immer Interessierten zugängliche Institution gewesen war, wurde fortan scharf bewacht. Strikte Einlasskontrollen, Metalldetektoren, Sicherheitsbeamte – auch mit viel gutem Willen war das einstmals so lebendige Haus nicht mehr wiederzuerkennen.


Und selbst nach dem Auszug der Mitarbeiter der Presse- und Kulturabteilung des Generalkonsulats konnte es nicht wieder zum „open house“ werden. Zwar fanden von Zeit zu Zeit noch Veranstaltungen wie jene mit Fritz Rau statt, doch waren sie nie mehr für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Die Kündigung des Mietvertrags und die Abwicklung des Amerika-Hauses waren auch das Eingeständnis, dass die Freiheit in Zeiten des Terrors eben doch leidet und dass manches, was früher selbstverständlich gewesen war, nun nicht mehr möglich war.
Was bleibt, ist die Erinnerung an viele ebenso auf- wie anregende Abende in der Kennedy Hall und den anderen Räumen des Hauses. An heftige Diskussionen, hochkarätig besetzte Jazzkonzerte, bewegende Autorenlesungen, beeindruckende Ausstellungen, unterhaltsame Vorträge, spannende Wahlnächte, ausgelassene Partys und entspannte Barbecue-Nachmittage im Garten. Schon um die Jahrtausendwende konnten sich die Frankfurter kaum mehr einen Begriff davon machen, welche Anziehungskraft das Amerika-Haus vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf die Menschen gehabt hatte und wie einzigartig, fremd und mitunter auch unerhört es auf sie wirkte, was dort vor sich ging. Nach den Jahren des Totalitarismus war es nichts weniger als ein Fenster in eine neue, freiheitliche Welt.

Schon der erste bescheidene, 1946 eingerichtete Leseraum im alten Börsengebäude wurde förmlich überrannt. Die Bibliothek mit ihrem stetig wachsenden Bestand an Büchern, Zeitschriften und später auch Tonbändern und Schallplatten zog die jungen Deutschen magisch an. Aber auch an der Taunusanlage und an der Bockenheimer Anlage, wo das Kulturzentrum später untergebracht war, wurde der Raum bald knapp. Das änderte sich erst im 1957 eröffneten Gebäude an der Staufenstraße. In Scharen kamen die Frankfurter und sahen berühmte Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Politiker, bestaunten eine historische Blockhütte ebenso wie einen Stein vom Mond und den Schreibtisch von John F. Kennedy.
Das Gebäude selbst war sogar architektonisch ein Vorbild: nämlich für die Amerika-Häuser in anderen deutschen Städten, die später vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer als „eine der größten Leistungen Amerikas in Deutschland“ bezeichnet wurden.

Selbst die heftigen Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg, die Studentenproteste in den Sechzigerjahren und zahlreiche Attacken mit Brandbomben – zuletzt Anfang der Achtzigerjahre von RAF-Sympathisanten – konnten der Institution nicht schaden. Anders als die Anschläge vom 11. September 2001: Die strikten Sicherheitsvorkehrungen, die von der amerikanischen Regierung in Washington angeordnet wurden, machten aus dem „open house“ eine geschlossene Gesellschaft.
Der Umzug des amerikanischen Generalkonsulats und der damit verbundene Auszug der Mitarbeiter der Kultur- und Presseabteilung aus dem Gebäude an der Staufenstraße ließen 2005 dann noch einmal die Hoffnung keimen. Eine Weile wurde über die Idee eines „internationalen Hauses“ gesprochen, in dem sich neben den Vereinigten Staaten auch andere in Frankfurt vertretene Nationen präsentieren sollten. Umso überraschender kam die Kündigung des Mietvertrags aus Washington. Sie enttäuschte nicht nur die Verantwortlichen in der Stadt, sondern auch viele Mitarbeiter im Generalkonsulat.
Nach dem Auszug der Amerikaner wurde der gelb-orangefarbene Klinkerbau an der Staufenstraße Heimat der spanischen Kulturstiftung „Instituto Cervantes“. Und mit dem alten „Amerika Haus“-Schriftzug an der Stirnseite des Gebäudes verschwand auch ein wichtiger Teil der amerikanischen Präsenz im Frankfurter Stadtbild.
