Manch einer greift sich im Kiosk das Lotto-Heft und wertet die vergangenen Ziehungen vor seinem nächsten Tipp aus. Vermutete Zusammenhänge werden auf Blöcken notiert, das Grübeln vor dem Lottoschein in der Annahmestelle gehört zum Erlebnis dazu. Doch Lotto wird immer digitaler. Online lassen sich sechs Zahlen auf allen zwölf Feldern mit einem Mausklick per Zufall befüllen. Im Bruchteil einer Sekunde ist der Schein fertig.
Je höher der Jackpot, desto mehr Menschen spielen. Das merkt auch Stefan Tweraser in den Umsatzdaten von Zeal Network, dem börsennotierten Unternehmen hinter Deutschlands größten Online-Lotto-Anbietern Lotto 24 und Tipp 24. Seit einem Jahr führt der Österreicher die Geschäfte und will das Unternehmen unabhängiger vom Jackpot-Geschäft machen. Dazu baut er das Lotteriegeschäft aus und expandiert nach Großbritannien.
„Wachstum steht bei Google auf der Tagesordnung“
Tweraser kennt sich aus im Digitalgeschäft. Von 2008 an war er fünf Jahre lang Google-Chef für den DACH-Raum, also Deutschland, Österreich und die Schweiz. In dieser Zeit hat der Betriebswirt Teile des Internets so aufgebaut, wie wir es heute kennen. Nun soll er die Lotterien von Zeal in diesem Internet ausbauen. Er selbst gibt sich bescheiden – das Internet verändere sich stetig: „Ich ruhe mich nicht auf alten Erfahrungen aus. Aber ich habe gelernt, ein Kundenerlebnis auf Plattformen aufzubauen“, sagt Tweraser im Gespräch mit der F.A.Z. „Was ich zu Zeal mitbringe, ist der unbändige Glaube an Wachstum, der bei Unternehmen wie Google auf der Tagesordnung steht.“

Schon sein Vorgänger bei Zeal, Helmut Becker, hat die Traumhausverlosung in das Portfolio aufgenommen. Alle zwei Monate werden Häuser verlost, jedes einzelne im Wert von mehr als zwei Millionen Euro. Damit sollen vor allem junge Menschen an das Lotteriegeschäft herangeführt werden. Weniger als 20 Prozent der Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen spielen Lotto. Zum Vergleich: 40 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland spielen regelmäßig oder gelegentlich Lotto. Statt die jungen Erwachsenen für Klassiker wie 6aus49 zu begeistern, lockt Zeal sie mit Häusern – und neuerdings Autos. Dienen die Häuser eher als „Zweitwohnsitz“, wie Tweraser sagt, soll die Autoverlosung mehr Vielfalt bieten.
Klar, es gibt einen 911er von Porsche oder einen Ferrari Amalfi zu gewinnen, aber eben auch Cabrios von BMW, Mini oder Mercedes. „Wir versuchen, einen Mix an Autos zu verlosen, bei dem auch alltägliche Autos dabei sind“, sagt der Lotterie-Chef. Sein Vorgänger Becker sagte vor zwei Jahren im Interview mit der F.A.Z., dass die Belegschaft die Expertise für Häuser erst habe aufbauen müssen. Gut 300 Mitarbeiter beschäftigt Zeal.
Tweraser ist überzeugt, dass die Autos im Portfolio ebenfalls ihre Kundschaft finden werden. Ein Porsche GT3 RS wurde Anfang Juli an den Gewinner geliefert. Zeal habe Erfahrung darin, in stark regulierten Märkten, wie der deutsche Glücksspielmarkt einer ist, Lotterien aufzubauen. „Unsere Plattform ist ausgereift, und wir wissen, wie Online-Marketing funktioniert. Zudem wickeln wir unsere Verlosungen mit einem maximalen Grad an Sicherheit ab.“
Wie viele Millionäre gibt es im Lotto in der Woche?
