
Seit Februar 2025 ist klar, dass die USA sich aus der konventionellen Verteidigung Europas zurückziehen und die Europäer künftig die Hauptlast stemmen müssen. Das war die unmissverständliche Ansage der Regierung von Donald Trump, seinerzeit übermittelt von Verteidigungsminister Pete Hegseth. Seitdem ist im Bündnis nicht mehr von Lastenteilung die Rede, sondern von Lastenverlagerung. Nicht so klar war, wie dies in die Tat umgesetzt wird. Die Amerikaner sagten lediglich zu, dass es keine Überraschungen geben werde.
Einige davon lassen sich rasch füllen. Es hat dafür intern wohl auch schon Zusagen gegeben. Gut möglich, dass einige Verteidigungsminister diese öffentlich machen, wenn sie sich am Donnerstag bei der Allianz treffen. Das betrifft etwa die gut fünfzig Kampfflugzeuge, die Amerika zurückgezogen hat. Sie können durch modernere F-35 ersetzt werden, die von vielen Verbündeten bestellt worden sind und teilweise schon ausgeliefert wurden. Es sollte auch nicht so schwer sein, Tankflugzeuge, Seefernaufklärer und Aufklärungsdrohnen zu ersetzen. Die sind auf dem Markt verfügbar, und an Geld mangelt es Staaten wie Deutschland nicht.
Bisher haben die Staaten vieles zurückgehalten, sogar Flugzeugträger
Sogar einen Flugzeugträger sollte die Allianz von sich aus aufbringen können. Das Vereinigte Königreich verfügt zwar über zwei moderne Flugzeugträger, hat diese jedoch, wie intern zu hören ist, bisher nicht der Allianz „eingemeldet“. Das gilt auch für viele andere Fähigkeiten der Mitgliedstaaten. Im Durchschnitt behalten sie mehr als die Hälfte davon unter rein nationaler Kontrolle.
Dafür gibt es allerlei Gründe. Wer der NATO Fähigkeiten meldet, muss anspruchsvolle Bereitschaftszeiten erfüllen. Außerdem muss er die Fähigkeiten auch wirklich haben. Bei der Bundeswehr ging das jahrelang nur, weil sie Gerät von anderen Verbänden abzog, die dann selbst mit leeren Händen dastanden. Und natürlich geht es auch um Fragen der nationalen Souveränität.
Trotzdem muss sich gerade da etwas ändern. Die Zeiten, in denen man sich in Europa im Windschatten der USA bewegen konnte, gehen unweigerlich zu Ende. Der jetzige Rückzug von Beiträgen wird erst der Anfang sein. In den nächsten Jahren werden die Europäer auch Lücken bei den Landstreitkräften füllen müssen. Auf mittlere Sicht wird es gewiss nicht dabei bleiben, dass mehr als 80.000 US-Soldaten in Europa stationiert sind.
Zwei Elemente betreffen die nukleare Abschreckung
Problematisch ist allerdings, dass zwei Elemente, die nun entfallen, die nukleare Abschreckung der Allianz betreffen. So haben die USA einen von zwei Verbänden mit Langstreckenbombern zurückgezogen. Diese Flugzeuge können Atombomben aus großer Höhe abwerfen – kein europäisches Land besitzt etwas Vergleichbares.
Außerdem kann die Allianz nicht mehr auf U-Boote der USA zählen, die mit Marschflugkörpern bewaffnet sind. Zwar sind diese derzeit nur konventionell bestückt, doch befindet sich eine nukleare Variante in der Entwicklung, die insbesondere landgestützte russische Mittelstreckenfähigkeiten kontern soll. Das wäre für Europa umso wichtiger, als sich die US-Regierung entschieden hat, bis auf Weiteres selbst keine vergleichbaren Waffen in Europa zu stationieren, auch nicht in Deutschland.
Für die Europäer ist das ein Warnsignal, auch wenn der amerikanische Nuklearschirm fortbesteht. Sie werden die Bomber nicht ersetzen können, kein Land besitzt solche Flugzeuge. Im besten Fall dürfen sie darauf hoffen, dass Washington ihnen im Fall eines russischen Angriffs auch mit Fähigkeiten zu Hilfe kommt, die es nicht offiziell angemeldet hat – sofern es nicht parallel in einen Konflikt mit China verwickelt ist. Militärs dürfen allerdings nicht für den besten Fall planen. Sie müssen sich immer auf den schlechtesten ausrichten.
Keine Fortschritte bei Waffen für Präzisionsschläge
Da ist noch lange nicht genug geschehen. Vor zwei Jahren hatten Deutschland, Frankreich, Italien und Polen am Rande des NATO-Gipfels in Washington die Initiative für die Entwicklung einer Präzisionsschlagwaffe mit mehr als 1000 Kilometer Reichweite ergriffen, die Ziele rund um Moskau ausschalten soll. Später schlossen sich das Vereinigte Königreich und Schweden an.
Doch sind Fortschritte oder gar konkrete Planungen nicht zu erkennen. Bisher wurden nicht einmal Industriepartner ausgewählt, obwohl die Hersteller, die dafür infrage kommen, auf der Hand liegen. Stattdessen verließ man sich, auch in Berlin, auf eine amerikanische Überbrückungslösung – die nun doch nicht kommt.
Im selben Zeitraum hat die Ukraine mit dem Marschflugkörper FP-5 Flamingo eine Waffe entwickelt, getestet und zur Serienreife gebracht, die schon jetzt deutlich weiter reicht und bald sämtliche Ziele westlich des Urals erreichen soll. Es spricht einiges dafür, hier mit Kiew eng zusammenzuarbeiten und einen Transfer sensibler Technologien zuzulassen – im eigenen Interesse. Das gilt auch für andere Waffensysteme.
Wer sich künftig nicht jedes Mal von Amerika überraschen lassen will, darf nicht nur über Kriegstüchtigkeit reden. Sie muss das Maß aller Rüstungsvorhaben werden.
