Wer die Rheinstraße in Offenbach entlangspaziert, hört in der Ferne aufgeregtes Hundebellen. Es kommt aus dem Außenbereich des Tierheims, das abseits des Stadttrubels liegt. Täglich kommen Menschen mit Transportboxen aus Plastik durch das große Gittertor, um ihre Haustiere abzugeben. Knapp 70 Katzen und 18 Hunde sind hier derzeit untergebracht, in einem Nebenhaus noch Kaninchen und Meerschweinchen. Eigentlich sind das zu viele.
Weil der Platz nicht reicht, wurde der Konferenzraum in der oberen Etage, in dem die Tierpfleger sonst ihre Teamsitzungen abgehalten haben, zum Katzenraum umfunktioniert. Ein Dutzend Katzen sind hier zu Hause. Aus den Käfigen dringt lautes Miauen. Auch die Toiletten in der oberen Etage wurden umgebaut, um mehr Platz für Tiere zu schaffen. Für Meetings kommt das Team jetzt in der kleinen Mitarbeiterküche zusammen. An der Wand hängen etwa 20 Maulkörbe, auf der Ablage stehen leere Wasserflaschen, Futternäpfe und Walkie-Talkies.
Jenny Hankel nimmt auf der Eckbank Platz. Sie ist seit 15 Jahren im Tierschutzverein Offenbach. Angefangen hat sie als Azubi im Tierheim, später war sie lange im Vereinsvorstand, mittlerweile unterstützt sie den Verein ehrenamtlich.
Allein für den Tierarzt fallen monatlich etwa 10.000 Euro an
Jede Art von Hilfe ist willkommen: Das Tierheim steht vor großen finanziellen Schwierigkeiten. Im April rief man zu Spenden auf, seither hat sich nicht viel verbessert. „Alles ist teurer geworden“, sagt Hankel: Strom, Nebenkosten, Tierfutter, Reparaturarbeiten und auch die Kosten für den Tierarzt. Allein dafür fallen laut Hankel monatlich etwa 10.000 Euro an. Dazu kommen Investitionen in das 80 Jahre alte Gebäude, zum Beispiel soll bald eine neue Heizung eingebaut werden. Immer wieder müsse die Einrichtung umgebaut werden: Die Auflagen für Zwingergrößen seien angepasst worden, zusätzliche Mittel habe das Tierheim dafür nicht erhalten.

Viele Tierheime stehen vor solchen Herausforderungen. Laut dem Deutschen Tierschutzbund sind die Probleme weit verbreitet. Ende Mai 2026 hat der Dachverband der Tierheime daher eine Klage gegen die Bundesregierung eingereicht. Der Vorwurf: Die Regierung tut zu wenig für die Unterstützung der Tierheime, wie der Präsident des Tierschutzbundes, Thomas Schröder, im Gespräch mit der F.A.Z. sagt.
Die Vermittlung der Tiere ist schwieriger geworden
Derzeit werden die meisten Tierheime hauptsächlich von den Kommunen und Städten finanziert. Als Gegenleistung verpflichten sich die Tierheime per Vertrag, Fundtiere, also Tiere, die etwa auf der Straße aufgelesen werden, unterzubringen und zu versorgen. Die genaue Ausgestaltung dieser Verträge ist unterschiedlich. Laut Recherchen des Tierschutzbundes ist der Fundtiervertrag in knapp über 90 Prozent der Tierheime jedoch nicht kostendeckend. Neben Inflation und gestiegenen Personal- und Tierarztkosten sei auch die erhöhte Auslastung der Tierheime ein Problem, sagt Schröder: „Die Tiere bleiben eben nicht nur noch drei, vier Tage, wie vor 20, 30 Jahren, sondern eher Monate oder Jahre.“ Die Weitervermittlung sei schwieriger geworden.
Das berichtet auch Jenny Hankel. Viele der Hunde, die im Tierheim untergebracht sind, seien schwierig zu vermitteln. Für Interessenten sei das oft kaum nachvollziehbar. „Wenn die Familie den süßen, hübschen Husky sieht, der aber drei Menschen schwer verletzt hat, müssen wir trotzdem sagen: Nein, der Hund passt nicht zu Ihnen“, sagt Hankel. Das Ergebnis: schlechte Bewertungen und negative Kommentare in den sozialen Medien. Viele Tiere seien zudem krank – das verursache nicht nur Kosten für das Tierheim, sondern mache auch die Vermittlung oft unmöglich. Oft landeten diese Tiere dann bei den Tierpflegern, die sich privat der schwierigen Fälle annehmen.
