
Siebzehn Tage vor dem Beginn des Irankriegs präsentierte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Weißen Haus seinen Plan zum Sturz des iranischen Regimes. Die Sitzung mit Donald Trump fand im Situation Room statt. Es war der 11. Februar, ein Mittwoch. Mossad-Chef David Barnea war per Video zugeschaltet. Für die Bewertung des Irankrieges in den Geschichtsbüchern könnte das Treffen später von entscheidender Bedeutung sein.
Die „New York Times“ hat schon vor mehr als drei Wochen darüber berichtet. Die israelische Zeitung „Yedioth Ahronoth“ hat am Donnerstag weitere Details dazu enthüllt. Demnach bestand der israelische Umsturzplan aus drei Teilen. Der erste Teil, die Ermordung des Obersten Führers Ali Khamenei und weiterer ranghoher Regimevertreter in den ersten Minuten des Krieges, lief wie erhofft. Der zweite Teil sollte nach 100 Stunden beginnen. Er bestand dem Bericht zufolge aus drei Komponenten: einer Bodenoffensive durch iranisch-kurdische Milizen aus dem benachbarten Irak, der Aufwiegelung der Bevölkerung in Teheran zu einem Volksaufstand und der Bombardierung von Regimekräften, damit diese den Aufstand nicht verhindern könnten.
Der dritte Teil sah die Einsetzung einer neuen säkularen Führung vor. Dazu soll Netanjahu Trump ein Video mit Optionen vorgespielt haben, darunter der frühere Kronprinz Reza Pahlavi. Über diesen Teil der Präsentation soll Trump später gesagt haben, das sei „ihr Problem“, wobei unklar geblieben sei, ob er die Iraner oder die Israelis meinte. Für Pahlavi hat Trump nie großes Interesse gezeigt.
Rubio hielt den Plan für „Bullshit“
Bekanntlich ist der Plan nicht aufgegangen. Die Militäroperation der kurdischen Milizen wurde abgeblasen. Und in Teheran ging niemand gegen das Regime auf die Straße. Neben den konkreten Details der erfolglosen Operation ist auch die Motivation der Informationsgeber interessant. „Yedioth Ahronoth“ lässt durchblicken, dass dabei Schuldzuweisungen und eine Ehrenrettung für den Mossad eine Rolle spielen. Konkret geht es um die Frage: Hat der Plan nicht funktioniert, weil er von vornherein illusorisch war, wie die „New York Times“ nahelegt? Oder hat er nicht funktioniert, weil „die Operation, die den Krieg entscheiden sollte“, gar nicht durchgeführt wurde, wie man in den Reihen des Mossad zu glauben scheint?
Der Bericht der „New York Times“ vom 7. April fällt für die israelische Seite wenig schmeichelhaft aus. Nach Trumps Treffen mit Netanjahu sollten die amerikanischen Geheimdienste den Mossad-Plan innerhalb eines Tages bewerten. Am 12. Februar wurde der Präsident über das Ergebnis informiert. CIA-Direktor John Ratcliffe soll die Idee eines Regimewechsels als Farce bezeichnet haben. Außenminister Marco Rubio sprach von „Bullshit“.
Generalstabschef Dan Caine wird von der „New York Times“ mit den Worten zitiert: „Sir, es ist nach meiner Erfahrung die Standardoperationsweise der Israelis. Sie übertreiben, und ihre Pläne sind nicht immer gut entwickelt.“ Israel verkaufe den Plan deshalb zu optimistisch, weil es wisse, dass es Amerika brauche.
Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Behauptung, Netanjahu habe Trump mit falschen Versprechungen in den Krieg hineingezogen. In der Zeitung „Yedioth Ahronoth“ heißt es dazu: Vance und Rubio hätten nach einem Weg gesucht, sich der Verantwortung für das Scheitern zu entziehen. Deshalb würden sie Netanjahu als Schuldigen und seinen Plan als illusorisch darstellen. Einer der beiden Autoren ist der Geheimdienstfachmann Ronen Bergman, der auch für die „New York Times“ schreibt und über exzellente Verbindungen in den Mossad verfügt.
