Rund um Mitternacht waren logistische Meisterleistungen gefragt. Im Minutentakt wurden frisch gezapfte Getränke in die Umkleidekabine des SC Paderborn gebracht. Im Untergeschoss eines Stadions, in dem in Windeseile sogar eine kleine Stahlbühne zum Feiern aufgebaut worden war, roch es nach Bier und Schweiß.
Während der Aufstieg des SC Paderborn frenetisch umjubelt wurde, sollte Dieter Hecking erklären, wie bitter das gerade Erlebte war. „Ich muss das auch erst mal sacken lassen“, sagte der Cheftrainer des VfL Wolfsburg. 1:2 nach Verlängerung im zweiten Relegationsspiel verloren, erster Abstieg nach 29 Jahren in der 1. Bundesliga – für Hecking und den hohen Favoriten war am Donnerstagabend etwas passiert, das wie eine gnadenlose Bestrafung für die Sünden einer völlig misslungenen Saison daherkam.
Gesprungenes Glas, tiefe Verzweiflung
Sprechen mochte keiner von ihnen. Die Profis des VfL Wolfsburg wurden kurz nach dem Abpfiff von Sportpsychologin Sinikka Heisler tröstend in die Umkleidekabine begleitet. Das Glas der Tür zu ihrem Kabinentrakt war gesprungen und mit Klebeband notdürftig gesichert worden. Welcher Wolfsburger Profi auch immer seinen Frust mit einem Fußtritt verarbeiten wollte: Die Sachbeschädigung zulasten des SC Paderborn war Ausdruck einer tiefen Verzweiflung. „Wir haben sehr, sehr viel investiert“, sagte Hecking.
Er meinte nicht das viele Geld, mit dessen Hilfe beim VfL Wolfsburg ein Spielerkader für gehobene Aufgaben zusammengestellt worden war. Er meinte die letzten verzweifelten Versuche, ein nicht funktionierendes Kollektiv doch noch reparieren zu können.
Wie soll es nun weitergehen?
Nach dem 0:0 im Relegationshinspiel war der hohe Favorit durch ein Tor von Dzenan Pejcinovic nach nur drei Minuten in Führung gegangen. Aber eine frühe Gelb-Rote Karte gegen Joakim Maehle und zwei Gegentreffer von Filip Bilbija (38.) und Laurin Curda (100.) drehten eine Partie, die mit dem Absturz eines sündhaft teuren Projekts endete. Mit einem Spieleretat in Höhe von rund 80 Millionen Euro an einem Außenseiter wie Paderborn zu scheitern – das spült bundesweite Häme hervor und lässt Konsequenzen erahnen.
Vom Aufsichtsrat der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, dem kaufmännisch-juristischen Bindeglied zwischen Volkswagen-Konzern und Verein, gibt es das Bekenntnis zum Weitermachen. Aber wie? „Was war die Ausgangslage? Und wo waren wir am Ende? Der Verein muss sich jetzt Zeit nehmen, kurz innehalten und alles analysieren“, findet Hecking. Er war nach Paul Simonis und Daniel Bauer der dritte Wolfsburger Trainer in der laufenden Saison. Seine Bereitschaft, an einem Neuaufbau des VfL mitzuwirken, ist klar formuliert. Egal, in welcher Rolle.

Die Niederlage im 36. Saisonspiel war aus Sicht des VfL Wolfsburg das Spiegelbild eines gründlichen Missverständnisses. Was auch immer die Profis um Kapitän Christian Eriksen vor 15.000 Zuschauern versuchten: Es wirkte hilflos und hatte zu wenig Struktur. Der umstrittene Platzverweis gegen Maehle war der entscheidende Moment, der die Kräfteverhältnisse grundlegend verschob. Eigentlich hätte angesichts der großen finanziellen Unterschiede zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Paderborn kein Aufstieg des Zweitligaklubs klappen dürfen.
Zu viele Fremdeleien
Aber unter der Regie von Trainer Ralf Kettemann ist eine Energieleistung gelungen, die Respekt verdient. Der dritte Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse nach 2014 und 2019 wirft in Paderborn die Frage auf: Und jetzt? Bleibt der Verein seiner bescheidenen Personalpolitik treu? „Unsere Menschenkenntnis hat uns nicht verlassen“, sagte Vereinspräsident Thomas Sagel. Er kündigte an, neue Spieler nur gemäß der DNA des Vereins zu suchen.
Der VfL Wolfsburg dagegen steht vor der grundlegenden Entscheidung, mit wie viel Wucht und Budget es eine Spielklasse tiefer weitergehen soll. „Die meisten Spieler haben Verträge bei uns“: Diese spätabendliche Erinnerung von Hecking klang fast wie eine Drohung an alle jene Profis, deren Gehaltsgefüge nicht dem der zweithöchsten Liga und den zuletzt gezeigten Leistungen entspricht. Großverdiener wie der Algerier Mohamed Amoura, der Däne Jonas Wind oder der Österreicher Patrick Wimmer passen nicht zum Projekt Wiederaufstieg. Die Schlussphase des verlorenen Relegationsspiels offenbarte wieder, dass der kunterbunt zusammengestellte Spielerkader des im März entlassenen Geschäftsführers Peter Christiansen zu viele Fremdeleien enthalten hat.
Die angekündigte Aufarbeitung eines gescheiterten Millionenprojektes ist in Wolfsburg in Vorbereitung. Gesucht werden: ein Geschäftsführer Sport, ein Sportdirektor, ein Trainer, ein Spielerkader mit mehr Charisma und vor allem eine neue Ausrichtung. Es gibt Signale aus dem VW-Konzern, dass parallel zu einer gründlichen Aufarbeitung des Abstiegs weiterhin genügend Geld für den Profifußball zur Verfügung stehen soll. Falls im Krisenstab mit einem klassischen Flipchart gearbeitet werden sollte, gehört nicht nur die Frage nach der künftigen Ausrichtung aufgeschrieben. In Wolfsburg sollte es in Großbuchstaben um die Fragestellung gehen, wie es dem VfL gelingt, die Zahl seiner Kritiker zu verkleinern und etwas zu werden, das mehr Fußballverein als Fußballfirma ist.
