
Es braucht einen Moment, bis man begreift, was gerade passiert. Im Fernsehen draußen an der Hotelbar ertönt gerade der Anpfiff des Spiels zwischen Brasilien und Schottland. Der Barkeeper stellt ein kühles Bier auf den Tresen, das nach einem erfolgreichen ersten Arbeitstag in Caracas viel besser schmeckt, als es wirklich ist. Dann beginnt alles zu schwanken. Nicht wegen des einen Schlucks Bier. Die Erde bebt. Sie bebt so fest, wie es Venezuela noch nie erlebt hat.
Alle bleiben wie angewurzelt stehen. Die Sekunden dehnen sich in die Länge. „Un terremoto, carajo!“, schreit jemand – ein Erdbeben, verdammt! Ein Kellner eilt unter einen Türbalken, wie er es gelernt hat. Ein Gast weiß nicht, ob er raus- oder reinsoll. Kurz darauf schwankt es noch einmal. Scheiben zerbersten. Große Brocken des Putzes des achtstöckigen Gebäudes schlagen neben dem kleinen Pool auf, dessen Wasser in einer großen Welle überschwappt. Autoalarme sind zu hören. Nebenan stürzt der Vorbau eines Bürogebäudes ein, das wegen eines Feiertages glücklicherweise leer ist. Staub liegt in der Luft. Vermutlich schießt den Leuten gerade das Adrenalin ins Blut. Vini Junior erzielt das erste Tor der Brasilianer.
Wenig später stehen alle auf der Straße, einige kaum angezogen, mit einem Badetuch um den Körper. Ungläubige Blicke, bevor die Ersten die Fassung zurückerlangen. Das WLAN des Hotels funktioniert noch, um die Handys mit ersten Informationen zu versorgen. Die geologischen Dienste melden zunächst ein Beben der Stärke 7,1, später sind es zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5. Das Epizentrum liegt nur 100 Kilometer von Caracas entfernt. Nun begreifen alle, was passiert ist – und welch ein Glück sie hatten. Doch das Adrenalin hält die Tränen zurück.
Erst warten alle ab, dann kommen sie ins Gespräch
Der Kopf bleibt klar und wirft rasch die Frage auf, wie es weitergeht. Zuerst: War es das? Kommt ein Nachbeben? Dann: Wo komme ich unter? Wie komme ich an meine Sachen?
Eine Stunde lang warten alle ab, kommen ins Gespräch. Eine Venezolanerin, die in den Niederlanden lebt und bei der Familie und Freunden zu Besuch ist, erzählt, dass sie bei Beginn des Irankriegs bereits in Dubai war. Und nun das. Sie wisse nicht, ob sie ihre nächste Reise antreten werde. Der Hotelmanager schaut besorgt auf das Gebäude, dessen Mauern tiefe Risse aufweisen. „Wir müssen schließen“, erkennt er rasch. Irgendwann beginnen die Angestellten, die Habseligkeiten der Gäste aus den Zimmern zu holen und Wasserflaschen zu verteilen. Einige Gäste gehen selbst hoch. In den Zimmern liegen heruntergefallener Verputz und Staub.
Draußen beginnt die Dämmerung. Der Verkehr wird chaotisch, trotz des Nationalfeiertages an diesem 24. Juni. Eine Familie mit einem kleinen Kind bricht in Verzweiflung aus, will möglichst rasch das Land verlassen. Doch Videos, die im internationalen Flughafen an der Küste aufgenommen wurden, machen den Plan rasch zunichte. Andere werden von Bekannten abgeholt. Und der Journalist von einem venezolanischen Kollegen namens Carlos, der keine Minute zögert, als er um Hilfe gebeten wird.
Menschen sitzen auf Matratzen vor beschädigten Häusern
Eine halbe Stunde später steht Carlos vor dem Hotel, am Steuer des Kleinwagens sitzt seine Schwester Valeria. Auf den Straßen haben sich Menschen versammelt, an anderen Orten ist es gespenstisch leer. Einige Stadtbezirke sind ohne Licht und ohne Mobilfunknetz. Auch in der Wohnsiedlung, in der Carlos lebt, sind viele draußen. Einige haben Decken dabei, machen sich auf eine Nacht im Freien gefasst. Doch die Gebäude hier sollten erdbebensicher sein, versichert Carlos und drückt auf den Knopf, der den Lift ins achte Stockwerk bringt. In der kleinen Wohnung warten die Mutter, die Großmutter und der Schwager von Carlos, die alle hier wohnen. Sie starren gebannt auf den Fernseher an der Wand, wo Präsidentin Delcy Rodríguez gerade den Notstand ausruft. Dann fallen die Blicke auf den ungebetenen Besucher, der herzlich aufgenommen wird.
Die Nacht wird kurz. Das Adrenalin sitzt tief, und das Handy hat wieder Empfang. Spärliche Informationen aus Venezuela wechseln sich mit persönlichen Nachrichten ab. Es ist noch dunkel, da klingelt der Wecker. Die Straßen sind jetzt leer. Einige Leute sitzen auf Matratzen vor ihren beschädigten Häusern, trauen sich nicht hineinzugehen. In einer Straße im Stadtbezirk San Bernardino herrscht Betrieb. Lastwagen stehen aufgereiht am Rand. Weiter vorne sind Bagger und ein Kran zu sehen. Dahinter liegt ein Haus in Trümmern.
Es ist eines von mehreren in Caracas, das dem Erbeben nicht standgehalten hat. Zivilschützer und Sicherheitskräfte versuchen hier seit Stunden, unter den Trümmern Überlebende zu finden. Zwei konnten bereits lebend geborgen werden, zwei andere waren tot. Schaulustige stehen am Rand, andere helfen mit, bilden Kolonnen, um Trümmer abzutragen. Einige Angehörige der Vermissten schauen mit leerem Blick auf das Geschehen. Zwischendurch halten alle inne, weil die Helfer glauben, etwas gehört zu haben.
Hin und wieder ist ein Hubschrauber am Himmel zu sehen, der Richtung Norden über den Kamm des Ávila-Gebirges fliegt. Dahinter liegt das eigentliche Epizentrum der Zerstörung, der Bundesstaat La Guaira an der Karibikküste, wo der wichtigste Hafen und Flughafen des Landes liegen. Die wichtigsten Verkehrswege sind blockiert. Der Schwager von Journalist Carlos hat Verwandte an der Küste, die er unaufhörlich und vergeblich zu erreichen versucht. Die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Vielen Venezolanern geht es ähnlich. Auf verschiedenen Plattformen in den sozialen Medien und auf einer Vermissten-Suchseite im Internet häufen sich die Fälle. Tausende werden vermisst. Es ist zu erahnen, wie tragisch die kommenden Tage für das Land und seine Bevölkerung werden, die in den vergangenen Jahren so viel durchmachen musste.
Am Nachmittag hält in den Straßen von Caracas so etwas wie Normalität Einzug. Vereinzelt sind Busse zu sehen. Geschäfte öffnen ihre Türen, die Leute kaufen ein. Vor den Tankstellen bilden sich Schlangen, an die die Venezolaner aus vergangenen Jahren gewohnt sind. Die Schulen und andere öffentliche Institutionen bleiben geschlossen. Alle wissen, dass gerade nichts normal ist. Doch wenn die Venezolaner in den vergangenen Jahren etwas gelernt haben, dann ist es, eine Normalität vorzutäuschen, die es nicht gibt. Sie wirkt wie das Adrenalin, wie ein Schutzschild. Und wenn sie noch etwas gelernt haben, dann ist es, immer wieder aufzustehen, egal, wie hart der Schlag war.
