
Der Verein für Socialpolitik, die wichtigste Vereinigung deutschsprachiger Ökonomen, ist ein merkwürdig geschichtsvergessener Klub. Vor 250 Jahren erschien das Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith, das gemeinhin als Beginn der Volkswirtschaftslehre angesehen wird. Das Jubiläum ist ein schöner Anlass, sich Smith zu widmen, nicht als dogmenhistorische Analyse, sondern nach der Bedeutung des Ahnherrn der Ökonomik für die heutige Zeit fragend. Es ist auch eine schöne Gelegenheit, Ökonomen am Beginn ihrer Laufbahn nahezubringen, dass die Volkswirtschaftslehre viel mehr zu bieten hat als die Masse an empirischen und ökonometrischen Studien, die derzeit das Fach bestimmen.
Auf der Jahrestagung des Vereins in Innsbruck war davon: keine Spur. Nicht eine Sitzung war dem Wohlstand der Nationen oder Smith gewidmet. Der tauchte zwar als Abbild auf der Krawatte des volkswirtschaftlichen Altmeisters Hans-Werner Sinn auf. Das aber ist nicht genug.
Wichtige Themen sind unterbelichtet
Die vertane Chance fällt umso mehr ins Gewicht, als auch andere Themen auf der Tagung mehr als unterbelichtet waren. Die Frage, wie ein Land wie Deutschland nach fast sieben Jahren der Rezession und Stagnation wieder auf die Beine kommen kann, wurde nicht gestellt. Oder die Fragen, ob mit der Geopolitik das Zeitalter des Freihandels und der Globalisierung vorbei sein muss oder wie Europa sich zwischen Amerika und China positionieren und aufstellen sollte. Eine kurze Diskussion über Mittag gab es dazu, aber da können die klugen Ökonomen doch mehr bieten. 2027 auf der Jahrestagung will man sich nun der Geoökonomik widmen. Die drängenden Fragen stellen sich freilich schon heute.
Wenn die wichtigen Wirtschaftsfragen der Zeit so vernachlässigt werden, überrascht es nicht, dass viele der bekannteren deutschsprachigen Ökonomen erst gar nicht nach Innsbruck reisten. Als Forum der wirtschaftspolitischen Diskussion wird der Verein in der Öffentlichkeit nicht (mehr) wahrgenommen. Auch damit wird eine Chance vertan.
Diskutiert haben die Ökonomen dennoch, und zwar über das Kerntagungsthema Verhaltensökonomik. Das ist der Strang der Ökonomik, der in vielem die Unvollkommenheiten der Menschen zum Thema hat. Es geht um wirtschaftlich handelnde Menschen, die nicht vollständig informiert sind, die sich und ihre Fähigkeiten über- oder unterschätzen, die zu sehr oder zu wenig risikobereit sind, die zu sehr auf die Gegenwart schauen und die Zukunft vernachlässigen. Kurzum: Es geht nicht um hyperrationale Theoriewesen, sondern um Menschen wie du und ich.
Erziehung mit der Frühstartrente
Ihre Blütezeit hat die Verhaltensökonomik längst hinter sich, sie befindet sich derzeit auf dem Marsch durch die Institutionen. Das bietet jungen Ökonomen viele Karrierechancen. Doch immer noch bleibt das Unbehagen, dass die Volkswirtschaftslehre, die sich doch eigentlich dem wirtschaftlichen Miteinander in einer Gesellschaft und nicht den psychologischen Befindlichkeiten der Einzelnen widmete, mit einem zu starken Fokus auf die Verhaltensökonomik auf Abwege gerät.
Fragt man die Ökonomen nach konkreten Anwendungsfeldern für verhaltensökonomische Erkenntnisse, bleiben die Antworten merkwürdig verhalten. Als Paradebeispiel wird dann die neue Frühstartrente genannt, mit der die Bundesregierung Kindern und Jugendlichen Geld schenkt, um sie an die Finanzanlage am Kapitalmarkt heranzuführen. Was früher als Aufgabe von Eltern angesehen wurde, übernimmt nun die Regierung. Man kann das pragmatisch oder evidenzbasiert nennen, aber es bleibt eine Regierung, die die Bevölkerung mit dem erhobenen Zeigefinger erziehen will. Merklich werden die Grenzen zwischen der staatlichen und der privaten Einflusssphäre verschoben, zulasten des Privaten.
Hier könnte ein Rückgriff auf Smith helfen, um die damit verbundenen Gefahren für eine liberale Gesellschaft zu erkennen. „Der Mann des Systems scheint sich vorzustellen, dass er die verschiedenen Mitglieder einer großen Gesellschaft so leicht arrangieren kann wie seine Hand die verschiedenen Figuren auf einem Schachbrett arrangiert“, schrieb Smith im Jahr 1759. So aber funktionieren offene Gesellschaften, die freiheitlich auf der Souveränität der Einzelnen aufbauen, nicht. Smith’ wichtige Erkenntnis war, dass die Marktwirtschaft im Normalfall die Interessen der Einzelnen dezentral koordiniert, ohne dass der Staat mit Zwang oder als Lehrmeister eingreifen muss. Diese Einsicht haben auch die Verhaltensökonomen noch nicht ausgehebelt.
