Der ukrainische Präsident äußerte sich klar und deutlich. Die israelischen Behörden könnten nicht auf Unwissenheit plädieren, schrieb Wolodymyr Selenskyj am Dienstagnachmittag auf der Plattform X. Sie wüssten genau, dass ein Schiff in einen israelischen Hafen eingelaufen sei, das gestohlenes ukrainisches Getreide geladen habe.
Russland beschlagnahme systematisch Getreide aus vorübergehend besetztem Gebiet und organisiere dessen Export über Personen, die mit den Besatzern gemeinsame Sache machten, erläuterte Selenskyj. Er hob hervor: „Solche Machenschaften verstoßen gegen die Gesetze des Staates Israel selbst.“
Die Ukraine habe vergeblich auf allen diplomatischen Wegen versucht, das zu verhindern, schrieb der Präsident weiter und kündigte an: Man werde jetzt ein Sanktionspaket gegen alle vorbereiten, die an diesem kriminellen Handel beteiligt seien oder daraus Profit zu schlagen versuchten.
Kiew setze auf Partnerschaft und gegenseitigen Respekt, erklärte Selenskyj abschließend. „Wir erwarten, dass die israelischen Behörden die Ukraine respektieren und von Handlungen absehen, die unsere bilateralen Beziehungen untergraben.“
Kiew warnt vor Konsequenzen
Die Ukraine und Israel unterhalten im Grunde freundschaftliche Beziehungen, aber durch den Konflikt um das Getreide werden diese nun auf eine harte Probe gestellt. Anfang der Woche war das unter der Flagge Panamas fahrende Frachtschiff Panormitis in die Bucht vor der Stadt Haifa eingefahren. Der Ukraine zufolge ist es mit Getreide aus den russisch besetzten Gebieten der Ukraine beladen.
Schon bevor Selenskyj sich äußerte, hatte die Regierung in Kiew laut Medienberichten Israel deutlich vor Konsequenzen gewarnt, sollte das Schiff die Genehmigung erhalten, seine Ladung zu löschen. Man sei bereit, „das gesamte Spektrum diplomatischer und völkerrechtlicher Maßnahmen zu ergreifen“, zitiert das amerikanische Nachrichtenportal Axios eine diplomatische Quelle.
Kiew reagiert auch deshalb gereizt, weil es kürzlich einen ähnlichen Vorfall gegeben hatte. Anfang April war das russische Frachtschiff Abinsk mit 44.000 Tonnen ukrainischen Weizens in Haifa eingelaufen. Kiew reagierte mit einer Rüge Israels. Die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtet, dass es in diesem Jahr mindestens schon vier Lieferungen gestohlenen ukrainischen Getreides an Israel gegeben habe – und weitere seit dem Jahr 2023. Insgesamt könnten 30 Schiffe mit gestohlener Ladung von russischen Häfen nach Israel gefahren sein.
15 Millionen Tonnen ukrainisches Getreide beschlagnahmt
Als jetzt die Nachricht von der Ankunft der Panormitis die Runde machte, zeigte Außenminister Andrij Sybiha sich empört. Es sei „schwierig, zu verstehen“, warum Israel „nicht angemessen“ auf die Aufforderung der Ukraine mit Blick auf die Abinsk reagiert habe, schrieb er am Montag auf der Plattform X. „Nun, da ein weiteres Schiff in Haifa eingetroffen ist, warnen wir Israel davor, das gestohlene Getreide anzunehmen und unsere Beziehungen zu beschädigen.“ Kiew bestellte am Dienstag auch den israelischen Botschafter Michael Brodsky ein, überreichte ihm ein offizielles Protestschreiben und forderte Israel auf, „angemessen zu handeln“.
Israels Außenminister wies Sybihas Äußerungen in gereiztem Tonfall zurück. „Diplomatische Beziehungen, insbesondere zwischen befreundeten Nationen, werden nicht auf Twitter oder in den Medien geführt“, schrieb Gideon Saar, der selbst immer wieder öffentliche Diplomatie über soziale Medien betreibt. Zu den Vorwürfen selbst äußerte er: „Behauptungen sind keine Beweise“, und Beweise habe die Ukraine bislang nicht vorgelegt. Immerhin kündigte Saar an, dass Israel die Angelegenheit prüfen werde.
Für die Ukraine geht es um keine Kleinigkeit. Russland hat seit seiner Besetzung der Ostukraine Schätzungen zufolge 15 Millionen Tonnen ukrainischen Getreides beschlagnahmt. Die exportiert es, um Sanktionen zu umgehen, mit Schiffen der sogenannten Schattenflotte in die ganze Welt. Die Journalistin Kateryna Jaresko vom Projekt Seacrime, das solche Vorfälle untersucht, berichtet, dass die Panormitis Gerste und Weizen aus der Ukraine geladen habe.
Ukraine wertet Verkauf als Kriegsverbrechen
Das Schiff selbst sei jedoch aus russischen Hoheitsgewässern gestartet. Um die Herkunft des Getreides zu verschleiern, brächten Frachtschiffe aus der Ukraine, in diesem Fall aus dem besetzten Hafen Berdjansk, die Ladung in russische Häfen, wo sie auf andere Schiffe umgeladen werde. Russland betreibe „auf staatlicher Ebene systematisch Desinformation“, schreibt Jaresko. In den Dokumenten würden falsche Verladehäfen angegeben, das sei vielfach dokumentiert.
Die Ukraine wertet den Verkauf solchen Getreides als Plünderung ihrer Ressourcen und als Kriegsverbrechen. Sie wirft Russland vor, mit den Einnahmen den Krieg zu finanzieren. Kiew hat deshalb ein Strafverfahren eröffnet und hofft auf Beweissicherung in Staaten, in denen diese Schiffe einlaufen.
Unabhängig davon exportiert die Ukraine inzwischen wieder selbst Getreide auf dem Seeweg über das Schwarze Meer. Russland hatte letztlich vergeblich versucht, die Exportroute und damit eine wichtige Einnahmequelle für Kiew dauerhaft zu blockieren. Vor dem Krieg hatte die Ukraine bis zu 60 Millionen Tonnen Getreide und Mais pro Jahr über die Schwarzmeerhäfen exportiert. Inzwischen hat sie eigenen Angaben zufolge etwa zwei Drittel dieser Menge wieder erreicht.
