
Es sind Bilder, die an den großen Machtkampf in Wolfsburg vor knapp zwei Jahren erinnern. Nur läuten diesmal nicht die Beschäftigten von Volkswagen eine bundesweite Protestwelle ein, sondern die von Mercedes. Mit roten Fahnen, Trommeln und Trillerpfeifen haben am Freitag Zehntausende Mitarbeiter des Stuttgarter Autokonzerns in Sindelfingen und an anderen Standorten gegen Einsparungen demonstriert. Diese Woche wollen Beschäftigte der Branche mit einem Autokorso durch die baden-württembergische Landeshauptstadt fahren. Und bei VW in Wolfsburg droht schon der nächste Arbeitskampf, je nachdem, wie eine fast schon schicksalhafte Sitzung des Aufsichtsrats am Donnerstag läuft.
Die IG Metall hat bereits angekündigt, den Arbeitgebern in der einstigen deutschen Vorzeigebranche einen „heißen Sommer und Herbst“ zu bescheren. Soll heißen: Die Beschäftigten wollen nicht einfach hinnehmen, dass die Autoindustrie im großen Stil Personal abbaut und immer mehr Arbeit ins Ausland verlagert. 50.000 Stellen, so rechnet die Gewerkschaft vor, sind allein vergangenes Jahr in der Branche verloren gegangen. Historische Errungenschaften der Arbeitnehmervertreter wie die 35-Stunden-Woche stehen infrage, auch deshalb wird dieser Konflikt mit äußerster Härte geführt werden. Für die Unternehmen wiederum geht es jetzt ums Ganze. Gelingt es der Branche nicht, ihre Kosten zu senken, hat der Autostandort Deutschland keine Zukunft.
VW auf dem Boden der Tatsachen
Geradezu sinnbildlich ist die Lage im VW-Konzern. Lange hatten die teuren Sportwagen von Porsche, die Oberklasseautos von Audi und das hochprofitable Chinageschäft dem Konzern so viel Geld eingebracht, dass das Management die ausufernden Kosten an VW-Standorten wie Wolfsburg, Hannover, Emden oder Zwickau weitgehend ignorieren konnte. Die Krise der Premiummarken und der Verdrängungswettkampf in der Volksrepublik haben den VW-Konzern auf den Boden der Tatsachen geholt.
Schon während der ersten Sparrunde vor zwei Jahren hatten sich Zehntausende Beschäftigte an Protesten und Warnstreiks beteiligt. Jetzt steht noch weit mehr auf dem Spiel. Neben der möglichen Schließung vier deutscher Werke und dem Abbau von bis zu 60.000 weiteren Stellen rund um die Erde geht es darum, Komplexität zu verringern und den Wildwuchs an Modellen und Ausstattungsvarianten zu verkleinern. Eine solche Bereinigung verschleppt VW seit Jahren, auch weil allen Beteiligten klar ist, dass sie den Wegfall von Wertschöpfung in Deutschland bedeuten kann.
Im Fall von Mercedes sieht die IG Metall schon einen „abgestimmten Generalangriff“ auf die Beschäftigten der ganzen Branche heranrollen. Die 35-Stunden-Woche abschaffen und Mitarbeiter für das gleiche Geld länger arbeiten lassen: Tatsächlich wirkt der Vorstoß des Stuttgarter Managements wie ein Testballon der Metall-Arbeitgeber, auch vor den heranrückenden Tarifverhandlungen im Herbst. Die Arbeitgeber wollen abtasten, welche Instrumente sich eignen, um in möglichst vielen Betrieben die Arbeitskosten zu verringern. Beschäftigte wiederum sehen sich als Leidtragende, die Fehler ihres Managements ausbaden müssen. An dieser Sichtweise der Belegschaften ist durchaus etwas dran. Sie beantwortet allerdings nicht die Frage, wie die Branche unter heutigen Standortbedingungen endlich wieder wettbewerbsfähig werden kann.
Das Problem ist, dass der Druck noch weiter steigen wird. Chinesische Rivalen bauen neue, hocheffiziente Autofabriken in Süd- und Osteuropa. Gleichzeitig verschlingt die Entwicklung neuer Technologien Hunderte Milliarden Euro. VW, BMW, Mercedes und die vielen Zulieferer im Land brauchen deshalb jeden Cent für Investitionen. Das Reformpaket der Bundesregierung schafft zumindest an einigen Stellen mehr Flexibilität, etwa indem es den Kündigungsschutz für Gutverdiener mit einem Einkommen von mehr als 180.000 Euro lockern will. Das kann helfen, den aufgeblähten Apparat im mittleren Management zu verkleinern.
Auf der anderen Seite reagiert die Politik mit reflexhafter Abwehr auf Sparpläne. Im Land Niedersachsen, das am VW-Konzern beteiligt ist und gesetzliche Vetorechte hat, wirken die Reaktionen eingeübt. Als vor gut einer Woche bekannt geworden war, in welchem Umfang VW sparen will, machte Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) schon nach wenigen Stunden deutlich, dass eine allzu harte Restrukturierung mit ihm nicht zu machen ist. Solche Blockaden erwecken den Eindruck, dass der Ernst der Lage noch nicht ganz verstanden wird. Wenn sich die deutsche Branche nicht neu ausrichtet, wird sie im globalen Wettkampf zerrieben.