Zusätzlich zum Geld, das von den Kommunen kommt, leben viele Tierheime auch von Spenden und Erbschaften. Das Problem dabei: Mit Spenden lässt sich nicht langfristig planen. Durch die Inflation sei das Spendenvolumen insgesamt zurückgegangen, sagt Schröder. Auch deshalb wolle er den Bund in die Verantwortung nehmen.
Tierschutz als Staatsziel
In der Klage beruft sich der Tierschutzbund auf Artikel 20a des Grundgesetzes. Darin ist das Staatsziel „Tierschutz“ festgehalten. Ziel der Klage sei demnach die grundsätzliche Klärung, ob der Bund eine Mitverantwortung für die Tierheime trage, sagt Schröder. Ein Sprecher des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat antwortet auf Anfrage der F.A.Z., dass die Zuständigkeit für Tierheime in Deutschland föderal organisiert sei. Die Verantwortung für die Finanzierung liege demnach bei den Ländern und Kommunen. Eine Finanzierung durch den Bund sei nicht vorgesehen.

Die Prioritätensetzung der Bundesregierung bezeichnet Schröder als „irritierend“. Er sieht eine „Ungleichbehandlung“ des Tierschutzes im Vergleich zu anderen Bereichen. Als Beispiel zieht er die „Sportmilliarde“ heran, ein Förderprogramm der Bundesregierung für die Sanierung kommunaler Sportstätten. „Wem Kunstrasen wichtiger ist als das Leben von Hunden und Katzen, den müssen wir vor Gericht zur Klarstellung zwingen“, sagt Schröder. Als Präsident des Tierschutzbundes habe er schon mit acht verschiedenen Ministern zu tun gehabt. Niemand habe sich für sein Anliegen interessiert. „Unsere Geduld ist am Ende“, sagt er. Den Rechtsweg sieht er als letztes Mittel. Die Politik ruhe sich auf dem „ideellen Anspruch der Tierheime“ aus – das sei eine Form der „emotionalen Erpressung“: „Unter Demokraten ist das kein würdiger Umgang.“
Höhere Belastung während der Urlaubszeit
Für das Tierheim in Offenbach hat die schwierigste Saison gerade erst begonnen: Die Sommermonate seien die Zeit, in der am meisten Tiere abgegeben werden, sagt Jenny Hankel. Der häufigste Grund: Zeitmangel. Viele Haushalte, die sich einen Hund anschaffen, beschäftigten sich vorher nicht richtig damit, was das bedeute. Im Sommer wollten viele in den Urlaub fahren – ein Haustier sei dann oft störend. Es gebe immer noch zu wenig Aufklärung, der Erwerb von Haustieren sei viel zu einfach. Schröder sieht das etwas anders: Wegen der geleisteten Aufklärungsarbeit sei diese typische Sommerwelle nicht mehr so hoch.
Aufgrund der starken Belastung müsse man manchmal Tiere auch ablehnen, berichtet Jenny Hankel. Doch in vielen Fällen nehme man sie trotzdem auf, obwohl man eigentlich keine Kapazitäten mehr habe. „Wenn die Leute hier stehen, fällt es schwer, Nein zu sagen“, so die Tierpflegerin. Komme das Tier nicht im Tierheim unter, lande es womöglich auf der Straße – und am Ende als Fundtier ohnehin im Heim. Oder schlimmer: Es werde verletzt oder bei einem Autounfall getötet.
Die Überlastung der Tierheime wirkt sich auch auf die Arbeit der Tierpfleger aus. Sie sei unter solchen Bedingungen nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch seelisch belastend. Manche Mitarbeiter hätten deshalb das Tierheim schon verlassen, erzählt Hankel. Trotz des stressigen Alltags gebe es aber auch oft schöne Momente. Vor Kurzem etwa sei der Hund Henry ausgezogen. Sechs Jahre habe der Pudelmischling in seinem Zwinger gewohnt. Nun habe er endlich ein neues Zuhause gefunden.