Zeal Network wurde 1999 unter dem Namen Tipp 24 in Deutschland gegründet, seit 2014 ist es die Zeal Network SE und war zwischenzeitlich im S-Dax gelistet. Diese ist nach eigenen Angaben mit 40 Prozent Marktanteil führend für Online-Lotterien und zählt 1,5 Millionen regelmäßige Kunden. Über die Plattform füllen Kunden Lottoscheine aus, die Zeal an die jeweiligen Landeslotterieanstalten weiterleitet. Wer dagegen bei Lotto selbst im Netz spielt, muss die jeweilige Landeslotterieanstalt selbst auswählen. Zeal will mit Nutzerfreundlichkeit punkten und bietet eine einheitliche Plattform bundesweit. Der restliche Marktanteil verteilt sich größtenteils auf die Lotterieanstalten der Länder. Insgesamt spielen jedoch mehr Menschen klassisch im Kiosk oder bei einer Lotto-Annahmestelle. So rühmt sich Lotto mit drei Neumillionären durchschnittlich in der Woche, bei Zeal sind es zwei. Es zeigt sich: Trotz Digitalisierung gehört es für manche zum Erlebnis dazu, den Schein selbst anzukreuzen. Auch Tweraser kennt das Gefühl: „Bei uns sind klassische Rubbellose vom Kiosk Familientradition. Da hat früher jeder mitgerubbelt.“
Die Halbjahreszahlen von Zeal verdeutlichen, dass es auch für Online einen Markt gibt. Der Halbjahresumsatz ist so hoch wie nie: Ein Plus von 20 Prozent auf 122 Millionen Euro vermeldete Zeal am Mittwoch. Vor einem Jahr betrug der Umsatz zur Jahreshälfte noch 100 Millionen Euro. 650.000 Kunden seien seit Januar neu hinzugekommen. „Wir wachsen in unserem deutschen Kerngeschäft“, lässt sich Tweraser in der Mitteilung zitieren. Er sehe „hervorragende Voraussetzungen für nachhaltig profitables Wachstum“.
Wegen Untreue angeklagt
Der 1969 geborene promovierte Wirtschaftswissenschaftler blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Früher war er Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey, später verantwortete er das Werbegeschäft bei der A1 Telekom Austria AG. Nach seinem Weggang dort heuerte er bei Google an. In dieser Zeit wurde er wegen Untreue von der Staatsanwaltschaft Wien angeklagt. Dabei ging es um eine Abfindung in Höhe von mehr als einer halben Million Euro. Der Prozess mit dem Namen „Telekom II“ war Teil der österreichischen Telekom-Affäre, bei der mehrere Mitarbeiter und ehemalige Beschäftigte des größten österreichischen Telekommunikationsunternehmens angeklagt waren. Tweraser zahlte die Summe zurück und wurde freigesprochen. „Das war eine persönliche Zäsur. Ich wünsche meinem schlimmsten Feind nicht, so etwas durchzumachen.“ Seine Arbeit bei Google hatte er nach der Anklage ruhen lassen. Drei Jahre lang – bis zum Freispruch – habe er es schwer gehabt, eine neue Stelle zu finden. „Meinen Sinn für Gerechtigkeit hat das geschärft, ich bin mit mir im Reinen“, sagt Tweraser heute.
Zum Gespräch mit der F.A.Z. ist Tweraser aus Großbritannien zugeschaltet. Dort hat Zeal vor einem Monat Seven Canyon übernommen, das auf der Insel mehrere Gewinnspiel-Plattformen betreibt. Zum Portfolio von Seven Canyon zählen ebenfalls Lotterien mit Häusern und Autos. Die Akquise zahlt auf Twerasers Strategie ein, Zeal unabhängiger vom Lotteriegeschäft zu machen. Großbritannien soll dabei erst der Anfang sein. Der Vorstandsvorsitzende schaue sich bereits weitere Märkte in Europa an.