Erdoğan soll Trump die kurdische Operation ausgeredet haben
Seine Gesprächspartner glauben, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit einem Telefonat bei seinem „Freund“ Trump dafür sorgte, dass die kurdischen Milizen nicht in Gang gesetzt wurden. Trumps Anweisung, die Operation zu stoppen, sei „nur Stunden bevor die kurdischen Truppen die Grenze überschreiten sollten“ gekommen. Erdoğan soll von den Iranern über die geplante Invasion informiert worden sein, schreibt die Zeitung. Bekannt war bisher nur, dass die Türkei strikt gegen eine solche Operation war, aus Sorge, dass sie kurdische Autonomiebestrebungen in der Türkei befeuern und eine Flüchtlingswelle in Richtung Türkei in Gang setzen könnte.
Der ursprüngliche Mossad-Plan sah demnach nicht nur vor, dass die Milizen kurdische Gebiete erobern – so wie Belutschen und Araber „ihre“ Gebiete. Die kurdische Bevölkerung sollte außerdem zu einem Marsch auf Teheran bewegt werden. Das wiederum sollte, zusammen mit israelischen Einflussoperationen und Luftangriffen auf die Basidsch-Milizen, die Bevölkerung in Teheran auf die Straße treiben.
Laut „Yedioth Ahronoth“ hat der Mossad unter seinem jetzigen Direktor Barnea seine Mittel zur Einflussnahme auf die iranische Öffentlichkeit massiv ausgebaut. Dies sei „in den Mittelpunkt“ des Kampfes gegen Iran gerückt. Über Details schweigen die Autoren. An anderer Stelle verweisen sie darauf, dass der Text wie üblich der Zensur durch das Militär unterliegt.
Auch der israelische Militärgeheimdienst war skeptisch
Die Zeitung geht nicht auf das Szenario ein, das Kritiker seinerzeit für wahrscheinlich hielten: dass ein bewaffneter Aufstand der Kurden wohl bewaffnete Azeris auf den Plan gerufen hätte, sodass es zu Kämpfen zwischen Minderheiten hätte kommen können. Und dass ein kurdischer Marsch auf die Hauptstadt, wenn er nicht ohnehin von Regimekräften gestoppt worden wäre, auch bei der Bevölkerung in Teheran eher Abwehrreaktionen ausgelöst hätte.
Im Institute for National Security Studies in Tel Aviv herrschte seinerzeit die Einschätzung vor, dass Israel auch mit einem Zerfall des Landes zufrieden wäre, wenn es nicht zum Regimewechsel komme. Im März äußerten israelische Regierungsmitarbeiter gegenüber amerikanischen Diplomaten dann selbst die Einschätzung, Demonstranten würden vom Regime „abgeschlachtet“, wenn sie auf die Straße gingen, wie die „Washington Post“ berichtete.
Skepsis an dem Mossad-Plan gab es laut „Yedioth Ahronoth“ nicht nur in Washington, sondern auch im israelischen Militärgeheimdienst. Vermutlich spielte auch Hybris eine Rolle. Womöglich war der Mossad geblendet von Erfolgen im Kampf gegen die Hizbullah, etwa der Explosion Tausender Beeper in den Händen von Hizbullah-Kadern (und anderen Menschen). Ebenso wie Trump aufgrund des Erfolges seiner Kommandoaktion gegen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro offenbar davon ausging, dass der Irankrieg nach wenigen Tagen vorbei sein würde.
Stattdessen wendete sich die Blockade der Straße von Hormus zugunsten Irans. Und das Regime, das eigentlich gestürzt werden sollte, sitzt nach Einschätzung der „Yedioth Ahronoth“ nun noch fester im Sattel.
